Nachgefragt! Folge 249 mit Dr. Julian Schmitz

Das Transkript zur Folge 249 mit Dr. Julian Schmitz:

Ein Interview über die psychischen Folgen des Homeschoolings mit...

Mein Name ist Julian Schmitz, ich bin Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig. Ich bin Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut und leite die psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche hier an der Universität.

Welche psychischen Auswirkungen kann das Homeschooling bei Kindern haben?

Ja, das ist eine sehr interessante Frage, die uns im Moment auch stark beschäftigt. Ich finde auf der einen Seite den Begriff Homeschooling irreführend. Der suggeriert ja, dass wir zu Hause Beschulung im Moment hinbekommen. Oder dass das in einem adäquaten Rahmen zu Hause passieren kann. Die Erfahrung, die viele Kinder und Jugendliche machen, das zeigen auch die Forschungsdaten, dass Homeschooling in den meisten Familien nicht gut funktioniert. Dass es mehr ein Feuer austreten ist. Dass es an ganz vielen Dingen scheitert. Und ganz viele Dinge in Schulen, die normalerweise für die kindliche Entwicklung und für das schulische Lernen notwendig sind, zu Hause nicht funktionieren.

Homeschooling bedeutet auf der einen Seite für viele Kinder und Jugendliche sehr viel weniger Schule, weniger Kontakt. Wir wissen aus Forschungsstudien, dass manche Kinder teilweise keinen Kontakt zu Lehrkräften haben, bis auf das Zuschicken von Arbeitsblättern. Dass es im Homeschooling oft an der technischen Ausstattung hapert. Dass insbesondere in sozial benachteiligten Familien weder ein ruhiger Ort in der Wohnung vorhanden ist noch überhaupt... vielleicht das Handy der Mutter, aber kein Laptop, kein Tablet vorhanden ist.

Dass die... auch die Rahmenbedingungen von schulischer Seite, was Lernportale angeht, dass die zeitweise funktionieren aber auch immer wieder mit technischen Schwierigkeiten kämpfen. Die zusammenbrechen, wenn viele Kinder und Jugendliche drauf zugreifen. Zu den Stoßzeiten. Dass wir sehen, dass viele Eltern auch im Homeoffice...

Man muss sich vergegenwärtigen, dass nicht Eltern auf einmal Lehrer sein können.  Viele Eltern sind auch Arbeitnehmer, Arbeitnehmerinnen. Die einfach gar nicht die Zeit haben, um ihre Kinder, gerade die Jüngeren so anzuleiten, wie es notwendig wäre.

Interessant ist hier, dass natürlich auch Lehrer:innen Kinder haben, die im Homeschooling sein müssen. Hier haben wir eine doppelte Belastung in diesen Familien. Und darüber hinaus auch im Homeschooling ganz wichtige Bereiche von psychischer Gesundheit... verloren gehen. Sei es Tagesstruktur, sei es sozialer Kontakt zu anderen Kindern. Viele Kinder haben gar keinen Kontakt zu anderen Kindern überhaupt mehr.

Und wir sehen, dass wir starke Konflikte in Familien haben, einen Anstieg von Konflikten zwischen den Eltern. Wir sehen auch in den Statistiken mehr Misshandlungsfälle. Oder einen Anstieg von Misshandlungen in Familien. Und was uns auch große Sorgen machen muss, es gibt mittlerweile auch repräsentative Daten aus Deutschland, dass wir doch einen ganz, ganz hohen Anstieg von psychischen Erkrankungen haben bei Kindern und Jugendlichen. Um 80 bis 100 Prozent zu dem, was wir normalerweise erwarten würden. An den Fallzahlen.

Homeschooling als wichtige Lebensumwelt im Moment von Kindern und Jugendlichen führt aus meiner Sicht in ganz vielen Familien zu ganz starken Belastungen und verdient den Namen "Homeschooling" oft nicht.

Welche psychischen Erkrankungen nehmen zu?

Wir sehen gar nicht so sehr eine bestimmte Gruppe von psychischen Erkrankungen, die im Moment ansteigen. Wir sehen über die Breite der psychischen Erkrankungen eine Erhöhung von Angststörungen, von Depressionen, von Verhaltensstörungen, von Zwangsstörungen. Von Essstörungen. Also man kann das gar nicht so sehr irgendwo eingrenzen.

Wir sehen, und das spricht dafür, dass es eine ganz breite und massive Belastung ist für Kinder und Jugendliche eine sehr breite Zunahme an psychischen Erkrankungen. Was uns hier große Sorgen machen muss, wir sehen, dass die Kinder und Jugendlichen nicht adäquat versorgt werden können.

Das war schon vor der Pandemie so, dass die therapeutischen Kapazitäten im System nicht ausgereicht haben, sie hatten Wartezeiten von mehreren Monaten, manchmal sogar ein Jahr, um einen adäquaten Therapieplatz zu finden.

Und durch die Pandemie sind auch die Kapazitäten im psychotherapeutischen und psychiatrischen Versorgungssystem eher weniger geworden, zum Beispiel durch die Schließung stationärer Einrichtungen, von Gruppenangeboten für Kinder und Jugendliche, die nicht mehr möglich sind. Oder Schließung von Beratungsstellen. Wir haben einen sehr hohen Bedarf, der auf ein nicht adäquat vorbereitetes und ausgestattetes Versorgungssystem trifft.

Wie können Eltern auf psychische Auffälligkeiten bei Kindern reagieren?

Ganz wichtig auch als Eltern in dieser angespannten Situation für viele Eltern, erst mal ein offenes Ohr zu haben. Dann natürlich professionelle Hilfe zu suchen, bei niedergelassenen Psychotherapeuten.

Aber ich finde die Frage... oder die Beantwortung der Frage beinhaltet eigentlich, dass wir mehr auch auf Seiten des Versorgungssystems und auch der politischen Entscheidungsträger auf der einen Seiten noch mal die Gründe für die Belastung reduzieren müssen. Dass wir schauen, wie können wir Präsenzunterricht als oberste Priorität in der Gesellschaft möglich machen, auch wenn es nur wenige Stunden oder Tage die Woche sind, im Wechselunterricht. Dass wir auch psychotherapeutische Angebote machen, für Kinder und Jugendliche. Dass überhaupt genug Angebot da ist.

Natürlich können Eltern ihre Kinder ernst nehmen. Und dann, wenn man das ernst nimmt, auch eine adäquate Behandlung versuchen, herzustellen, Also jemanden zu suchen. Aber man wird scheitern in den meisten Fällen. Weil sie keinen Behandlungsplatz bekommen. Keine qualifizierte Behandlung, weil es zu wenig Angebote gibt.

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