Nachgefragt! Folge 208 mit Prof. Dr. Gernot Marx

Das Transkript zur Folge mit Professor Gernot Marx:

Ein Interview über die Situation auf den Intensivstationen mit...

Mein Name ist Gernot Marx. Ich bin Klinikdirektor der Klinik für operative Intensivmedizin hier an der Uniklinik in Aachen. Und seit dem 01.01.2021 Präsident der DIVI. Das ist die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

Wie stark ist derzeit die Auslastung der Intensivstationen?

Die Lage ist nach wie vor sehr angespannt. Wir haben immer noch weit über 5000 Intensivpatienten mit Covid-19. Und darüber hinaus noch viele andere Intensivpatienten. Es sind über 80 Prozent der Intensivbetten in Deutschland gerade belegt. Aber man muss schon sagen, wir haben in den letzten Tagen etwas weniger Covid-19-Patienten auf unseren Stationen, als um den Jahreswechsel. Also der Spitzenwert war am 03. Januar mit 5745 Patienten zu verzeichnen.

Wir hoffen, dass es die ersten Anzeichen einer gewissen Wirkung des Lockdowns sind. Aber es ist regional auch sehr unterschiedlich. Zum Beispiel die Kolleginnen und Kollegen in Sachsen... Dort ist die Lage immer noch dramatisch, muss man sagen. Und wir hoffen, dass sich diese angedeutete Richtung in den nächsten Tagen fortsetzen kann.

Lassen sich schon Effekte durch den Lockdown erkennen?

Was ausgeblieben ist, wir hatten ja einen Peak befürchtet, aufgrund der höheren Kontakte während der Feiertage. Zumindest der Peak von Weihnachten, das können wir sicher sagen, der ist ausgeblieben. Das heißt, auf der einen Seite waren die Bürger:innen Gott sei Dank diszipliniert und zudem waren die Schulen auch geschlossen. Die Menschen hatten frei, es gab weniger Arbeitswege und Aufenthalte in den Arbeitsstätten.

Zumindest, wenn es Effekte gegeben hat, diese dann kompensiert. Silvester ist noch etwas früh, das können wir Ende der Woche sicher beurteilen. Aber insgesamt ist die etwas geringere Anzahl von Intensivpatienten ein Hinweis darauf, dass es eben erste Auswirkungen oder Effekte der Lockdown-Maßnahmen gibt. Dafür sind wir sehr dankbar, das ist sehr wichtig. Aber noch lange nicht im Bereich einer Entspannung. Und auf keinen Fall dürfen die Maßnahmen gelockert werden.

Wir brauchen diese Maßnahmen noch einen längeren Zeitraum. Um eben die Anzahl von Neuinfektionen und damit verbunden Covid-19-Intensivpatienten deutlich nach unten zu bringen. Und dann müssen wir eben weitersehen.

Brauchen Covid-19-Patienten eine andere Betreuung als nicht-Covid-19-Patienten auf Intensivstationen?

Man muss sagen, viele Patienten mit Covid-19 sind besonders schwer kranke Patienten, eben häufig mit Lungenversagen. Die besonders aufwändig, behandelt werden müssen. Eine sehr differenzierte Beatmung, sehr arbeitsaufwändige Lagerungsmaßnahmen. Zum Teil ist der Einsatz der künstlichen Lunge, der sogenannten extrakorporalen Membranoxygenierung, kurz ECMO, notwendig. Dazu eben die sehr aufwändigen Schutzmaßnahmen.

Das ist alles eine sehr hohe Intensität der Arbeitsbelastung. Für unsere Teams. Auch andere Patienten benötigen natürlich intensive Betreuung und Behandlung. Aber gerade auch unter den Schutzmaßnahmen... Ich weiß nicht, ob Sie mal eine FFP2-Maske mehrere Stunden hintereinander aufhatten. Wir müssen die ja wechseln, aber das ist eine hohe Belastung. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Gibt es spezielle Covid-19-Intensivstationen?

Im Prinzip haben wir zwei Optionen. Es kommt sehr auf die lokalen Gegebenheiten und Notwendigkeiten an. Es gibt Stationen, die machen sogenannte Kohorten-Isolation. Gewisse Bereiche sind dann nur für Covid-19-Patienten.

Das hat so gewisse positive Effekte, dass sich die Mitarbeiter nicht für jeden Patienten einzeln umkleiden müssen. Sondern eben entsprechend Handschuhwechsel und Desinfektion. Oder man betreut die Patienten in Ein- oder Zweitbettzimmern Dann ist quasi nur ein gewisser Teil der Station sozusagen für die Covid-19-Patienten vorgesehen. Es kommt auch drauf an, wie viele Betten zur Verfügung stehen. Wie viele Covid-19-Patienten sie haben. Das muss man lokal entsprechend lösen. Beides ist möglich.

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