Das Transkript zur Folge mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Christoph Wewetzer.

Also mein Name ist Christoph Wewetzer. Ich bin leitender Arzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Städtischen Kliniken in Köln. Und bin vom Beruf aus Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

 Wie ist die Situation in Kinder- und Jugendpsychiatrien?

Triage auf keinen Fall, ja? Ich weiß nicht, das ist so ein Begriff, finde ich, der eine skandalisierende Wirkung hat, der in den Medien, ich glaube, von Kinder- und Jugendärzten eingebracht worden ist.  Das hieße ja im Endeffekt, dass wir als kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken Notfallpatienten nicht mehr aufnehmen und nicht mehr versorgen, sondern ein Triage-System machen.

Das heißt, wir würden sichten, wer muss aufgenommen werden und wer kann sozusagen nicht behandelt werden. Und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist es so, dass wir Pflichtversorgungsgebiete haben. Das heißt, jedes Gebiet in Deutschland ist einer Klinik zugeordnet. Und diese Klinik übernimmt das. Und ich kann für Köln sagen, ich kann es nicht für das ganze Gebiet sagen... In Köln ist das sicherlich nicht vorgekommen.

 Ist die Nachfrage gestiegen? 

Insgesamt ist die Nachfrage größer geworden, aber eben nicht für alle Patienten. 

Also hier ist es größer geworden mit... ganz schwer zu erklären, für Magersucht. Alle Kliniken, die ich kenne, besonders hier auch die Kölner Kliniken, haben eine unheimliche Zunahme an schwerkranken, schwerdünnen magersüchtigen Patienten. Das hat zugenommen.

 Es hat auch zugenommen, je nachdem, unterschiedlich stark in der Ausprägung, Notaufnahmen. Krisensituationen im Hinblick auf akute Suizidalität. Dass jemand suizidale Gedanken hat oder dass jemand vorhat, sich das Leben zu nehmen. Das hat auch zugenommen.

 Depressive Symptomatiken in unserer Sicht haben auch zugenommen.

 Nicht zugenommen haben bei uns eher Ängste. Das ist eher weniger geworden. Und alles, was sich um Schule dreht. Nehmen Sie zum Beispiel den ganzen Bereich der Schulabsentisten, die also aus Gründen der Angst, aus Gründen der Überforderung, aus Gründen vielleicht von Mobbing nicht in die Schule gehen. Das ist alles viel weniger geworden, weil die alle schön zu Hause sitzen, und der Druck ist gar nicht so da.

 Das heißt, wir rechnen eigentlich, und so war es auch nach dem ersten Lockdown, wir rechnen jetzt eigentlich erst mit der deutlichen Zunahme.

 Und vielleicht, wenn ich noch ergänzen darf, wenn Sie so gucken... Die ganzen Kinderschutzhotlines und solche Bereiche, die haben ja alle viel weniger Kontakt gehabt, weil vieles eben weggefallen ist, vieles war entspannt.

 Das heißt, es ist nicht so, dass es in allen Bereichen mehr geworden ist. Aber in manchen Bereichen ist es deutlich mehr geworden.

 Gibt es ausreichend Kapazität für alle Patienten?

Das ist jetzt die Frage: Wie definieren wir Bedarf? Jeden Patienten, der akut jugendpsychiatrisch, kinderpsychiatrisch erkrankt ist, können wir versorgen. Das heißt, den akut suizidalen Patienten, die Magersucht, die nur noch 30 Kilo wiegt. Der schwerstdepressive Patient, der das Zimmer und das Haus nicht mehr verlässt, das nehmen wir alles auf.

 Es ist sicherlich so, dass wir bei Patienten oder Patientinnen, wo wir sagen, die müssten eigentlich eine stationäre Aufnahme haben. Da haben wir aktuell natürlich, weil wir so viele Krisen haben, die schieben wir auf die Warteliste. Das muss man so sagen. Und das ist aber sehr unterschiedlich in Deutschland. Es gibt Kliniken, die haben relativ lange Wartelisten. Auch wir haben Wartelisten, aber auch wieder für bestimmte Stationen. Nicht für alle Stationen. Manchmal auch für bestimmte Altersgruppen.

 Aber das ist dann einfach das Problem, wen wir sehr viele Akutaufnahmen haben, können wir nicht die elektiven Patienten aufnehmen. Und dann schieben wir natürlich ein bisschen. Und das ist natürlich auch nicht gut, weil die dann natürlich auf einen Behandlungsplatz warten.

 Was tun, wenn man auf der Warteliste steht?

Man muss sicherlich, wenn man so seelisch krank ist, dass man eine stationäre Behandlung braucht, dann hat man meistens auch einen ambulanten Behandler im Vorfeld gehabt. Und ich würde dann auf alle Fälle gucken, dass ich mit diesem ambulanten Behandler Kontakt aufnehme und versuche, hier wenigstens überbrückend eine intensivere ambulante Behandlung hinzubekommen. Dass ich diese Wartezeit überbrücken kann.

Und wenn es irgendwie natürlich dann Veränderungen gibt, dass es immer schwieriger wird und es ist eigentlich nicht mehr auszuhalten, dann muss ich immer wieder mit der Klinik Kontakt aufnehmen. Und wir gucken natürlich immer auf unseren Wartelisten: Wo können wir ein bisschen... Wer muss sofort kommen? Also da ist immer noch mal ein bisschen Luft möglich.

Was sicherlich auch so ein bisschen eine gute Sache ist... Ich weiß nicht, ob Sie das... vielleicht schon kennen. Es gibt von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni in München so ein sehr schönes Onlineprogramm: "Corona und du". Wo ganz viel für Eltern, wie für die Kinder gesagt wird: Wie kann man die Zeit besser nutzen? Wie kann man die Kinder unterstützen? Was kannst du als Kind selber machen in der Corona-Zeit?

Weil man natürlich sehen muss, und das hat auch diese Hamburger Studie in erster Linie gebracht, die ja so sehr stark durch die Medien gegangen ist. Die seelischen Auffälligkeiten haben nicht so zugenommen, sondern es hat zugenommen so psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen. Und die Lebensqualität und die Lebenszufriedenheit hat abgenommen.

Es gibt eine ganz schöne Stellungnahme, finde ich, oder eine sehr gute Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die schreiben natürlich: Bei vielen Kindern ist es im Endeffekt eine normale Reaktion auf völlig unnormale Bedingungen. Dass ein Kind leidet, weil es seine Freunde nicht mehr sehen kann, weil es den Sport nicht mehr machen kann, das ist keine Frage. Und dass die Kinder dann belastet sind, ist auch klar.

Was sicherlich etwas ist, was uns Sorge macht, das kann man ganz klar sagen, ist, und das sehen wir auch in unserem Alltag: Die Familien, die viele Ressourcen haben, kommen relativ gut durch die Pandemie. Schlimm ist es für die Familien und die Kinder, die wenig Ressourcen haben.  Wo der Lebensraum sehr klein ist. Wo man nicht für die Schule einen eigenen Laptop hat, sondern das über so ein kleines Smartphone, wenn überhaupt, machen kann. Und da gibt es erste Untersuchungen, die zeigen, dass diese Kinder, Jugendlichen und Familien, die eh schon schlechter dran sind, dass die besonders unter Covid leiden.

 Und diese Hamburger Studie hat zum Beispiel ja auch gezeigt, umso besser die familiären Bedingungen sind und die familiären Beziehungen, umso weniger ist die Auffälligkeit in der Pandemie.

 

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