Rückenschmerzen belegen in Deutschland regelmäßig Spitzenplätze, wenn Krankenkassen die Gründe für Krankschreibungen statistisch auswerten. Oft versuchen Schmerzgeplagte, ihre Pein mithilfe von Medikamenten und manuellen Therapien zu lindern. Immer mehr Patientinnen und Patienten setzen bei der Behandlung aber auch – ergänzend oder alternativ zu konventionellen Anwendungen – auf Osteopathie. Diese basiert auf der Annahme, dass Strukturen und Funktionen des Körpers miteinander verbunden sind und sich Verspannungen und Blockaden durch sanfte Einwirkung mit den Händen lösen lassen.

Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2021 war fast ein Viertel der 2500 Befragten schon selbst oder mit einem Kind beim Osteopathen. Rückenleiden standen als Anlass an erster Stelle. Die Nachfrage ist groß, obwohl die Therapie meist aus eigener Tasche bezahlt werden muss und die gesetzlichen Kassen sie allenfalls anteilig erstatten.

Patienten bekommen viel Zeit und Zuwendung

Professorin Marina Fuhrmann, die Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Osteopathen Deutschland e.V., sieht die Behandlung bei vielen Erkrankungen als sinnvolle Ergänzung zur konventionellen Medizin, beispielsweise bei Beschwerden am Bewegungsapparat. Bei Osteopathie-Terminen bekommen Kranke auch etwas, das im ärztlichen Praxisbetrieb oft fehlt: Zuwendung und viel Zeit für die eingehende Untersuchung und die Behandlung.

Möglicherweise erklärt das den Widerspruch, vor dem die Osteopathie bis heute steht: Subjektiv empfinden viele Patientinnen und Patienten, dass ihnen die Therapie hilft. Objektive und hochwertige Studiendaten, die eine Wirkung nachweisen, sind dagegen Mangelware. Um dieser oft geäußerten Kritik zu begegnen, verweist Fuhrmann auf die seit Kurzem verfügbare, offene Osteopathie-Datenbank „OSTLIB“, in der schon mehr als 2000 Studien und Fachartikel zu finden seien und die ständig um neue Forschungsarbeiten ergänzt werde.

Studien weisen oft methodische Schwächen auf

Als nach wie vor „insgesamt unzureichend“ bewertet Professorin Cordula Braun von der Cochrane Deutschland Stiftung die aktuelle Studienlage. Dies betreffe sowohl die Zahl als auch die Qualität der Arbeiten, ergänzt sie. Einige Kritikpunkte: Viele Studien hätten nur wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie methodische Schwächen. Sie seien hinsichtlich der untersuchten Personengruppen, der Behandlungen und der gemessenen Daten sehr verschieden und dadurch schwer vergleichbar.

„Studien zu einer Fragestellung kommen teilweise zu widersprüchlichen Ergebnissen“, berichtet Braun. Es fehlt ihrer Ansicht nach vor allem an hochwertigen Studien, die osteopathische Behandlungen mit klassischen Behandlungsverfahren vergleichen. Geht es um Beschwerden am Bewegungsapparat, wären das zum Beispiel Physiotherapie oder manuelle Therapie.

Hilfreich bei chronischen Rückenschmerzen

Für die so häufigen chronischen Rückenschmerzen sichtete ein Team von Expertinnen 2018 im Auftrag des Spitzenverbandes der Krankenkassen die wissenschaftlichen Daten. Zwar fanden sie leichte Hinweise darauf, dass osteopathische Behandlungen – ergänzend zur Standardtherapie eingesetzt – Schmerzen lindern und die Beweglichkeit verbessern können. Insgesamt aber bewerteten die Autorinnen den Nutzen der Osteopathie für Erwachsene mit solchen Leiden als „unklar“.

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Rückenschmerzen und Psyche

Rückenschmerz kann auch Kopfsache sein: Häufig tragen seelische Belastungen zu den Beschwerden bei, verursachen, verstärken oder verlängern sie. Was dann hilft

Jetzt hat eine aktuelle Übersichtsarbeit im British Medical Journal erneut die Wirksamkeit hinterfragt. Für Effekte bei Kindern und der Behandlung von Migräne oder des Reizdarmsyndroms fanden sich keine schlüssigen Belege. Anders bei chronischem Kreuzweh: Hier könne die Methode vermutlich schmerzlindernd wirken.

Hinweise auf schwere Nebenwirkungen fanden sich nicht, einige Probandinnen und Probanden berichteten aber über Gelenksteifheit oder Müdigkeit. In die Analyse wurden nur Studien einbezogen, in denen die Therapeutinnen und Therapeuten gut qualifiziert waren. Wer sich osteopathisch behandeln lassen möchte, sollte also darauf achten, dass Anbieter eine mehrjährige Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben.

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Quellen:

  • forsa-Umfrage im Auftrag des Verbandes der Osteopathen Deutschland e.V.: Osteopathie in Deutschland. https://www.osteopathie.de/... (Abgerufen am 12.07.2022)
  • Ostlib - Osteopathische Datenbank: Datenbank für osteopathische Studien und Fachartikel. https://www.ostlib.de/... (Abgerufen am 12.07.2022)
  • Robert Koch-Institut Berlin: Prävalenz von Rücken- und Nackenschmerzen in Deutschland / Journal of Health Monitoring. https://www.rki.de/... (Abgerufen am 12.07.2022)
  • Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. : IGeL Monitor: Osteopathie zur Therapie bei unspezifischen Rückenschmerzen. https://www.igel-monitor.de/... (Abgerufen am 12.07.2022)
  • Bundesgesundheitsblatt Ausgabe 5/2020: Osteopathie auf dem Prüfstand. https://www.springermedizin.de/... (Abgerufen am 12.07.2022)
  • Bagagiolo D, Rosa D, Borrelli F: Efficacy and safety of osteopathic manipulative treatment: an overview of systematic reviews. In: BMJ Open: 2022, https://doi.org/...