Das Transkript zur Folge 263 mit Dr. Dietrich Munz:

Ein Interview über das psychologische Angebot während der Pandemie mit...

Mein Name ist Dietrich Munz. Ich bin Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer und der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg, und ich arbeite in Stuttgart in einem Krankenhaus für Psychosomatik.

Ist die Nachfrage nach psychologischen Angeboten in der Pandemie gestiegen?

Wir wissen aus der Telefonseelsorge, aber auch von vielen Beratungsstellen, dass die Nachfrage sehr stark zugenommen hat. Bei den Psychotherapeuten gibt es eine Umfrage, dass die Nachfrage nach Erstgesprächen nach einer Sprechstunde zwischen 30 und 60 Prozent zugenommen hat. Auch hier insbesondere bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen.

Das heißt die Nachfrage wegen psychischer Belastung und wegen psychischer Symptome, Schwierigkeiten, hat deutlich zugenommen.

Vor welche psychischen Herausforderungen stellt uns die Pandemie?

Die psychischen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie war zunächst die Ansteckungsgefahr. Das heißt die Angst, sich selbst, oder auch andere, anzustecken. Und Angst ist immer eine psychische Belastung. Angst bedeutet in diesem Fall auch Vermeidung, und Misstrauen, sehr oft, was auf die Dauer ein sehr unangenehmes und auch sehr belastendes Gefühl ist.

Dazu kamen dann wirtschaftliche Ängste. Angst um den Arbeitsplatz, existentielle Ängste... Das heißt die Frage, ob hier durch die Pandemie diese Nöte größer werden, und ob man selbst auch Möglichkeiten hat, sich abzusichern. Natürlich war das beispielsweise durch Kurzarbeit... empfanden wir hier für eine gewisse Entlastung. Aber auch Homeoffice war für viele dann doch belastend, weil es oft schwierig war, es überhaupt einzurichten und möglich zu machen.

Hinzu kam dann der Lockdown, die Beschränkungen... Das heißt die Beschränkungen für die sozialen Kontakte. Und wir sind als Menschen soziale Wesen. Wir brauchen Austausch mit anderen Menschen, gemeinsame Aktivitäten. Und insbesondere beim zweiten Lockdown hat sich das sehr, sehr deutlich gezeigt, dass Kinder und Jugendliche dadurch auch sehr belastet sind, psychisch belastet sind, aber auch in ihrer sozialen Entwicklung.

Wir sehen deutliche Entwicklungsschwierigkeiten, bei vielen Kindern psychomotorisch. Und auch Lernprobleme, nicht nur, wenn es zu Hause Schwierigkeiten gibt, wegen räumlicher Enge oder auch anderem, sondern eben auch diese gesamte psychische Entwicklung.

Kinder entwickeln sich im Umgang mit anderen Kindern. Und dass es doch fehlt, diesen Kindern, jetzt, das spüren die Kinder, das spüren die Eltern. Und wie gesagt, das kann dann auch zu Entwicklungsstörungen führen.

Wie kann das therapeutische Angebot verbessert werden?

Tatsächlich eine schwierige Frage, weil die Ressourcen begrenzt sind. Wir haben nur eine bestimmte Anzahl von Psychotherapeutenpraxen, und wir fordern auch schon länger ja eine Verbesserung.

Im Moment könnte es hilfreich sein, wenn die Krankenkassen die Möglichkeit, dass auch Privatpraxen, privat niedergelassene Kolleginnen und Kollegen, über die sogenannte Kostenerstattung die Behandlung direkt erstattet bekommen, und hier die formalen Hürden nicht so hoch gehängt werden, dass es wie bisher meist abgelehnt wird, sondern dass die Krankenkassen hier großzügig mitbezahlen.

Aber auch dann sind die Ressourcen noch, immer noch, begrenzt. Wir hoffen, dass sich da dann doch in absehbarer Zeit wieder eine gewisse Entspannung ergibt.

Welche Lehren kann man aus der Pandemie ziehen?

Vielleicht ist wichtig, dass wir aus der Pandemie gelernt haben oder lernen mussten, dass viel Wissen vermittelt werden muss, dass die Menschen dann ruhiger werden, wenn sie verstehen: "Warum sind diese Bedingungen erforderlich?" "Warum verändert sich... Was verändert sich durch die Veränderung des Virus?" "Was ist daran neu? Und es sollten die Regelungen, generell um psychische Belastung zu reduzieren, vor allem möglichst ähnlich oder gleich sein.

Und ich denke auch, die Politik muss zeigen, dass sie bei Weiterentwicklungen, bei Irrtümern, auch eingesteht, dass Fehler gemacht wurden. Das erhöht die Glaubwürdigkeit. Und die Menschen brauchen Perspektiven, dass sie keine falschen Versprechungen bekommen, sondern dass das, was ihnen erläutert wird an Hoffnung, auch sich realisiert.

Wir brauchen kurzfristig sicher auch Hilfen für die Kinder und Jugendlichen, die auffällig werden, jetzt schon in den Schulen erkennbar auffällig sind. Hier müssen die Hilfen deutlich verbessert werden, dass diese Kinder, nicht nur, was die Lerninhalte betrifft, sozusagen nachholen können, was sie versäumt haben, was schwierig war zu vermitteln, sondern eben auch in ihren psychosozialen Fertigkeiten, jetzt besonders gefördert werden.

Insbesondere die Kinder, die da auffällig geworden sind, brauchen hier Unterstützung und Hilfe, um nicht langfristig noch mehr, ich nenne es mal "abgehängt", zu werden.

Darum geht es in „Nachgefragt!“

„Nachgefragt!“ befasst sich mit allen Aspekten rund um die Corona-Pandemie: Wir sprechen mit Expert*innen aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch mit Menschen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Dabei kommt ein breites Spektrum von Menschen in den unterschiedlichsten Positionen zu Wort, von der Soziologin bis zum Labormediziner, vom Hautarzt bis zur pflegenden Angehörigen.

„Nachgefragt!“ ist ein Videopodcast, der seit 24. März 2020 an jedem Werktag erscheint. Sie können die Folgen über verschiedene Plattformen sehen und abonnieren beispielsweise bei:

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