Das Transkript zur Folge 254 mit Professor Peter Berlit:

Ein Interview über Hirnvenenthrombosen mit...

Mein Name ist Peter Berlit, ich bin Neurologe war bis Ende 2017 Chefarzt einer großen neurologischen Klinik. Und bin seit 2018 Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Berlin.

Was ist eine Hirnvenenthrombose?

Da geht es um den Verschluss der venösen Gefäße im Gehirn. Das heißt, der Gefäße, die das Blut aus dem Gehirn abtransportieren. Und ein solcher Verschluss der Hirnvenen führt typischerweise zu einer Stauung. Das heißt, es kann zum Flüssigkeitsaustritt aus der Gefäßwand ins Hirngewebe, zu einem Hirnödem kommen. Es können Durchblutungsstörungen oder Stauungsblutungen auftreten.

Welche Symptome hat man bei einer Hirnvenenthrombose?

Die Schwellung im Gehirn führt zunächst zu Kopfschmerzen. Sehr unangenehme, anhaltende Kopfschmerzen, die häufig in den Morgenstunden betont sind. Sobald es zu Blutungen oder Durchblutungsstörungen kommt, können Schlaganfallsymptome auftreten, Lähmungen, Gefühlsstörungen, Sprach- und Sehstörungen. Und in dem Zusammenhang können epileptische Anfälle sich erstmals zeigen.

Wann treten Hirnvenenthrombosen auf?

Hirnvenenthrombosen sehen wir gehäuft immer dann, wenn eine erhöhte Gerinnungsneigung besteht. Das ist beispielsweise der Fall im Wochenbett, bei jungen Frauen, die entbunden haben. Da besteht eine erhöhte Gerinnungsneigung. Dabei treten gehäuft Hirnvenenthrombosen auf.

Wir sehen es aber auch, zum Beispiel in Verbindung mit angeborenen Gerinnungsstörungen. Davon können Männer als auch Frauen betroffen sein. Und wir haben es gehäuft gesehen bei jungen Frauen, im Zusammenhang mit der Einnahme von Ovulationshemmern. Also der Antibabypille. Dadurch wird ja das Thrombose-Risiko erhöht.

Wie behandelt man eine Hirnvenenthrombose?

Das Entscheidende ist, eine Blutverdünnung durchzuführen. Das macht man in der akuten Situation, wenn man die Diagnose gestellt hat mit Heparin. Und dann ist es anschließend erforderlich, für zumindest die Dauer eines halben Jahres, eine Blutverdünnung mit Tabletten durchzuführen.

Wichtig ist, diese Blutverdünnung muss auch erfolgen, wenn Hirnblutungen aufgetreten sind. Man denkt immer, bei Hirnblutungen darf man keine Blutverdünnung durchführen. Aber es sind Stauungsblutungen, die entstehen dadurch, dass der Blutfluss in den Venen unterbrochen ist. Und nur durch eine Blutverdünnung kriegen wir den Blutfluss wieder hergestellt.

Es gibt seltene Situationen, wo tatsächlich die Blutverdünnung in der Behandlung nicht ausreicht.  Und da haben wir heute, und das ist eine relativ neue Therapie, die Möglichkeit, über einen Kathetereingriff, die Thrombose zu entfernen. Unsere neuroradiologischen Kollegen gehen mit einem Katheter in die Hirnvene hinein und machen dort eine Thrombektomie.

Wir kennen das von den arteriellen Schlaganfällen, wo man auch die Gerinnsel entweder auflösen kann oder das Gerinnsel rauszieht mit einem Katheter. Und das geht in spezialisierten Zentren auch im venösen System.

Zu welchen Schäden können Hirnvenenthrombosen führen?

Das eine ist, dass es durch Durchblutungsstörungen und Blutungen ins Hirngewebe zu Narben dort führen kann. Sodass auch bleibende neurologische Ausfälle wie Lähmungserscheinungen, Gefühls- oder Sprachstörungen zurückbleiben können.

Solche Narben können zu wiederholten epileptischen Anfällen führen. Sodass gegebenenfalls auch eine Behandlung mit Antikonvulsiva, Medikamente gegen Epilepsien, auf Dauer erforderlich sind. Und es kann auch zu im weitesten Sinne neuropsychologischen Dauerfolgen kommen. Mit Gedächtnis- und Konzentrationsproblemen. Und Ähnlichem.

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