Das Transkript zur Folge 216 mit Professor Ulf Landmesser:

Ein Interview über Bluthochdruck und Covid-19 mit...

Mein Name ist Ulf Landmesser. Ich leite das Zentrum für Herz-, Kreislauf- und Gefäßmedizin an der Charité-Universitätsmedizin in Berlin.  Und außerdem die Klinik für Kardiologie am Campus Benjamin Franklin der Charité.

Wie viele Menschen in Deutschland leiden unter Bluthochdruck?

Bluthochdruck ist eine ganz häufige Herz-Kreislauf-Erkrankung. Vor allem aber auch altersabhängig. Je älter man wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man Bluthochdruck bekommt. Und wir gehen davon aus, in Deutschland bei jedem dritten Erwachsenen einen Bluthochdruck zu haben. Das bedeutet, bis zu 15 bis 20 Millionen Menschen in Deutschland, die Bluthochdruck haben.

Wieso ist Bluthochdruck ein Risikofaktor bei einer Covid-19-Infektion?

Bezüglich Bluthochdruck und der Covid-19-Infektion haben sich für uns zwei Fragen ergeben. Das eine ist, wir wissen ja, dass der Virus über den ACE2-Rezeptor in den Körper eindringt. Und das ist eine Frage, die wir untersucht haben. Inwiefern die Medikamente, die wir für die Blutdruckbehandlung einsetzen, einen Einfluss auf den Rezeptor für den Virus haben.

Da gab es eigentlich sehr beruhigende Ergebnisse. Wir haben mit sehr modernen Technologien die Rezeptoren für den Virus bei Patienten mit Bluthochdruck unter verschiedenen Medikamenten getestet. Und konnten erfreulicherweise feststellen, dass diese Rezeptoren nicht vermehrt werden durch die Behandlung des Bluthochdrucks.

Das heißt, das Infektionsrisiko selber wird nicht erhöht durch die Bluthochdruckerkrankung. Was wir aber wissen, und das ist noch zu dem ersten Punkt ganz wichtig, dass das bedeutet, dass man die Medikamente für den Bluthochdruck weiternehmen sollte, auch in der Zeit der Covid-Pandemie.

Der zweite Punkt ist, dass sich doch in vielen Beobachtungsstudien ergeben hat, dass die Patienten mit einem Bluthochdruck häufiger einen ungünstigeren oder schwereren Verlauf unter der Covid-Erkrankung haben. Das ist etwas, was wir auch wissenschaftlich untersucht haben. Um zu verstehen, woran es liegen könnte.

Was unsere Untersuchungen hier zeigen, ist, dass die Menschen, die Bluthochdruck haben, eine etwas höhere Neigung für eine Entzündungsreaktion in den Körper- oder auch in den Entzündungszellen haben. Das könnte ein wichtiger Grund sein, warum eben bei Menschen mit Bluthochdruck wir häufiger eine schwerere Verlaufsform der Covid-Erkrankung sehen. Und man sich vielleicht noch mal mehr darum bemühen muss, sich vor dieser Infektion zu schützen. Und dann, wenn möglich, auch frühzeitig eine Impfung zu erhalten.

Können blutdrucksenkende Medikamente den Verlauf einer Covid-19-Infektion beeinflussen?

Wir haben im Moment keinen Hinweis, dass die Medikamente, die wir zur Bluthochdruckbehandlung einsetzen, einen direkten Einfluss auf den Verlauf der Covid-Erkrankung haben. Es wird im Moment auf jeden Fall empfohlen, die Medikamente weiter einzunehmen. Weil wir wissen, dass ein unkontrollierter Bluthochdruck Probleme machen kann.

Es gibt im Moment eine ganze Reihe von Studien weltweit, die durchgeführt werden, wo man die Frage stellt, inwiefern die blutdrucksenkenden Medikamente, insbesondere die sogenannten ACE-Hemmer, vielleicht sogar einen günstigen Effekt auf die Erkrankung haben können. Das wird im Moment untersucht. Da werden wir, denke ich, bald die ersten Daten bekommen.

Es wird eher in eine andere Richtung untersucht, nämlich die Frage, ob bestimmte blutdrucksenkende Medikamente vielleicht den Verlauf der Erkrankung  günstig beeinflussen können.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für die Behandlung von Covid-19?

Für uns war erst mal eine ganz wichtige Frage, weil der Virus über einen sogenannten Rezeptor, den ACE2-Rezeptor, in den Körper eindringt. Der eine gewisse Verbindung zu den Systemen hat,  die wir bei der Bluthochdruck-Behandlung angehen.

Deshalb war für mich besonders wichtig zu sehen, dass diese Rezeptoren die den Virus aufnehmen, nicht hochreguliert werden. Unter der medikamentösen Therapie des Bluthochdrucks. Das ist eine wichtige Information, die auch noch mal bestätigt, dass man blutdrucksenkende Medikamente weiter einnehmen sollte, auch in der Covid-Pandemie.

Für die Erkrankung bedeutet das auch für uns, dass, auch wenn man die Erkrankung bekommt, die blutdrucksenkenden Medikamente weiter eingenommen werden sollen. Inwiefern bestimmte Medikamente sogar den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen können, das wird gerade in Studien untersucht.

Der andere Punkt,  den ich eingangs erwähnt habe, dass wir gesehen haben, dass die Neigung... Bei Covid ist ja das Problem, dass es gar nicht nur der Virus selber ist, sondern die Auslösung einer sehr starken Entzündungsreaktion im Körper, die Probleme in den verschiedenen Organen machen kann.

Deshalb wird bei uns in der Klinik bereits mit entzündungshemmenden Medikamenten behandelt. Wenn man eine schwere Verlaufsform der Covid-Erkrankung hat. Und unsere Befunde könnten dafür sprechen, gerade eben bei Menschen mit einem Bluthochdruck, man auf jeden Fall  rechtzeitig beginnen sollte  mit einer entzündungshemmenden Behandlung.  Sprich mit Dexamethason. Wenn man eben eine schwerer Verlaufsform der Covid-Erkrankung hat.

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