Das Transkript zur Folge 215 mit Raul Krauthausen:

Ein Interview über Menschen mit Behinderung mit...

Mein Name ist Raul Krauthausen. Ich bin Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit, sitze selber im Rollstuhl und wohne in Berlin.

Wie verändert die Coronapandemie Ihren Alltag?

Die Coronapandemie ist für alle Menschen eine große Herausforderung. Ich finde es schwierig, wenn wir so eine Art Opfer-Wettbewerb starten. Wir alle haben auf unterschiedlichste Art und Weise mit dieser Situation umzugehen.

Mit Sorge betrachte ich allerdings, dass wir bei dem Risikogruppen, beim Thema Priorisierung von Impfungen oder auch Unterstützung hier große Gruppen, von Menschen mit Behinderungen zum Beispiel, vergessen werden. Aber natürlich nicht nur die.

Vor welchen Herausforderungen stehen Menschen mit Behinderung während der Coronapandemie?

Ich beobachte, dass viele Menschen mit Behinderung einfach verunsichert sind. Die Nachrichtenlage ändert sich täglich, Politiker:innen scheinen sich nicht mehr einig zu sein, welche Strategie die richtige ist.

Und alleine mich als Privatperson erreichen täglich mindestens 20 E-Mails von Menschen, mit Behinderungen, die zu Hause leben, die ihre Pflege und Assistenz selbst organisieren. Die einfach die Frage haben, wann sie geimpft werden können.

Und guckt man sich die Empfehlungen der Impfkommission an, dann stellt man fest, dass diese Gruppe von Menschen mit Behinderung, die zu Hause leben, die ambulant versorgt werden, dass die gar nicht auftaucht, und wenn, dann nur unter der Klausel, dass man in bestimmten Situationen Öffnungen machen könnte. Das würde aber bedeuten, dass jedes Individuum mit Behinderungen selbstständig aktiv werden muss, um vielleicht an eine Impfung zu kommen.

Dann betrachte ich einfach mit sehr großer Sorge, dass die Politik, wieder einmal, seit März, Menschen, die zu Hause leben und ambulant versorgt werden, vergisst. Erst mit Masken auszustatten, mit Schutzausrüstung. Mit Desinfektionsmitteln. Und jetzt auch mit Impfungen.

Es scheint noch ein Bild in den Köpfen der Politiker:innen vorzuherrschen, von Behinderungen, das nur in Heimen zu leben hat. Und das ist definitiv veraltet und entspricht nicht der Idee der Inklusion.

Wie kann man die Situation von Menschen mit Behinderung verbessern?

Grundsätzlich muss man sagen, jede Impfung ist eine gute Impfung. Wie gesagt, es geht mir nicht um einen Opfer-Wettbewerb: "Ich möchte vor dem anderen drankommen." Ich möchte nur sicherstellen, dass nicht ganze Gruppen vergessen werden.

Und ich würde mir wünschen, dass auch das Bundesgesundheitsministerium und Politiker:innen in den Verwaltungen und auch die Mitarbeiter:innen endlich begreifen, dass hier eine klare, ja, wie soll ich sagen, Guidance zur Verfügung gestellt wird. Für Ärzte, Pflegepersonal und die betroffenen selbst. Um eben herauszufinden, wie man an eine Impfung kommt und wann man selber dran ist. Es darf nicht sein, dass das ständig ein individuelles Schicksal ist. Ob man zufällig die richtigen Kontakte hat.

Sie unterstützen die Initiative Zero-Covid. Worum geht es dabei?

Letztlich ist es ja schon so, dass man beobachten kann, dass alles, was in der Freizeit früher möglich war, inzwischen quasi verboten ist. Die Zivilgesellschaft soll sich einschränken. Es wird ständig an Eigenverantwortung von der Politik appelliert.

Gleichzeitig wird die Privatwirtschaft so gut wie gar nicht in die Verantwortung genommen. Homeoffice-Pflicht gibt es immer noch nicht, und auch ein Solidaritätsbeitrag von den Reichen, die sich auch in der Coronapandemie immer mehr bereichern, darüber gibt es auch gar keine Debatte.

Wir müssen darüber reden, wie wir es schaffen, solidarisch zu einem Shutdown zu kommen, der nicht nur die Schwachen in unserer Gesellschaft zur Verantwortung bringt. Sondern auch die, die wirklich potent genug sind, hier auch einen messbaren Beitrag zu leisten.

Darum geht es in „Nachgefragt!“

„Nachgefragt!“ befasst sich mit allen Aspekten rund um die Corona-Pandemie: Wir sprechen mit Expert*innen aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch mit Menschen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Dabei kommt ein breites Spektrum von Menschen in den unterschiedlichsten Positionen zu Wort, von der Soziologin bis zum Labormediziner, vom Hautarzt bis zur pflegenden Angehörigen.

„Nachgefragt!“ ist ein Videopodcast, der seit 24. März 2020 an jedem Werktag erscheint. Sie können die Folgen über verschiedene Plattformen sehen und abonnieren beispielsweise bei:

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Nachgefragt! | Der Corona-Video-Podcast

In unserem Video-Podcast „Nachgefragt!“ unterhalten wir uns mit Menschen, die uns von den täglichen...