Das Transkript zur Folge 264 mit Carola Sraier:

Ein Interview über Patientenrechte mit...

Meine Name ist Carola Sraier, ich bin Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Patientenstellen und arbeite seit vielen Jahren in der Patientenberatung in München und Schwaben.

Wie kann die Gesundheitskompetenz verbessert werden?

Gesundheitskompetenz bedeutet, dass Sie als Bürger in der Lage sind, relevante Informationen zu einer Fragestellung zu finden, zu verstehen und das Verstandene letztlich umzusetzen.

Und in Pandemiezeiten ist es natürlich so gewesen,  dass wir mehr denn je  an Informationen gebraucht haben und diese natürlich... Um dann auch in die Umsetzung zu kommen. Angefangen bei den kleinen Regeln, wie man Hygiene einhält, und so weiter. Und Gesundheitsinformationen zu finden, ist tatsächlich schwierig, nicht weil sie nicht vorhanden sind, sondern weil es zu viele Informationen gibt.

Wir erleben immer wieder in der Beratung auch, dass Patienten sagen: "Jetzt habe ich so viel gelesen und so viele Informationen. Jetzt weiß ich gar nicht, was ist denn die richtige davon? Und welche Bedeutung hat das für mich?"

Als Patientenberatungsstelle helfen wir hier dabei, nicht nur bezogen auf Pandemiefragen jetzt den Menschen zu helfen, Informationen nach ihrer Wichtigkeit für Sie zu sortieren und auch in den Kontext zu setzen, damit Sie überhaupt etwas damit anfangen können.

Interessant ist auch die neue Herausforderung für viele Bürger, dass ganz viele Informationen digital laufen. Und nun denkt man natürlich als junger Mensch, das ist ja auch alles ganz normal und so geht das heute. Aber wir dürfen eben nicht vergessen, dass wir viele Menschen, wenn wir es nur digital anbieten, die Informationen im Internet über die verschiedenen Kanäle, auch am Handy und so weiter, dass viele Menschen dann ausgeschlossen werden von diesen Informationen.

Ich glaube, wir müssen uns wirklich Mühe geben, auch im politischen Kontext, immer mitzudenken, dass die Informationen gut aufbereitet sein müssen und ganz viele verschiedene Kanäle bedienen, damit wirklich jeder Bürger an die Informationen kommen kann, die er sucht.

Wie kann ich von meinen Patientenrechten Gebrauch machen?

Also, wir haben natürlich in der Beratung eher nicht diese politische Verdrossenheit, sondern die Irritation darüber, dass Informationen heute anders sind, als sie gestern noch waren. Und diese Verunsicherung macht sich breit und endet sicherlich auch in einer gewissen Frustration.

Interessant ist aber, dass gerade in Pandemiezeiten uns oft geäußert wurde, dass die Patienten mit der Versorgung, also dem ärztlichen Kontakt mit der Versorgung im Krankenhaus sehr zufrieden gewesen sind.

Sollte das mal nicht der Fall sein oder etwas schieflaufen, man zum Beispiel nicht an seine Unterlagen rankommen, dann muss man sich dazu natürlich entsprechend informieren und zum Beispiel an Patientenberatungsstellen wenden, die dabei helfen, über das Einsichtsrecht aufzuklären, über die Dokumentation, über Aufklärung und so weiter.

Wenn man dann nicht mit diesen Informationen oder der Beratung hinreichend zurechtkommt, gibt es natürlich auch Möglichkeiten, zum Beispiel in Bayern sich an den Patienten- und Pflegebeauftragten zu wenden. Warum? Der nimmt Anfragen von Patienten auf, und trägt sie direkt in das politische Gespräch hinein, um eben, wenn man feststellt, bestimmte Problematiken häufen sich, dass man sie wirklich auch schnell in einen politischen Prozess einspeisen kann.

Es gibt auch, seit 2004 nunmehr, die organisierte Patientenvertretung. Dass in bestimmten Gremien der Selbstverwaltung Patienten mit eingeladen sind, eben ihre Stimme vorzutragen. Das ist ein wichtiges Instrument, um mehr Patientenorientierung in die Versorgung zu bringen.

Obwohl man immer sagt, ihr habt da ja nur Mitberatungsrecht, kein Stimmrecht. Ich muss trotzdem sagen, meine Erfahrung sind die, dass das reine Anwesendsein von mir und immer mal dieses Fingerheben und sagen: "Aber das sehen wir ganz anders, das erleben wir als Patienten anders", ganz oft schon zu Situationen geführt hat, dass eine andere Entscheidung getroffen wurde.

Insofern ist die Patientenbeteiligung ein wichtiges Instrument. Und ich sage immer: " Wissen Sie, Sie als Patient sind diejenige Person, die den Krankheitsverlauf von Anfang bis zum Ende miterlebt. Sie müssen die Erfahrung, die Sie machen, unbedingt weitergeben in die... zu den Studierenden der Medizin oder zu den Pflegewissenschaftlern, damit einfach der Blick nicht mehr nur so sektoral gesehen wird, sondern dass man den ganzen Verlauf des Patienten miterleben kann. Das ist ein ganz wichtiges Moment, die Patientenbeteiligung in Deutschland. 

Wo bekomme ich ohne Versicherungsschutz Hilfe?

Das ist natürlich ein großes Drama, gerade für Selbstständige, die ja immer für sich selber sorgen wollen, dass die plötzlich vor keinen Aufträgen stehen und auch keine Perspektive oft sehen.

Leider ist es so, wenn das Vermögen aufgebraucht ist und nicht zufällig eine Person vorhanden ist, die man eben schnell heiraten könnte, um in den kostenlosen Familienversicherungsschutz zu kommen, bleibt oft nichts anderes übrig, als leider sich zum Sozialamt zu begeben und dort zu beantragen zumindest eine Unterstützung, ergänzende Leistungen zum Lebensunterhalt, dass zumindest die Miete bezahlt wird und eben auch ein Zuschuss zur Krankenversicherung gewährt wird.

Wichtig zu wissen ist, dass jeder Bürger in diesem Land verpflichtet ist, eine Krankenversicherung zu haben. Und ich kann eben nicht entscheiden: "Das lasse ich jetzt mal weg, dann spare ich mir diese 600 Euro." Das geht nicht, Sie können nur Unterstützung beantragen, damit die Beiträge entsprechend bezuschusst werden können.

Im Bereich der privaten Krankenversicherung hat es seit 2009 einen Sozialtarif, der nennt sich Basistarif. Die Leistungen, die enthalten sind, entsprechen denen der gesetzlichen Krankenversicherung. Und wenn ich eben diesen Basistarif auch nicht zahlen kann, weil ich durch die Zahlung allein schon sozialhilfebedürftig würde, dann kann das Sozialamt hier einen Beitrag dazugeben. Das Unternehmen der Versicherung muss den Beitrag auch halbieren.

Am Ende des Tages kann eigentlich wirklich jeder diesen Preis bezahlen und ist im Krankheitsfall abgesichert.

Wissen Sie, das Problem ist oft, dass ich höre: "Na ja, dann spare ich mir das, ich bin doch auch gar nicht krank. Dann lasse ich das entsprechend weg." Das geht leider nicht, weil  wir haben einen Versicherungsschutz.

Glauben Sie mir, eine Krankenhausbehandlung können Sie nicht aus dem Sparschwein bezahlen. Deswegen ist es eben so wichtig, dass wir hier gucken, welche Möglichkeiten der Versicherung gibt es für die Leute.

Sollte mal gar nichts gehen, auch keine Unterstützung vonseiten des Sozialamtes, gibt es immer eine Notversorgung in Deutschland. Also wenn Sie umfallen auf der Straße, wird Ihnen geholfen auf jeden Fall. Auch wenn Sie Beitragsschulden haben, ist immer die Notversorgung sichergestellt.

Und es gibt gerade auch in großen Städten wie München einige Anbieter, wo ehrenamtlich arbeitende Ärzte Hilfe leisten. Das sind die sogenannten Ärzte ohne Grenzen oder open.med, so heißen diese Stellen, wo man unbürokratisch ärztliche Hilfe, auch zahnärztliche Hilfe, in Anspruch nehmen kann. Das finde ich sehr wichtig.

Und es gibt auch, und auch das ist ein wichtiges Moment, in einigen großen Städten wie Köln und München zum Beispiel, Clearingstellen, die dabei helfen, zu gucken: "Du hast seit neun Jahren keine Krankenversicherung gehabt. Wo warst du vorher versichert? Welche Möglichkeiten haben wir? Welche Eingangstür können wir finden, um dich wieder ins Versicherungssystem zu bringen?", und die aber auch manchmal, das ist auch eine wichtige Information, ein eigenes Budget haben, um eben Krankenhaus- oder ärztliche Behandlungen im Notfall bezahlen zu können für dich.

Das muss man natürlich wissen und sich auch trauen, sich dahin zu wenden. Aber ich denke, wir sind in Deutschland immer noch dabei, zu versuchen, dass jeder ärztlich betreut werden kann, wenn er es bedarf.

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