Das Transkript zur Folge 201 mit Dr. Felix Lorang:

Ein Interview über den Alltag in der Notfallmedizin mit...

Mein Name ist Felix Lorang, ich bin Oberarzt an einer Uniklinik in der Notaufnahme. Ich arbeite in der Notfallmedizin sowohl präklinisch, das heißt auf dem Notarztwagen, auf dem Hubschrauber. Aber auch in der Notaufnahme direkt. Das ist der Großteil meiner Arbeit.

Außerdem bin ich sehr aktiv in einem Projekt, das nennt sich: "Mediziner vs. Covid." Wo wir gemeinsam erarbeiten, was unsere Kollegen in den verschiedenen Kliniken machen können, um Covid-Patienten optimal zu versorgen. Um Versorgung auch in der Breite hinzubekommen. Weil wir viele spezialisierte Zentren haben, die viel Erfahrung haben mit schweren Erkrankungen, aber diese Patienten unsere kleine Kliniken vor Herausforderungen stellen. Damit Kollegen eine Ressource haben, haben wir was auf die Beine gestellt.

Wie ist die derzeitige Situation in Ihrer Notaufnahme?

Grundsätzlich, auch, was ich von Kollegen gehört habe, ist, dass wir noch am Rande der Kompensation sind. Wir könnten unsere Patienten alle noch versorgen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Patienten, die wir vorher gesehen haben, einfach weniger geworden sind.

Aktuell nimmt die Zahl der Corona-Patienten ständig zu. Auch was wir aus den Nachrichten hören, es werden immer mehr. Die Kliniken müssen sich da immer mehr drauf einstellen. Wir haben große Herausforderungen in den Notaufnahmen, weil die Patienten extrem aufwändig zu versorgen sind. Sodass wir, obwohl wir weniger Patienten haben, viel mehr Arbeit haben.

Inwieweit arbeiten Sie derzeit an der Belastungsgrenze?

Ich glaube, in jedem Bereich im Gesundheitswesen, aber natürlich in den Notaufnahmen besonders haben wir schon weit über die Belastungsgrenze gearbeitet, bevor das alles losgegangen ist. Das heißt, wir haben häufig sehr viele Patienten gehabt, haben Überlastungssituationen gehabt, und nicht ausreichend Personal.

In der Notfallmedizin lässt sich eine Personalvorhaltung extrem schlecht finanzieren und auch nur schlecht berechnen. Das ist ein komplexes Feld. Deswegen ist es leider noch so, dass wir unterbesetzt sind. Das ist durch Corona noch mal eskaliert. Und wir haben vorher schon gedacht, schlimmer geht's nicht. Das geht aber schlimmer.

Wir haben viele Kollegen, die jetzt krank und mit Corona ausgefallen sind. Diese Lücken müssen gefüllt werden. Die Belastung für alle Beteiligten macht die Situation aktuell sehr schwierig.

Wie verläuft die Aufnahme der Patienten während der Pandemie?

Wir haben einen unglaublichen hohen Aufwand, diese Patienten zu versorgen. Wir sehen aktuell jeden Patienten im Schutz. Das muss man sich so vorstellen, dass man eine Maske aufsetzt, eine FFP3-Maske. Man hat eine Schutzbrille auf, eine Schutzhaube. Man hat einen Schutzkittel auf.

Klar, wenn ich das bei jedem Patienten mache, bedeutet das für mich einen erheblichen Zeitaufwand. Bei jedem Patienten, der dem Patienten aber nicht zugutekommt. Nicht der Versorgung, sondern einfach dem Schutz  des Patienten und des Personals. Das hat die Versorgung erheblich verändert.

Auf der anderen Seite sind die Patienten eindeutig, so wie sie sich entwickeln. Es gibt einen Großteil mit schweren Luftnotsymptomen. Die sind leicht zu erkennen. Aber wir haben viele, die mit ungewöhnlichen Symptomen kommen. Schlaganfall in jungen Jahren. Oder aber gastrointestinale Probleme. Durchfall, Erbrechen.  Die sich damit bei uns präsentieren. Auch diese Patienten können Corona haben, da müssen wir aufpassen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie derzeit?

Es stellt uns vor eine menschliche Herausforderung, weil wir sehr viele, sehr kranke Patienten sehen, die zum Teil eine sehr schlechte Prognose haben.

Gerade auch wenn wir präklinisch unsere Patienten versorgen, in Pflegeheimen, wo ganze Stationen infiziert sind. Wo sich die Älteren gar nicht dagegen wehren konnten, die Ausbreitung zu verhindern. Weil es über Patienten, Besucher oder über Personal eingeschleppt wurde. Da sehen wir ganz schlimme Situationen. Wo eben die älteren Menschen in der Situation versterben.

Auch in der Klinik sehen wir das, dass die Patienten, die zu uns kommen, relativ rasch versterben. Das belastet uns natürlich sehr. Weil wir wissen, was in den letzten Monaten passiert ist. Und viele Dinge hätten verhindert werden können. Wenn wir konsequenter mit der Hygiene oder möglicherweise mit einem früheren Lockdown einiges hätten verhindern können. Das belastet einen, weil wir die Personen sind. die am Ende die Patienten auf ihrem letzten Weg begleiten.

Wie könnte Ihre derzeitige Situation verbessert werden?

Grundsätzlich ist immer die einfachste Variante, zu sagen, wir müssen gut ausgebildetes Personal an der richtigen Stelle haben. Das würde uns schon mal deutlich entlasten. Ich glaube, dass viele Kliniken daran arbeiten, das hinzubekommen.

Dann brauchen wir in der jetzigen Situation ein komplettes Zurückfahren aller Elektivmaßnahmen. Auch wenn das individuell nicht einfach ist. Wir brauchen die Ressourcen für die Versorgung dieser Patienten. Um eben diese grundsätzlich schwere Erkrankung soweit ein bisschen einzuschränken. Wir wissen, dass Patienten unbehandelt eine deutlich höhere Sterblichkeit haben. Auch eine höhere Schädigungsrate.

Das sind Patienten mit Langzeitfolgen, wenn sie nicht gut behandelt werden. Wir können unsere Patienten bald nicht mehr ausreichend behandeln. Deswegen brauchen wir eine Fokussierung unserer Kliniken auf dieses Problem.

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