Das Transkript zur Folge 270 mit Dr. Tankred Stöbe:

Ein Interview  über die Bekämpfung der Pandemie in Entwicklungsländern mit..

Mein Name ist Tankred Stöbe, ich bin Intensivmediziner und Notfallmediziner in Berlin. Und seit 2001, beziehungsweise 2002 mit Ärzte ohne Grenzen  über 20 Mal im Einsatz gewesen.

Ich war auch in der Organisation und in der Leitung tätig. Und beobachte auch schon seit zwei Jahrzehnten die humanitären Krisen dieser Welt mit immer noch großem Interesse.  Und natürlich jetzt auch die Pandemie, die uns ja alle so, mehr oder weniger jedes Land dieser Welt betrifft.

Wo  haben Sie bereits im Rahmen der  Pandemie Entwicklungshilfe geleistet?

Die letzten drei Einsätze  mit Ärzte ohne Grenzen waren alle auch unter der Überschrift "Covid-19-Pandemie". Zunächst im Januar, Februar letzten Jahres war ich in Asien. Da habe ich die Corona-Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen koordiniert, in den Ländern um China herum.

Da haben wir viele Projekte mit Menschen, die durch chronische Erkrankungen wie Tuberkulose, HIV, Hepatitis... aber auch Menschen auf der Flucht begleitet. Menschen, die aufgrund ihrer besonderen Situation schon eine reduzierte Abwehrsituation haben. Und wir besorgt waren, dass diese Menschen, wenn sie mit dem Virus konfrontiert werden, wenig entgegenzusetzen haben. Also, wir waren in Hongkong, in Kambodscha, in Laos.

Und im Sommer letzten Jahres war ich im Jemen. Ein Land, das durch einen furchtbaren Bürgerkrieg seit vielen Jahren seine gesamte medizinische Infrastruktur nicht ganz, aber doch fast verloren hat. Wo Covid jetzt leider in der zweiten Welle dramatisch einbricht.

Und in diesem Jahr, Januar, Februar, war ich in Malawi. Ein kleines Land im Südosten Afrikas, was durch die südafrikanische Virusmutante sehr stark in Mitleidenschaft gezogen war. Wo wir versucht haben, das größte Krankenhaus des Landes ein bisschen zu schützen, indem wir zehn Zelte auf dem Krankenhausgelände gestellt haben, um Patienten abzufangen mit Covid-19.

Auch da, furchtbare Bilder. Die Menschen, die dort wirklich an Sauerstoffmangel verstorben sind. Es gab im ganzen Land keine Beatmungsoptionen.

Die Situation außerhalb Europas, auch noch mal zum Teil dramatischer. Auch im Moment, wenn wir nach Indien gucken. Länder mit einer schwächeren, medizinischen Infrastruktur sind stärker gefährdet durch die Pandemie.

Gerade der afrikanische Kontinent wird im Umgang mit der Pandemie gelobt. Was läuft dort besser?

Ja, wenn wir mit einem Satelliten mal auf den Globus Erde schauen, würden wir sagen, dass Asien... Indien mal ausgenommen. Asien hat es bisher am besten geschafft, durch die Pandemie zu kommen. Gefolgt von Afrika, Südamerika, Nordamerika.  Leider haben wir es in Europa  bisher nicht gut geschafft. Woran liegt es?

Es gibt ein paar Vorbedingungen.  Wir wissen, die Zahlen  sind weltweit nicht ganz akkurat.  Das gilt für Afrika auch im Besonderen. Die Infektionszahlen, auch die Impfzahlen. Das ist alles so nicht hundertprozentig verlässlich. Aber, ähm... Viele Länder haben es auch ganz gut gemacht, in Afrika, eben weil sie auch Epidemie-Erfahrung haben.

Und ein gutes Beispiel, ich war vor ein paar Wochen in Sierra Leone. Eines der ärmsten und bedürftigsten Länder dieser Welt.  Und dieses Land schafft es ganz gut, bisher. Der Grund, ich war sehr beeindruckt.  Am Flughafen wurde jeder getestet. Zwei Tests, ein Bluttest und ein Abstrichtest. Jeder wurde befragt, individuell aufgeklärt. Eine so gute Einlasskontrolle in ein Land zu dieser Pandemie habe ich nirgendwo erlebt. Tatsächlich sind die Zahlen für Sierra Leone sehr niedrig.  Gerade mal 80 Tote, ein paar tausend Infizierte.

Und sie haben aus Ebola gelernt, einer grausamen Epidemie, vor ungefähr fünf Jahren, als ich auch im Land war. Und ich glaube, das fehlt uns in Europa, dass wir viele Jahrzehnte keine wirklichen Epidemien mehr hatten.

Da sind afrikanische Länder in ihrer natürlich insgesamt schwachen medizinischen Infrastruktur... Aber oft haben sie eine gute lokale, regionale Gesundheitsversorgung, wo eine Gemeindeschwester sehr schnell aufklärt. Und die Menschen dann auch, ja... die Schutzmaßnahmen oder Hygieneregeln einhalten können. Da können wir von einem armen Land wie Sierra Leone was lernen.

Was können wir von Entwicklungsländern beim Umgang mit der Pandemie lernen?

Was in afrikanischen Ländern da ist, ist ein Problembewusstsein. Was ich in Deutschland manchmal zumindest nicht erleben kann. Wir haben eine gewisse Bequemlichkeit, auch eine Arroganz. Wir glauben, wir haben mit dem teuren, komplexen Gesundheitssystem auch alle Sicherheiten.

Und da mussten wir jetzt durch Covid-19 noch mal dazulernen, dass es eben nicht reicht, nur zu vertrauen, dass Gesundheitsämter oder Krankenhäuser oder Intensivstationen das alles richten werden. Für eine Viruserkrankung, für die es keine Medikamente und erst seit Kurzem Impfstoffe gibt, sind eben alle Vorsorgemaßnahmen umso wichtiger.

Und das können viele afrikanische Länder besser. Sierra Leone weiß, dieses Land hat die Infrastruktur nicht, die Menschen zu beatmen und im Land gut zu versorgen. Das heißt, sie wissen, dass sie alles in der Vorsorge richtig machen müssen, weil wenn sich das Virus im Land ausbreitet, sind die weiteren Maßnahmen sehr schwierig.

Insofern wirklich beeindruckend, wie sie es schaffen, im einzigen, das macht es leichter,  internationalen Flughafen gute, verlässliche Kontrollen  zu installieren. Und damit in der Vorsorge dieses Virus wirklich ganz weit vorne sind.

Mein Impuls war, schickt doch mal deutsche Gesundheitsdelegierte nach Sierra Leone, um dort was zu lernen. Das könnten wir hier auch installieren. Als ich nach Deutschland kam, wurde nichts gefragt, nichts erwartet.

Das war ein krasses Gegenklischee, muss ich fast sagen. Wie wenig hier in Deutschland, gerade an den Flughäfen und den Einlasskontrollen dieses Landes nicht gemacht wurde. Und das hat Sierra Leone sehr gut gemacht.

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