Das Transkript zur Folge 279 mit Eckehard Pioch:

 Ein Interview über Impfneid mit...

Mein Name ist Eckehard Pioch. Ich bin Psychoanalytiker in eigener Praxis und ich bin Vorsitzender des Psychoanalytischen Instituts Berlin. Außerdem habe ich zusammen mit meinen Kolleg:innen Sylvia Schulze und Ingo Focke das Buch "Neid: Zwischen Sehnsucht. und Zerstörung" herausgegeben.

Was ist Neid?

Neid ist eigentlich eine Mischung aus verschiedenen Grundgefühlen. Wut, Angst, Traurigkeit... Oft auch verbunden mit Scham. Und diese spezielle Mischung von Gefühlen, die wir "Neid" nennen, kann auftreten, wenn ich wahrnehme,  dass jemand anderes etwas hat, was ich nicht habe, aber was ich doch eigentlich auch haben sollte.

Wie entsteht Neid?

Vergleich ist entscheidend. Man könnte sagen, Neid lebt vom Vergleich. Ich stelle bei mir fest, jemand hat etwas oder ist etwas, was für mich besonders bedeutungsvoll ist, aber ich selbst habe es noch nicht.

Im Fall der Pandemie: Jemand anderes ist bereits geimpft und hat den Gesundheitsschutz, ich habe ihn noch nicht.

Ich fühle, ich bin von dem, was doch für mich auch so wichtig ist, schmerzhaft ausgeschlossen. Dann entsteht Neid. Es ist die emotionale Reaktion auf diesen Vergleich, der zu meinen Ungunsten ausfällt.

Was tue ich, wenn ich selbst Impfneid entwickele?

Menschen sind ihren Gefühlen nicht ohnmächtig ausgeliefert. Aber die Voraussetzung ist, dass ich mir meine Gefühle bewusst mache. Ich sollte also aufrichtig anerkennen, dass ich einen gewissen Neid auf diejenigen empfinde, die schon geimpft sind. Und wenn ich das anerkenne, dann kann ich auch... ja, diesem Gefühl tröstende, beruhigende Gedanken entwickeln, die dem etwas entgegensetzen.

Ich kann mir also zum Beispiel bewusst machen, dass die Impfreihenfolge nach dem Prinzip der größeren Bedürftigkeit ja auch etwas zutiefst Humanes hat. Wer sich als Teil einer Gesellschaft empfindet, die Schwache und Bedürftige im Blick hat, wird sich vielleicht weniger ausgeliefert fühlen als jemand, der einfach dabei stehen bleibt zu sagen: "Ich habe wieder mal den Kürzeren gezogen." Und jemandem Platz zu machen, der die Impfung vielleicht wirklich nötiger braucht als ich selbst, das kann ja auch als sinnhaft empfunden werden.

Im Fall der mit den Impfungen verbundenen Freiheiten könnte ich mich auch fragen: "Was hätte ich davon, wenn derjenige, der schon geimpft ist, auch auf diese Freiheiten weiterhin verzichten muss?" Bei genauer Betrachtung hätte ich doch eigentlich selbst gar nichts davon.

Muss ich mich für meinen Impfneid schämen?

Jedenfalls entsteht bei demjenigen, der Neid empfindet, oft gleichzeitig auch Scham. Denn Neid weist auf einen Mangel hin, auf ein eigenes Defizit. Und das ist oft schwer zu ertragen. Und es beschämt uns, dass uns dieser Mangel etwas ausmacht.

Aber in der aktuellen Situation ist es gleichzeitig auch verständlich, wenn bei denjenigen, die noch nicht geimpft wurden, Neid entsteht. Schließlich geht es um zwei für jeden Menschen sehr wichtige Güter.

Einmal geht es um den Gesundheitsschutz. Wenn ich noch nicht geimpft bin, besteht die Gefahr, von einer potentiell tödlichen Krankheit infiziert zu werden. Das kann in der Psyche des Menschen tiefe existentielle Ängste auslösen.

Und gleichzeitig geht es jetzt ja auch darum, dass diejenigen, die schon geimpft sind, auch mehr Freiheiten genießen, mehr Bewegungsfreiheit. Das ist ja auch ein sehr hohes Gut für die meisten Menschen.

Insofern sollte anerkannt werden, dass es auch gute Gründe gibt, diese Güter ebenfalls haben zu wollen. Neid sollte deshalb nicht tabuisiert werden.

Wie gehe ich mit dem Impfneid anderer um?

Also, die denkbar schlechteste Art des Umgangs wäre der Vorwurf: "Du bist ja nur neidisch."

Nein, es geht darum anzuerkennen, dass derjenigen, der noch nicht geimpft wurde, seelisch tatsächlich ja auch die größere Leistung vollbringen muss. Da geht es also darum, auch seine Seite zu hören und anzuerkennen. Also in der jetzigen Situation haben ja zum Beispiel die jüngeren Menschen, aber auch diejenigen, die Kinder zu Hause betreuen, wirklich auch besondere Opfer gebracht. Das sollte auch ausdrücklich anerkannt werden.

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