Nachgefragt! Folge 221 mit Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz

Das Transkript zur Folge 221 mit Professor Hans-Iko Huppertz:

Ein Interview über die Situation von Kindern während der Pandemie mit...

Mein Name ist Hans-Iko Huppertz. Ich bin Kinderarzt, habe eine Spezialisierung in pädiatrischer Infektiologie. Also in der Lehre der Infektionskrankheiten bei Kindern und Jugendlichen. Ich bin Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. Das ist eine Vereinigung aller in der Kinder- und Jugendmedizin aktiven Gesellschaften und Verbände. Damit diese sich zusammentun und in der Öffentlichkeit mit einer Stimme sprechen.

Wie stellt sich derzeit die Situation der Kinder da?

Ja, wir sind sozusagen im März letzten Jahres In die entsprechenden Maßnahmen eingetreten. Um diese Pandemie auch in den Griff zu bekommen. Und die ursprünglichen Pandemiepläne, die dann Deutschland hatte, die waren ausgerichtet auf das Influenza-Virus, also auf die asiatische Grippe.

Und dabei ist klar, dass insbesondere Kinder in der Grundschule Treiber dieser Pandemie sind. Unter denen verbreitet sich das Virus. Sie bringen es in die Gesellschaft und stecken die Erwachsenen an. Deswegen war es unter der Vorstellung, es würde bei dem neuen Virus, das man noch nicht kannte, genauso laufen wie bei Influenza, völlig richtig, Schulen und Kindergärten zu schließen.

Und inzwischen wissen wir ja, dass wir diese... Epidemiologie dieses neuen Virus ganz anders läuft. Das neue Virus verhält sich eben nicht wie das Influenza-Virus. Sondern bei dem neuen Virus sind Kinder und Jugendliche oder zumindest Kinder bis 12 Jahre etwa nicht Treiber der Pandemie. Sondern das sind junge und ältere Erwachsene, und nicht die Kinder. Und diese Unterschiede muss man auch berücksichtigen, wenn man überlegt, macht es Sinn, die Schulen zuzumachen?

Bei einer Influenza-Pandemie macht es großen Sinn, weil man damit dann eben die Ausbreitung des Virus verhindert, vermindert. Und auf diese Art und Weise die Zahl der Betroffenen vermindert. Wenn wir anschauen, worum geht es...

Wir wollen die Überlastung der Intensivstationen verhindern. Weil es zu schwierigen medizinischen Situationen kommt. Mit Triage, was keiner will. Und obendrein kommt es zu vielen Todesfällen. Insbesondere bei den Hochbetagten, auch das will keiner. Und insofern gibt es klare Ziele, die man ansteuern will.

Und wenn diese Ziele, also Verminderung der Pandemie, Verminderung der Sieben-Tage-Inzidenz, als Maß dafür, das ja allgemein akzeptiert ist, obwohl es nicht so gut ist... Wenn man diese Verminderung haben will, muss man Maßnahmen ergreifen, die tatsächlich dazu führen. Und wenn man denkt, die Maßnahme ist nicht besonders sinnvoll, muss man überlegen, was... passiert denn zusätzlich dazu, dass man Kinder und Jugendliche nicht in die Schule lässt?

Und da haben wir uns schlaugemacht und geguckt. Was ist denn berichtet worden vom ersten Lockdown? Und der erste Lockdown ab März... letzten Jahres hat zu schlimmen Folgen geführt. Das muss man berücksichtigen, wenn man das überlegt. Also, in der pädagogischen Literatur ist es völlig klar, dass die wesentlichste Maßnahme um das Leben eines Kindes, eines Jugendlichen gut auf sein Erwachsensein vorzubereiten, der Schulbesuch ist.

Und der Wegfall, zum Beispiel eines Drittel Schuljahres, führt laut dieser Literatur ganz eindeutig dazu, dass das Lebenszeiteinkommen dieses ehemaligen aktuellen Schülers dann etwa drei Prozent sinkt. Weil drei oder vier Monate fehlen, an Schulbildung. Das heißt, die leiden ihr gesamtes Leben darunter, dass sie weniger Schulbildung gehabt haben. Da geht es nicht oder keinesfalls nur um die Inhalte.

Sondern um all das, was Schule beinhaltet. Wie erwerbe ich Wissen, wie wende ich es an? Wie komme ich in der Gemeinschaft zurecht? Wie gehe ich mit Lehrern um? Wie gehe ich mit anderen Eltern um? Wie gehe ich mit Gleichaltrigen um? All das wird eingeübt. Das fehlt.

Und es wirkt sich aufs ganze Leben aus, das muss man sich klarmachen, wenn man eine Maßnahme durchführt. Das Schließen von Schulen und Kindergärten und damit Kindern einen wesentlichen Lebensmittelpunkt nimmt. Also eine Maßnahme, die nicht von Vorteil für Kinder und Jugendliche ist, die für andere von Vorteil sein soll.

Man muss überlegen, welche Nachteile haben die. Und das hat die bundesdeutsche Öffentlichkeit und die Bundesregierung nicht ausreichend berücksichtigt. Und wir denken, es ist ganz wichtig, dass wir darauf hinweisen, welche negativen Folgen das hat.

Welche Effekte hatte der erste Lockdown auf Kinder?

Also, neben dem... Neben dem Bildungsverlust sind eben vor allem Sozialisationsnachteile zu nennen. Dass sie all das, was sie sonst gemacht haben, nicht machen können. Das sind die Gleichaltrigen in der Schule und die Lehrer, der Umgang mit anderen Menschen außerhalb der Familie.

Aber es komme viele weitere Dinge hinzu. Sportverein. Geschlossen. Spielplätze waren beim letzten Lockdown geschlossen, sind dieses Mal offen. Schwimmbäder sind geschlossen. Wir müssen damit rechnen, dass im kommenden Sommer es mehr ertrunkene Kinder geben wird. Weil die alle nicht schwimmen lernen. Es fehlt alles völlig. Niemand lernt mehr schwimmen. Ein ganzer Jahrgang wird nicht schwimmen gelernt haben. Es hat keinen Schwimmunterricht gegeben.

Und auch die DLRG rechnet damit, dass sie große Probleme haben werden. Sie haben schon gesagt, sie können das gar nicht nachholen. Unmöglich. Selbst wenn im Sommer aufgemacht werden würde, man ab Mai, Juni schwimmen kann, auch draußen, wenn die Schwimmbäder wieder öffnen... Sie können den Kindern nicht beibringen, wie sie schwimmen sollen. Es wird tote Kinder geben, die ertrunken sind, weil sie kein Schwimmen gelernt haben.

All diese Dinge sind natürlich außerordentlich wichtig, neben dem Sozialisationsdefizit. Dafür, dass natürlich Entwicklungsschritte Reifungsschritte nicht vollzogen werden, weil eben die Umgebung fehlt. Kinder lernen im Spiel miteinander. In der Kommunikation miteinander. Im Spiel miteinander. Und das fehlt ja, das ist reduziert. Eventuell auf die Geschwister. Oder auf unmittelbare Nähe auf dem Spielplatz, wenige Leute. Aber das Wesentliche fehlt.

Und das betrifft nicht nur die psychosoziale Entwicklung. Das betrifft auch die motorische Entwicklung. Also, zur motorischen Entwicklung ist es ganz wichtig, sich auch mit anderen zu messen. Also, der Achtjährige läuft gerne um die Wette. Mit seinen Kameraden. Wenn er das nicht hat, wird er sein Potenzial sowohl was die Kraft als auch was die Koordination angeht nicht ausschöpfen können.

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