Das Transkript zur Folge 271 mit Prof. Dr. Petra Bendel:

Ein Interview über Migration und Integration mit...

...Petra Bendel, ich bin Professorin für Politische Wissenschaft und Leiterin des Forschungsbereichs Migration, Flucht und Integration am Institut für Politische Wissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Wie hat die Pandemie Migration und Integration verändert?

Eigentlich alle integrationsrelevanten Bereiche sind betroffen von Covid-19. Der Zugang zu Gesundheit, der Zugang zum Wohnen. Der Zugang zu Bildung und Ausbildung und zum Arbeitsmarkt sind betroffen. Und hinzu kommt, dass sich Hinweise mehren, auf eine Zunahme von Diskriminierung und Rassismus in all diesen Bereichen. Dies kann Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben.

Bezogen auf den Zugang zu Gesundheit haben sich strukturelle Barrieren noch verstärkt. Sie betreffen besonders vulnerable Gruppen wie Menschen mit Behinderung und chronischen Krankheiten. Und darunter Frauen noch in besonderem Maße. Und auch der Zugang zu psychologischen und psychiatrischen, gesundheitlichen Diensten wurde weiter eingeschränkt, weil eben auch die Zugangsmöglichkeiten, die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurde.

Dies gilt besonders im Bereich Wohnen für Sammelunterkünfte. So hat sich hier gezeigt, im Verlauf der Lockdowns, dass Sammelunterkünfte besonders ungeeignet sind, um Infektionsschutz zu gewährleisten. Und auch, um den Zugang zu Hygienemaßnahmen zu gewährleisten. Es mangelt an Hygieneartikeln, oft auch an Information. Hier brauchen wir viel mehr Informationen, auch in den Herkunftssprachen. Denn es sind Personen, die des Deutschen noch nicht wirklich mächtig sind.

Hinzu kommt, dass die Einhaltung von Distanzregeln in den Sammelunterkünften oft nicht möglich ist. Und die psychische und mentale Verfassung der Menschen dort, die ohnehin schon oft traumatisiert sind, die verschlechtern sich, weil sie ohne Beratung durch die vielen Ehrenamtlichen sind.

Im Bereich Bildung würde ich den Bereich Schulbildung hervorheben. Schulbildung hat infolge des Homeschoolings natürlich für alle sozial Benachteiligten und für alle, deren Eltern die Kinder nicht eigens unterstützen können im Homeschooling, verschlechtert. Dies gilt natürlich besonders für Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Migrationserfahrung.

Wenn es am WLAN fehlt, wie in vielen Sammelunterkünften, oder an Endgeräten oder ausreichend Endgeräten. Außerdem geht die Unterstützung durch Ehrenamtliche zurück oder blieb ganz aus. Hier müssen wir echt aufpassen, dass diese dadurch benachteiligten Kinder nicht hinten runter fallen.

Und schließlich... ja, unsichere Geschäftsprognosen haben dann für viele Betriebe den Zugang zu Ausbildungsplätzen... prinzipiell auch hier für alle Ausbildungswilligen, besonders aber für Personen mit Fluchtgeschichte erschwert, denn Personen mit Fluchtgeschichte verfügen noch nicht über Netzwerke, die den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern. Und sie sind diejenigen, die meist über Praktika den Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt erhalten.

Auf dem Arbeitsmarkt selber haben sich die Auswirkungen der Pandemie besonders deutlich gezeigt. Wir haben die besten Daten Institut für Arbeitsmarkt und Berufsbildung. Von der BA. Es zeigt sich, dass Arbeitnehmer:innen mit Migrationserfahrung, darunter noch einmal besonders diejenigen mit Fluchterfahrung, in verstärktem Maße von den Covid-19-Schließungen betroffen sind.

Den das sind Personen, die in besonders gefährdeten Berufen arbeiten. In der Gastronomie, Hotellerie. Sie arbeiten oft in weniger festen Anstellungsverhältnissen. Und in Jobs, die für die Heimarbeit weniger geeignet sind.

So sehen wir hier, dass alleine zwischen März und Juli 2020, also zu Beginn des ersten Lockdowns, die Arbeitslosenquote besonders unter Drittstaatler:innen in Deutschland gleich in diesem ersten Quartal um 5,2 Prozent stieg. Und darunter noch mal besonders um 13,4 Prozent bei den Personen aus den typischen Asylherkunftsländern.

Zugleich hat aber auch die Pandemie deutlich gemacht, dass Migrant:innen und Geflüchtete besonders häufig in systemrelevanten Berufen wirken. Und das anzuerkennen, ist sicherlich auch... wichtig für Migrant:innen und Geflüchtete, die oft unter Bedingungen arbeiten, die bezogen auf Lohn und potenzielle Ausbeutungsverhältnisse eher ungleicher Behandlung gegenüber Nicht-Migranten ausgesetzt sind. Und in Bereichen, die diskriminierungsanfällig sind.

Auch in der Diskriminierungsfrage müssen wir leider feststellen, dass vor allem in sozialen Netzwerken verstärkt aggressive, mitunter diskriminierende und sogar rassistische Diskurse gegenüber Geflüchteten und Migrant:innen geführt werden. Hier ist die Suche nach "Sündenböcken" sehr frappierend. Sie macht die Nachkommen von Eingewanderten und Geflüchteten zu Zielscheiben von Hassreden, Gewaltakten und anderen Formen der Ausgrenzung.

Welche Szenarien sind für die Zukunft vorstellbar?

Wir haben gemeinsam mit vielen klugen Köpfen aus Deutschland, Migrationsforscherinnen und Migrationsforschern unterschiedlicher Disziplinen Tendenzen weitergezeichnet, die eigentlich sich jetzt schon abzeichnen. Je nachdem, welche Tendenzen man in welcher Kombination weiterdenkt, kamen wir zu drei Szenarien.

Hier wäre das Szenario eins, das haben wir genannt "Die Exklusionsgesellschaft: Germans First". In diesem Szenario hätten wir eine weniger solidarische, sicherheitsfixierte und schließlich rassistische, exkludierende Gesellschaft, die Migration weitgehend verhindert. Und Assimilation anstelle von Integration und Inklusion besetzt. Also auch eine Gesellschaft, die Segregation in den Bereichen Gesundheit, Wohnen und Arbeit in Kauf nimmt.

Ein zweites Szenario haben wir genannt "Die utilitaristische Gesellschaft". Oder "Deutschlands neue Gastarbeiter:innen." In diesem Szenario geht es um die ökonomische Verwertbarkeit von Migrant:innen. Die würde dem fortbestehenden Bedarf der deutschen Wirtschaft an überwiegend temporär angeworbenen Arbeitskräften, Stichwort Spargelstecher, die neuen Gastarbeiter:innen, ansetzen.

Und bei diesem Szenario hält die Migrationspolitik selektiv nach qualifizierten, gesunden und jungen Migrant:innen Ausschau. Selbst bei der humanitären Zuwanderung ins Asylsystem wird nach sogenannten "erwünschten" Arbeitskräften geschaut. Integration ist in diesem Szenario zeitlich befristet. Sie wird berufsspezifisch organisiert. Und organisiert sich an regelkonformem Verhalten derjenige, die zu uns kommen.

Und das dritte Szenario, immer ausgehend vom Jahr 2030, haben wir genannt "Die teilhabeorientierte Gesellschaft". Oder "Stärker als Viren". Eine solche teilhabeorientierte Gesellschaft hat von der Lernerfahrung der Covid-19-Pandemie gelernt, Stichwort Systemrelevanz. Ausgehend davon, dass alle zu allen Teilbereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens gewertschätzt werden. Und die lokale Ebene, die vielen Städte und Kommunen, treiben die Integration und die politische Inklusion der Geflüchteten und Migrant:innen voran.

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