Das Transkript zur Folge 272 mit Prof. Thomas Seufferlein:

Ein Interview über die Versorgung von Krebspatienten mit...

Mein Name ist Thomas Seufferlein, ich bin Ärztlicher Direktor der Klinik I für Innere Medizin am Universitätsklinikum in Ulm und bin aktuell gewählter Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft.

Wie wirkt sich die Pandemie auf die Versorgung von Krebspatienten asu?

Das muss man im Prinzip differenziert sehen. Das ist einmal natürlich... Es gibt ja unterschiedliche Phasen in der Krebsbehandlung. Das geht von der Diagnose bis hin zur Nachsorge. Zum anderen geht es natürlich auch darum: Welche Entitäten betrachten wir? Und es geht natürlich auch darum: Welche Zeit dieser Pandemie betrachten wir?

Was man wirklich sagen kann, es haben sich alle extrem Mühe gegeben, die Versorgung so gut, wie es geht, aufrechtzuerhalten.

Wir sehen bei der Behandlung mit Chemotherapeutika zum Beispiel aber auch bei den Vorsorgeuntersuchungen, was die Angebote angehen, keine wesentlichen Einschränkungen.

Was wir sehen, wo es deutlich abnimmt, ist zum einen bei der Inanspruchnahme von Vorsorgeleistungen, wo Patienten zurückhaltend waren, das sind ja eigentlich gesunde Menschen, also Teilnehmer sagen: "Da warte ich lieber ab, jetzt ist sowieso alles so unsicher."

Wo wir deutliche Rückgänge auch sehen, ist in der Nachsorge. Auch das ist offensichtlich eher ein bisschen hintangerückt, dass man sagt: "Jetzt ist alles so unklar, warte ich mal lieber ein bisschen", was nicht günstig ist, muss man ehrlich sagen.

Und wo wir auch Einschränkungen sehen, und das zwar immer in den Gipfeln der Pandemiewellen, das war im Prinzip März, April letzten Jahres, dann wieder November, Dezember, Januar und jetzt leider auch wieder, dass da tatsächlich auch deutliche Einschränkungen bei Krebsoperationen da sind. Und das ist auch der Tatsache geschuldet, dass viele Menschen auf Intensivstationen durch ihre Covid-Erkrankung betreut werden müssen. Und dann wird die Kapazität knapp, und dann werden aufschiebbare Operationen dann verschoben.

Und zum Beispiel das Krebsregister Regensburg hat da eine Analyse gemacht. Und die haben gezeigt, dass gerade zu den Gipfeln der Pandemie bis zu 20 Prozent weniger Krebsoperationen, Darmkrebsoperationen zum Beispiel, durchgeführt wurden. Und das können die auch in ihrem Register dokumentieren. Die AOK hat es mit ihrem wissenschaftlichen Institut untersucht, kommt zu ähnlichen Daten. Auch die Taskforce vom deutschem Krebsforschungszentrum, der deutschen Krebshilfe und der deutschen Krebsgesellschaft, die ja die großen Zentren in Deutschland monitoriert, hat ganz ähnliche Daten erhoben.

Also wir sehen in den Gipfeln der Pandemie Schwierigkeiten. Wir sehen, dass das zum Teil nachgeholt wird. Aber wir sehen auch, dass leider da ein Wettbewerb entsteht, durch die Intensivkapazität, die belegt ist.

Inwieweit können Impfungen die Situation verbessern?

Alle, die an der Versorgung von Krebspatienten beteiligt sind, haben sich sehr dafür eingesetzt, dass Patienten mit Tumorerkrankungen, vor allem mit einer aktiven Tumorerkrankung oder kürzlich zurückliegenden Behandlung einer Tumorerkrankung, in der Impfreihenfolge priorisiert werden.

Das haben das Krebsforschungszentrum, die Krebshilfe und die Krebsgesellschaft mehrfach betont, wir haben da auch oft dazu Stellung genommen.

Ich glaube, das ist unheimlich wichtig, einfach deswegen, weil wir natürlich... Das ist eine sehr vulnerable Gruppe von Menschen. Das sind Menschen, die teilweise einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind, schon allein aufgrund ihrer Tumorbehandlung. Und deswegen müssen wir für die sorgen und deswegen die müssen geimpft werden und sind auch erfreulicherweise in der Impfreihenfolge priorisiert worden.

Es gibt nur ganz wenige Menschen, also es ist eher die Ausnahme, dass man sagt, in diesem Fall würde man aufgrund der Tumorerkrankung und der Behandlung von der Impfung abraten.

Deswegen ist auch unsere Empfehlung vonseiten der Krebsgesellschaft, bitte immer mit dem behandelnden Arzt die Impfung besprechen. Der kennt die Therapie am besten. Der kennt auch dich als Patientin oder Patient am besten. Und das im gemeinsamen Gespräch klären, macht Impfen Sinn, ja oder nein. Aber wenn die Impfung Sinn macht, dann bitte unbedingt impfen.

Was könnte bei der Versorgung noch verbessert werden?

Was gut gelaufen ist, dass sich alle extrem angestrengt haben. Das gilt für die Pflegenden, das gilt für Ärztinnen und Ärzte. Das ist, glaube ich, eine große Solidarität.

Die Patientinnen und Patienten haben viel Geduld bewiesen. Das ist nicht einfach gewesen, wie besprochen, wenn man mit einer Krebsdiagnose konfrontiert wird und dann auf die Operation warten muss oder auf die Bestrahlung warten muss, das ist natürlich wirklich schwer. Und da waren alle extrem geduldig und verständnisvoll, das muss man wirklich sagen.

Ich glaube... Das ist natürlich ein Lernprozess. Keiner von uns hat damit gerechnet, dass wir in so eine Situation kommen und über so eine lange Zeit in diese Situation kommen. Und sowohl die Politik wie auch natürlich die Ärztinnen und Ärzte, alle haben wir in dieser Pandemie gelernt. Und wir haben natürlich, wenn man es jetzt rückblickend betrachtet, Fehler gemacht, aber hinterher ist man natürlich immer schlauer.

Ich denke, wir müssen jetzt schauen, dass diese Impfkampagne so schnell wie möglich alle Bevölkerungsgruppen erreicht. Einfach deswegen, weil die Priorisierung hat Sinn gemacht, aber ich denke, jetzt haben wir hoffentlich alle geimpft, die in der Priorisierungsgruppe sind.

Jetzt geht es darum, die Intensivstationen freizubekommen. Die kriegen wir nur dadurch frei, wenn wir alle impfen, damit eben dort keine Menschen mehr aufschlagen, und dass wir den Normalbetrieb wiederherstellen. Wir müssen aus den Krankenhäusern die Belastungen nehmen, gerade um unsere vulnerablen Patienten und onkologischen Patienten wieder normal versorgen zu können.

Das geht eben nur, wenn wir diese viel beschriebene Herdenimmunität erreichen. Und wir müssen 75 Prozent unserer Bevölkerung durchimpfen, das erfordern schon die Virusvarianten und die höhere Ansteckungsrate durch jetzt diese englische Variante. Wir müssen das schnellstmöglich machen.

Und ich freue mich deswegen, dass die Politik das aufgegriffen hat und wir da Gas geben. Die anderen Länder, gerade die USA, haben da schon sehr viel Gas gegeben. Israel, man sieht, es funktioniert. Das müssen wir jetzt schnellstmöglich umsetzen, weil wir damit allen nützen.

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