Das Transkript zur Folge 280 mit Heidi Thiemann:

Ein Interview über Alleinerziehende in der Pandemie mit...

Mein Name ist Heidi Thiemann, ich bin Initiatorin und geschäftsführende Vorständin von der Stiftung Alltagsheld:innen, die sich für die Rechte  von Alleinerziehenden einsetzt.

Ich selber war auch lange Jahre alleinerziehend mit zwei Söhnen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Alleinerziehende in der Pandemie?

Zunächst muss man generell sagen, dass Mütter insgesamt durch die Pandemiemsehr stark belastet wurden. Es ging durch die Medien: Homeschooling, Homeoffice, Haushalt... Da blieb das Eigene dann oft hinten an.

Und die Alleinerziehenden, die ja sowieso schon alles immer alleine machen müssen, hatten zu ihren normalen Mehrfachbelastungen... Dann noch dadurch, dass die Kinder nicht mehr betreut waren, nicht mehr in der Schule, im Kindergarten, sind die wirklich an den Rand von dem gekommen, was zu schaffen war. Und das ist ja dann oft auch sehr schnell verbunden mit Jobunsicherheit: Kann ich das noch machen? Was bedeutet das: Ich gehe in Kurzarbeit? Also insgesamt eine Situation, die sehr, sehr belastend war und ist ja noch.

Welche Unterstützung gibt es für Alleinerziehende?

Man kann sagen, die sind ziemlich vergessen worden, Alleinerziehende.

Wenn man dran denkt, dass die Lufthansa sehr schnell neun Milliarden bekam und dann auch trotzdem ihre großen Entlassungen gemacht hat, war zum Beispiel die Notbetreuung, die es am Anfang gab... Da wurden die Alleinerziehenden einfach vergessen.

Also die großen Wirtschaftsunternehmen konnten eben so viel Druck machen, und bei den Alleinerziehenden hat es wirklich lange gebraucht,   bis dann die Politik gesehen hat: Wir haben da eine große Bevölkerungsgruppe, immerhin sind es ja ungefähr 20 Prozent aller Familienformen, die haben wir vergessen, wir müssen die Kinder in die Notbetreuung nehmen, damit die Mütter, es sind ja vor allen Dingen Mütter auch, arbeiten gehen können.

Und trotzdem gab es dann Bundesländer, die zum Beispiel gesagt haben: Aber das geht nur, wenn die Alleinerziehende das alleinige Sorgerecht hat, was absurd ist, weil nach Trennungen heute die meisten ein gemeinsames Sorgerecht haben. Das heißt also, die kamen gar nicht in den Genuss dann.

Also insgesamt auch da ganz viel Verunsicherung, ganz viel... Immer wieder kam auch die Frage: "Kann ich noch meine Arbeit machen?", wo also auch immer wieder das Finanzielle im Mittelpunkt stand.

Dann haben wir eine Sache, zum Beispiel der Kinderbonus, den alle Familien bekommen haben. Gut, kann man drüber reden: Wie viel hat der wirklich gebracht? Aber bei den Alleinerziehenden kam eben auch nur die Hälfte an, weil der Elternteil, der unterhaltszahlend sein sollte, viele zahlen ja gar nicht, der hat 50 Prozent davon bekommen, obwohl er ja nicht die Mehrkosten hatte, weil er ja nicht betreut, die eben durch die Pandemie entstanden sind. Also das sah gut aus, war aber, wenn man reinschaute, dann doch eben letztendlich nicht so viel.

Was wir sehr positiv finden, ist, dass es eine Erhöhung des steuerlichen Entlastungsbetrages gegeben hat. Der war ja bisher knapp unter 2000 Euro und ist seit 1990 nicht erhöht worden, das muss man sich mal vorstellen, also inflationsbereinigt. Und endlich ist jetzt diese Anpassung durch die Pandemie gekommen. Und die soll auch dauerhaft bestehen bleiben.

Gleichzeitig muss man an der Stelle wieder sagen, dafür muss man erst mal erwerbstätig sein. Und 42 bis über 60 Prozent der Alleinerziehenden  leben an der Armutsgrenze. Viele bekommen auch Hartz IV, also Transferleistungen. Die profitieren durch solche Maflnahmen eben überhaupt nicht.

Also insgesamt kann man sagen, die Gruppe wurde vernachlässigt und es hätte sehr viel mehr passieren können und auch Unterstützung da sein können.

Jetzt das Müttergenesungswerk, ich weiß nicht, ob Sie das mitbekamen, hat in der letzten Zeit sich noch mal an die Öffentlichkeit gewandt, weil die Frauen derartig erschöpft da ankommen, dass sie viel länger brauchen, um sich überhaupt erholen zu können, weil eben die Pandemie in den Familien vor allen Dingen von den Frauen geschultert wurde.

Wie kann man selbst Alleinerziehende im eigenen Umfeld unterstützen?

Ich war ja selber lange Zeit alleinerziehend. Und da war das immer ein Highlight, wenn mal eine Freundin oder ein Freund mitgekocht hat und uns Essen vorbeigebracht hat. Einfach wegen der zeitlichen Entlastung. Oder jemand hat gesagt oder es gab eine Verlässlichkeit, dass das Kind immer am Wochenende mal zu der Person geht, um zu spielen, um gemeinsame Aktivitäten zu machen.

Das sind so die Punkte, wo dann eine Alleinerziehende auch mal durchatmen kann, vielleicht Dinge erledigen, die sie mit Kind nicht machen kann, aber einfach auch mal sich erholen, zu sich zu kommen, das ist ja so wichtig. Und solche Inseln der Kraft sind einfach total notwendig.

Ich persönlich mache das jetzt auch, weil ich ja jetzt nicht mehr in der Rushhour des Lebens bin. Also meine Kinder sind groß, aber ich gehe auch... Immer mittwochs nehme ich das Kind einer alleinerziehenden Freundin bis zum nächsten Morgen. Und für das Kind aber auch für die Mutter ist das einfach total klasse. Und ich habe ja auch Spaß daran. Also solche Kleinigkeiten können wirklich sehr helfen.

Auch im Arbeitsleben ist es so, dass da jetzt gerade in der Pandemie einfach wirklich bewusst Rücksicht genommen werden muss. Das heißt nicht, dass die Alleinerziehenden nicht ihre Arbeit gut machen können. Aber sie sind einfach noch mal in einer ganz besonderen Weise jetzt gefordert. Und deswegen Meetings nicht... wirklich nur in den Kernarbeitszeiten machen, oder eben auch viel Homeoffice, wenn man Führungskraft ist, dass man das sieht.

Also einfach hinschauen, wahrnehmen und auch sich solidarisch zeigen und unterstützen. Das ist das, was wir alle brauchen, was eine solidarische Gesellschaft ausmacht. Mit so einer insgesamten Haltung profitiert die gesamte Gesellschaft.

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