Nachgefragt! Folge 232 mit Dr. Karsten Siemon

Das Transkript zur Folge 232 mit Dr. Karsten Siemon:

Ein Interview über Frührehabilition mit...

Mein Name ist Karsten Siemon oder Dr. Karsten Siemon. Ich bin Internist und Pneumologe und arbeite hier im Kloster Grafschaft in Grafschaft, ein Ortsteil von Schmallenberg bei Winterberg im Sauerland, in einer Fachklinik für Lungenerkrankungen und leite die Abteilung für Frührehabilitation nach Langzeitbeatmung.

Wie hat die Corona-Pandemie Ihren Arbeitsalltag verändert?

Die Corona-Pandemie hat unseren Arbeitsalltag deutlich verändert. Wir haben einen italienischen Kollegen, der uns zum Teil auch mit Informationen aus Italien versorgt hat. Das heißt, wir hatten nicht nur Sorge um unsere Patienten, sondern teilweise auch um Mitarbeiter. Wir wussten gar nicht, was auf uns zukommt, wie tödlich diese Erkrankung ist, von welcher Mortalität wir sprechen, weil die Zahlen gerade anfingen, im März letzten Jahres, erst sich zu entwickeln.

Wir haben dann im Krankenhaus uns darauf eingestellt, indem wir verschiedene Maßnahmen ergriffen haben. Maßnahmen, welche Patienten wohin geleitet werden. Wir haben eine Isolationsstation eingerichtet und auf der Intensivstation einen Bereich für eigens Corona-Patienten.

Auch bei uns in der Abteilung für Frührehabilitation hat sich das Krankheitsgut verändert. Wir hatten vorher Patienten mit vielen, vielen Erkrankungen, die nach chirurgischen Eingriffen nach irgendwelchen Maßnahmen mit Langzeitbeatmung zu uns gekommen sind. Und das hat sich immer mehr auf Patienten konzentriert, die quasi post Corona erkrankt waren, Post-Covid-19-Erkrankungen hatten.

Wie erleben Sie Ihre Post-Corona-Patienten?

Patienten, die eine Corona-Infektion, eine Covid-19-Pneumonie durchmachen, haben alle eine schwere Lungenerkrankung. Das kann zwar unterschiedlich schwer ausgeprägt sein, aber alle haben Luftnot in Ruhe oder wenn sie sich belasten.

Wenn die dann beatmungspflichtig werden, auf anderen Intensivstationen liegen, wird die Lunge womöglich durch die Beatmung zusätzlich geschädigt. Vielleicht haben die Behandlung durch die künstliche Lungenerkrankung.

Was alles noch erschwert, ist, dass sie komplett isoliert sind. Das heißt, diese Patienten haben seit Beginn ihrer Erkrankung ihre Angehörigen meistens nicht mehr gesehen. Und was diese Patienten dann alle eint, ist neben der körperlichen Erkrankung auch eine gewisse psychische Mitgenommenheit. Die sind alle psychologisch zusätzlich erkrankt, sodass wir bei uns in der Abteilung für Früh-Reha sogar noch unsere psychologische Mitbetreuung aufgestockt haben.

Was versteht man unter Frührehabilitation?

Was bedeutet Frührehabilitation? Wir haben den Begriff "Frührehabilitation" im Prinzip von den Neurologen ausgeliehen. Als wir in den 90er-Jahren anfingen, unsere Patienten von der Langzeitbeatmung zu entwöhnen, zu "weanen", also zu befreien, haben wir gemerkt, dass die Patienten erhebliche Probleme haben in der Motorik, der Selbstständigkeit. Die konnten gerade liegen, vielleicht sitzen, aber nicht gehen, nicht stehen. Diese Patienten waren überhaupt nicht in anderen Reha-Kliniken unterzubringen.

Dann haben wir gesagt, wir müssen eine Abteilung gründen, wo wir diese Patienten wieder fit machen können. Dann haben wir diese Abteilung entwickelt, Anfang der 2000er-Jahre, als Abteilung für Frühförderung oder Frühmobilisation. Zur Eröffnung 2005 nannten wir sie dann "Abteilung für Frührehabilitation", damit die Sachbearbeiter der Krankenkassen was damit anfangen können.

Der Begriff ist von den Neurologen entlehnt, und bedeutet einfach ein Patient, der von der Intensivstation kommt, diese Probleme hat, die ich beschrieben habe, und in diesem Bereich quasi nach Intensivstation in einem Bereich akut Krankenhaus trainiert wird, früh rehabilitiert wird. Früh am Zeitpunkt der Intensivbehandlung.

Wie gestaltet sich eine Frührehabilitation bei Post-Corona-Patienten?

Was diese Patienten eint, ist die schwere Lungenschädigung, die Lungenerkrankung, und mit diesen Lungenschädigungen können, die nicht so einfach trainiert werden. Das heißt, die brauchen Sauerstoff, manche brauchen eine Beatmung, Beatmung mit einer Maske. Dann werden sie unter dieser Sauerstofftherapie trainiert. Und zwar so, wie sie es schaffen. Das fängt an mit Liegen, mit Sitzen, mit Stehen, mit Gehen, Gehen mit Hilfsmitteln, Gehen mit Unterarmgehwagen, dann Gehen mit Rollator.

Wenn sie eine gewisse Fitness erreicht haben, werden die Patienten in weitere Reha-Einrichtungen, Anschluss-Reha-Einrichtungen verlegt. Und wir brauchen immer alle Vorbefunde. Das heißt, am Anfang einer Aufnahme suchen wir vom Vorkrankenhaus die Befunde. Meistens hat die Beatmung nicht im Vorkrankenhaus angefangen, sondern in einem Vor-Vorkrankenhaus. Die Befunde holen wir uns ran. Röntgenbilder, Lungenfunktionen, alles, was wir brauchen, um den Patienten optimal zu behandeln.

Wie lange dauert eine Frührehabilitation?

Die Früh-Reha dauert im Prinzip so um die 28 Tage. Etwas kürzer oder länger, das kommt auf die Erkrankung des Patienten an. Und dann ist es so, dass die nachher noch mal in eine Reha müssen. Ein großer Teil der Patienten, gut drei Viertel, kommt nach der Früh-Reha in eine Anschluss-Reha von etwa weiteren drei Wochen.

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„Nachgefragt!“ befasst sich mit allen Aspekten rund um die Corona-Pandemie: Wir sprechen mit Expert*innen aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch mit Menschen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Dabei kommt ein breites Spektrum von Menschen in den unterschiedlichsten Positionen zu Wort, von der Soziologin bis zum Labormediziner, vom Hautarzt bis zur pflegenden Angehörigen.

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Nachgefragt! | Der Corona-Video-Podcast

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