Das Transkript zur  Folge 253 mit Dr. Florian Kainzinger:

Ein Interview über Hygienekonzepte mit...

Mein Name ist Florian Kainzinger, ich bin Gesundheitsökonom habe lange im Laborbereich, in der Diagnostik, gearbeitet und habe pandemiebedingt in den letzten zwölf Monaten an einer ganzen Reihe von Hygiene-, Veranstaltungskonzepten, vor allem im Sportbereich, aber inzwischen auch in der Kultur, arbeiten dürfen und versuche so, Gäste, Zuschauer, zu Veranstaltungen zurückzubringen, aber auch Sport und Kultur im Allgemeinen wieder möglich zu machen.

Welche Faktoren müssen in einem Hygienekonzept berücksichtigt werden?

Wir müssen erst mal zwei Dinge unterscheiden oder auseinanderhalten. Das eine ist der Bereich des Arbeitsschutzes. Also dass überhaupt die, die beruflich in so einer Veranstaltung tätig sind, das kann der Fußballspieler sein, genauso wie der Mensch, der an der Sicherheits- und Einlasskontrolle steht, dass der seiner Tätigkeit wieder sicher nachgehen kann. Das ist ein großer Teil der Hygienekonzepte. Und das ist erst mal die Basis. Das muss auch beachtet werden, wenn wir Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga produzieren.

Auf der anderen Seite haben wir Zuschauer und Gäste. Wenn die zugelassen sind, sei es nur im kleinen Rahmen, dann muss natürlich eine ganze Reihe von Regeln beachtet werden, um das sicher zu machen, um zum Beispiel neuerdings  mit Teststrategien zu arbeiten. Und diese beiden Elemente, Arbeitsschutz und Besucherschutz, kommen dann zusammen in einem Hygienekonzept, was gut und gerne auch mal zwanzig oder dreißig Seiten umfassen kann.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Erstellung von Hygienekonzepten?

Eine große Herausforderung, gerade in Deutschland beim Arbeitsschutz, das klingt sehr technisch und bürokratisch, sind die Berufsgenossenschaften, wie die Unfallversicherungen, die im Arbeitsschutz ganz spezielle Anforderungen stellen.

Was uns eine große Herausforderung bereitet, ist, dass die Berufsgenossenschaften sehr viele einzelne Konzepte und Sichtweisen für unterschiedliche Berufsbilder haben. Also vom Sport sieht es ganz anders aus wie im Bereich Tanz und Bühne, obwohl doch viele Gemeinsamkeiten bestehen.

Das zu integrieren, sich da konform zu verhalten, ist erst mal sehr herausfordernd. Das heißt, wenn wir zum Beispiel im Tanz mit Nähe und ohne Abstand arbeiten wollen, sind andere Herausforderungen zu bewältigen, als wenn zwei Basketball-Mannschaften gegeneinander spielen, obwohl doch viele, viele Ähnlichkeiten dabei sind. Das bringt dann oft sehr viele Gespräche, Iterationen und Durchläufe mit den zuständigen Berufsgenossenschaften und den Behörden, die auch letztendlich dafür zuständig sind, mit sich.

Diese Herausforderung immer aufs Neue zu meistern, in einer Zeit, wo sich auch das Wissen ständig weiterentwickelt... Wir haben nicht einen Wissenstand, sondern wir lernen ständig alle dazu. Sowohl die Autoren, als auch die anderen, die die Konzepte genehmigen müssen.  Und das permanent auf dem aktuellen Stand zu halten, ist, denke ich, die größte Herausforderung mit der wir zu tun haben.

Gibt es eine Art Baukasten für Hygienekonzepte?

Wir haben gerade für Veranstaltungen, wenn Zuschauer wieder zurückkommen, das spielt auch keine Rolle, ob das jetzt aktuell im April der Fall ist, oder im Mai oder Juni. Wir werden den Zeitpunkt haben, dass wir schrittweise zurückkommen und nicht auf einen Schlag ein Theater wieder voll besetzen können.

Dafür haben wir im Kreis von zwanzig Experten, Autoren und Wissenschaftlern Ende Februar ein Konzept, einen Rahmen vorgestellt, wenn Sie so wollen, eine Tool-Box mit der jede Spielstätte, gerade in der Kultur, sich dem Thema nähern kann, um eine Basisauslastung erst mal von zwanzig, dreißig Prozent zu machen, und mit einfachen Hygieneregeln diese zu adaptieren, auf die eigene Veranstaltungsstätte zu bringen.

Es ist wichtig, dass nicht nur die großen Veranstalter, die es sich leisten können, große Teams zu beschäftigen für spezielle Konzepte, sondern auch das kleine Stadttheater eine Möglichkeit hat, zum richtigen Zeitpunkt zurückzukommen. Dafür haben wir ein entsprechendes Konzept erstellt, was öffentlich zugänglich ist und von jedem angewandt werden kann.

Wie wichtig ist eine kombinierte Teststrategie?

Im Bereich des Testens sind wir natürlich jetzt seit ein paar Wochen ganz neu aufgestellt. Wir haben die Selbsttests, die man zu Hause machen kann. Die sind weniger geeignet für Veranstaltungen, da sie ja in irgendeiner Form verifiziert werden müssen. Aber wir habe in großen Mengen Schnelltests, Antigen-Schnelltests, verfügbar, die an Veranstaltungsorten oder in den Schnelltest-Centern gemacht werden können, die überall entstehen.

In meinem Wohnort, meiner Heimatstadt Berlin, gibt es über 200 Teststellen aktuell, die von den Bürgerinnen und Bürgern genutzt werden. In vielen anderen Orten ist es das Gleiche. Die kann man integrieren für Veranstaltungen, man kann dann ein tagesaktuelles Ergebnis mitbringen. Und damit lässt sich natürlich ein Hygienekonzept unterfüttern.

Ich sehe das nicht als ein Muss an für Hygienekonzepte, aber wenn ich die Auslastung höher gestalten will, also mehr Leute bei der Veranstaltung zulassen will, bis hin zu einer Vollbesetzung, dann ist natürlich das Antigenschnelltest-Konzept ein sehr adäquates, welches wir auch vor einigen Wochen in der Berliner Philharmonie mit einem großen Testzentrum in der Philharmonie, also am Veranstaltungsort selber, erprobt haben und damit sehr gute Erfahrungen machen konnten.

Inwieweit beziehen Sie auch die Situation vor der Veranstaltung mit ein?

Wir haben in den letzten Wochen gerade in dem Bereich viel ausprobiert und viel versucht zu untersuchen. Ich kann natürlich in der Einlasssituation wieder Abstandsregeln gelten lassen, Maskenpflicht, et cetera. Aber trotzdem bleibt eine Situation zum Beispiel in der U- und S-Bahn, bei der Anreise, wenn viele Leute zusammenkommen, Abstand nicht eingehalten werden kann.

Was sich aus meiner Sicht durchsetzen wird, ist eben das dezentrale Testen. Dass Teststationen flächendeckend verfügbar sind. Ich habe schon erwähnt, in Berlin sind stand heute über 200. Das heißt, ich habe im Umkreis von ein bis zwei Kilometern, rund um meinen wirklichen Wohnort, die Möglichkeit, mich testen zu lassen.

Das mache ich, bevor ich zur Veranstaltung fahre. Und wenn ich dort ein positives Testergebnis bekomme, dann bleibe ich gleich zu Hause und reise nicht an. Da sehe ich jetzt die Brückenmöglichkeit, bis wir einen besseren Impfstand haben. Das ist keine Dauerlösung, sondern das ist eine Lösung für einige Monate.

Das muss dann auch verfügbar sein. Überall, nicht nur in Berlin, Hamburg oder München, sondern eben auch in kleineren Gemeinden und Orten. Daran wird gebaut, das ist politischen Ziel. Ist klar ausgegeben so. Jetzt müssen wir schauen, dass wir das digital integrieren, damit nicht jeder einen Zettel hat und irgendein Testergebnis hat. Auch daran wird gearbeitet.

Dann, glaube ich, wäre das die ideale Brückenlösung, um Veranstaltungen sicher zu machen. Dezentral, schon vor Anreise, entsprechende Tests durchzuführen.

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