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Warum wir Kälte unterschiedlich empfinden

Menschen nehmen Kälte offenbar sehr verschieden wahr. Dabei gibt es auch zwischen Männern und Frauen Unterschiede. Was ist Einbildung, was ist Fakt?

von Barbara Kandler-Schmitt, 18.02.2019
Warum wir Kälte unterschiedlich empfinden

Heiße alkoholische Getränke führen zu einem Wärmeempfinden. Tatsächlich kühlt der Körper aber aus, weil sich die Blutgefäße erweitern


Wenn seine Kollegen sich bereits eine Jacke überziehen, läuft Thomas Korff meistens noch im T-Shirt herum. Der Professor am Institut für Physiologie und Pathophysiologie der Universität Heidelberg hat dafür eine simple Erklärung: Als ­gebürtiger Nordhesse ist er unempfindlicher gegen Kälte. Auch wenn der Unterschied nur wenige Grad beträgt – wer lange in kühlen Regionen lebt, passt sich offenbar besser an niedrige Temperaturen an.

Doch es gibt noch andere Gründe für das individuelle Kälteempfinden. Vermutlich genetisch bedingt ist beispielsweise die Dichte und Verteilung der Kälterezeptoren in der Haut. Sie regis­trieren die Temperatur an der Hautoberfläche und leiten die Informationen über das Rückenmark weiter zur Steuerzentrale im Gehirn. Die wiede­rum reguliert die Körpertemperatur, indem sie den Blutstrom bei Kälte zur Körpermitte umverteilt. Jeder Mensch friert, sobald seine Körperkerntemperatur unter einen gewissen Punkt sinkt. Die unbewusste physiologische Reaktion soll vor Auskühlung schützen und setzt Verhaltensänderungen in Gang. "Der Mensch kauert sich zusammen, verkleinert seine Oberfläche und versucht, durch Zittern Wärme zu produzieren", schildert Physiologe Korff.

Männer sind dabei aus mehreren Gründen tatsächlich weniger verfroren als Frauen. "Wegen der größeren Muskelmasse haben sie einen höheren Grundumsatz und produzieren mehr Wärme", sagt Korff. Außerdem gibt ihr Körper weniger Wärme nach außen ab, unter anderem weil die Haut von Männern dicker und besser isoliert ist.

Frieren für den Nachwuchs

Doch auch bei den Frauen hat die Natur mitgedacht: "Um ungeborene Kinder optimal mit Blut zu versorgen, leiten sie die Wärme bei Kälte schneller von der Haut ins Körperzentrum", so Korff. Deshalb neigten Frauen eher zu kalten Händen und Füßen.

Neugeborene sind zunächst gut vor Kälte geschützt. Sie verfügen über größere Mengen an braunem Fettgewebe, das selbst Wärme produziert – sich aber im Lauf der Kindheit zurückbildet. "Weil das Verhältnis von Körperoberfläche und Volumen bei Kindern ungünstiger ist, kühlen sie schneller aus als Erwachsene", erläutert Korff.

Auch ältere Menschen sollten sich warm anziehen: Sie haben weniger Muskeln, einen geringeren Grundumsatz und dünnere Haut. Somit können sie ihre Körpertemperatur nicht mehr so gut regulieren. Zumal sie oft zu wenig essen oder an Krankheiten leiden, die den Grundumsatz drosseln, etwa an Blutarmut oder einer Schilddrüsen­unterfunktion. Diese müssen dann angemessen behandelt werden.

Gute Nachrichten für Frostbeulen

Wie empfindlich wir auf Kälte reagieren, hängt aber auch von unserer aktuellen Verfassung ab. Bei Müdigkeit zum Beispiel ist vor allem der Parasympathikus aktiviert – jener Teil des vegetativen Nervensystems, der Verdauung und Regeneration steuert. Alles andere läuft auf Sparflamme: Die Blutgefäße in der Haut erweitern sich, die Körperkerntemperatur sinkt. Wer bei Kälte einschläft, läuft deshalb Gefahr zu erfrieren. Vor allem wenn er Alkohol getrunken hat, der die Gefäße zusätzlich erweitert.

Eine gute Nachricht für alle Frostbeulen hat Professor Rüdiger Köhling, Leiter des Instituts für Physiologie der Universität Rostock: "Kälte auszuhalten kann man üben." Wer im Winter regelmäßig ins Freie gehe, senke die Empfindlichkeit seiner Kälterezeptoren. Wechselbäder, kalt-warmes Duschen oder Saunabesuche würden zudem die Blutgefäße trainieren, die sich dann besser an die jeweiligen Gegebenheiten anpassten.

Auch Sport heizt uns ordentlich ein: Jede Art von gemäßigtem Ausdauersport regt den Kreislauf an und steigert den Energieverbrauch. Die im Überschuss produzierte Hitze wird über die Blutgefäße der Haut nach außen abgegeben, wodurch ein angenehmes Wärmegefühl entsteht.

Schwitzen statt saufen

Alkohol hat anscheinend den gleichen Effekt. Vor allem beim Genuss von Hoch­prozentigem erweitern sich die Blutgefäße, die Rezeptoren signalisieren ein wohliges Wärmegefühl. Tatsächlich verliert der Körper aber Wärme und kühlt schnell aus. Heiße alkoholische Getränke wie Glühwein und Jagertee machen es nicht besser. Der Alkohol gelangt noch schneller ins Blut, und die zugeführte Wärme steht in keinem Verhältnis zum Wärmeverlust.

Wer dann seine Jacke öffnet, etwa weil er beim Skifahren geschwitzt hat, kühlt durch die Verdunstungskälte umso schneller aus und riskiert eine Erkältung. Physiologe Korff: "Wenn die Körperkerntemperatur zu stark sinkt, kann das Immunsystem Krankheitserreger schlechter abwehren."