Das Transkript zur Folge 265 mit Prof. Dr. Gernot Marx:

Ein Interview über die Lage auf den Intensivstationen mit...

Mein Name ist Gernot Marx. Ich bin Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Und gleichzeitig bin ich Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen.

Wie ist  die derzeitige  Lage auf den Intensivstationen?

Die Lage ist sehr angespannt. Wir haben im Moment 4932 Intensivpatienten  mit Covid-19 auf deutschen Intensivstationen zu versorgen. Und haben zum Beispiel gestern 500 Patienten aufgenommen. Werden also bald über 5000 Patienten versorgen.

Die Lage ist natürlich regional unterschiedlich. Aber es gibt viele Regionen, wo es gar kein Intensivbett mehr gibt. Und letzte Woche zum Beispiel mussten schwer kranke, beatmete Patienten aus Thüringen Richtung Norddeutschland geflogen werden. Weil keine Intensivbetten in Thüringen vorhanden waren.

Die Lage ist dramatisch und spitzt sich auch zunehmend zu.

Trotz allem entgegnen einige, es gäbe immernoch  genug Kapazitäten. Was sagen Sie dazu?

Was die Menschen nicht verstehen, können vielleicht auch, wir haben ja fast immer in etwa die gleiche Intensivbettenzahl noch frei. Das sind immer um die 3000 Betten. Wobei für Covid-19 sind das etwa die Hälfte  1500 jetzt immer.

Das liegt darin, dass wir als Intensivmediziner:innen einfach unseren Job gut können und machen. Weil wir müssen ja immer vorbereitet sein, dass wir schwer kranke Notfallpatienten aufnehmen. Sei es der Verkehrsunfall, der  Herzinfarkt, der Schlaganfall, der Covid-19-Patient oder ein Patient, den wir operiert haben und der sich hinterher verschlechtert. Das kommt ja auch mal vor.

Und um solche Patienten sofort versorgen zu können, sorgen wir dafür, dass ein gewisser Anteil an Kapazität vorhanden ist. Normalerweise sagt man, eine Intensivstation ist ausgelastet,  wenn 80 Prozent der Betten belegt sind.

Wir sind jetzt so bei... etwa bei... Wir brauchen die High-Care-Betten für die Covid-19-Patienten. Also haben wir ein Bett im Schnitt pro Krankenhaus zur Verfügung. Das ist nicht viel.

Und es ist jetzt oft die Situation, wir nehmen jeden Tag Patienten  mit Covid-19 auf.  Wir sorgen morgens für eine gewisse Anzahl an freien Betten. Und nachmittags oder abends spätestens  sitzen wir in der Notfallaufnahme und haben keine Betten mehr für die Patienten. Und dann müssen sie zwischen Krankenhäusern hin- und hergefahren werden. Und so weiter und so weiter.

Wir können das nur deshalb schaffen, weil wir viele Operationen und Eingriffe absagen,  die nicht unbedingt notwendig sind.  Sonst würden wir es nicht schaffen.

Welche Konsequenzen hätte eine  Überlastung  der Intensivstationen?

Natürlich ist immer die große Diskussion, die im Hintergrund steht, das Wort Triage, wovor alle große Sorge haben. Da haben wir in Deutschland vorgesorgt,  dass wir die Notfallreserve haben. Das ist gut, aber die Menschen müssen verstehen, das ist die absolute Notfallreserve.

Das heißt, Katastrophenmedizin der gesamten Krankenhäuser.  Dass man sich nur auf die Versorgung von Beatmeten fokussiert. Menschen, die das eigentlich nicht gut können,  in die intensivmedizinischen Teams integriert.  Und dann notfallmäßig die vielen Kranken versorgt. Das wollen wir gar nicht erreichen.

Was im Moment passiert, um das zu vermeiden,  ist eben, dass wir planbare Eingriffe verschieben. Das hört sich vielleicht auf den ersten Blick nicht so schlimm an. Aber das ist für die Menschen,  wenn sie einen Eingriff geplant haben sei es am Herzen oder um einen Tumor zu entfernen, das ist zwar aus medizinischer Sicht nicht gefährlich.

Aber für die Menschen unglaublich belastend, wenn sie sich wochenlang vorbereiten auf einen OP-Termin, und der wird kurzfristig abgesagt und man weiß nicht, wann er stattfindet. Man induziert auch bei vielen Menschen viel Stress und viel Leid. Das ist nicht gut.

Unser Anspruch ist, alle Patienten mit allen Erkrankungen mit guter Qualität zu versorgen. Nicht nur die Patienten mit Corona-Infektion.

Wie bewerten Sie die politischen Maßnahmen?

Nun, man muss schon sagen, wir haben die erste und zweite Welle gemeinsam durchgestanden. Und die politischen Verantwortlichen haben doch immer... rechtzeitig die Maßnahmen... entschieden.

In der dritten Welle hatten wir sogar unser DIVI-Prognosemodell. Wir haben ja das DIVI-Intensivregister, und wir konnten mithilfe unserer Experten sehr, sehr präzise vorausberechnen, bei welcher Inzidenz welche Intensivkapazitäten mit Covid-19-Patienten  belegt sein werden. Und wir haben sozusagen dazugelernt. Und die Hoffnung war schon, dass wir dadurch gewisse Dinge vielleicht verhindern können.

Aber Intensivmediziner gucken nicht nach  hinten, sondern nach vorne. Jetzt geht es darum, das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu bringen. Wir müssen  die Infektionszahlen reduzieren. Zum Beispiel wie in Portugal.

Dafür sind Maßnahmen notwendig. Und wir hoffen inständig, dass morgen und übermorgen im Bundestag und Bundesrat die Abgeordneten und politisch Verantwortlichen jetzt diese Änderungen beschließen. Weil wir müssen als Bürgerinnen und Bürger unsere Mobilität einschränken. Wir müssen Kontakte vermeiden. Wir müssen Zeit gewinnen zum Impfen.

Und dann werden wir hoffentlich in einer überschaubaren Zeit von einigen Wochen genau da sein, wo jetzt  die portugiesischen Mitbürger sind. Die hatten eine viel höhere Inzidenz und sind jetzt bei weit unter 50.  Da wird gerade wieder geöffnet. Und das müssen wir auch erreichen.

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„Nachgefragt!“ befasst sich mit allen Aspekten rund um die Corona-Pandemie: Wir sprechen mit Expert*innen aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch mit Menschen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Dabei kommt ein breites Spektrum von Menschen in den unterschiedlichsten Positionen zu Wort, von der Soziologin bis zum Labormediziner, vom Hautarzt bis zur pflegenden Angehörigen.

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Nachgefragt! | Der Corona-Video-Podcast

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