Das Transkript zur Folge 275 mit Prof. Michael Abou-Dakn:

Ein Interview über Impfungen bei Schwangeren mit...

Mein Name ist Michael Abou-Dakn, ich bin Chefarzt im St. Josef Krankenhaus in Berlin in der Frauenklinik und auch deren ärztliche Direktor. Und ich bin zurzeit der geburtshilfliche Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, sowie der Sprecher der Nationalen Stillkommission.

Sollte man Schwangere gegen Covid-19 impfen?

Ich finde die Fragennach der Impfung nicht ganz so leicht. Da müssen wir zwei Ebenen bedenken.

Eine Ebene ist wie immer die Fragestellung, was ist sozusagen freigegeben seitens der Industrie. Das beruht ja auf Studien, die man durchgeführt hat. Zulassungsbeschränkungen. Und tatsächlich ist es so, dass wir fast gar keine Situation haben, in der Schwangere oder stillende Frauen oder auch Kinder in Studien mit einbezogen werden, weil es von der Ethik her häufig sehr schwierig wird.

Wir haben schon frühzeitig bei den Schwangeren darauf hingewiesen und auch bei stillenden Frauen, dass wir durchaus positive Effekte einer Impfung uns vorstellen können. Haben anfangs, als wir die ersten Verlautbarungen dazu gemacht haben, aber natürlich mit einer gewissen Skepsis überlegt, können wir das riskieren, dass ohne entsprechende Zulassungsempfehlung seitens der Fachgesellschaft hierfür laufen?

Mittlerweile sind wir uns doch sehr sicher, dass unsere frühen Empfehlungen, nämlich zur Impfung zu raten, zumindest bei Risikogruppen, sehr wichtig waren. Denn wir wissen nun aus vielen Untersuchungen, dass insbesondere im zweiten, dritten Trimenon, also am Ende der Schwangerschaft, Schwangere durchaus ein etwas höheres Risiko haben, wenn sie Covid-erkrankt sind, auch schwere Verläufe zu haben.

Das war am Anfang nicht so klar. Mittlerweile gibt es viele Daten aus Israel, aus den Vereinigten Staaten, die darauf hinweisen. Sodass auch wir in den deutschen Daten sagen können, ja, es gibt diese Fälle. Tatsächlich sind wir nach wie vor nicht beunruhigt, wir möchten unsere Schwangeren auch nicht beunruhigen.

Aber wenn der Hinweis sozusagen da ist, dass wir eine Gefährdung haben, dann sollte man über die Impfung auch nachdenken. Und das haben wir noch mal verstärkt getan. Wir haben in Richtung des Bundesministers darauf verwiesen, dass wir als Fachgesellschaften durchaus empfehlen würden, Schwangere aus Risikobereichen oder wenn sie sich nicht anderweitig schützen können, eher in die Impfung mit einbezogen werden sollten, insbesondere Risikogruppen, aber auch die anderen.

Wer gehört zur Risikogruppe?

Das Risiko bezieht sich tatsächlich auf Frauen, die Lungenvorerkrankungen haben, Frauen mit Bluthochdruck, Frauen mit manifestem Diabetes. Auch Frauen mit entsprechender Übergewichtigkeit. Das waren vor allem in den USA die Gruppen, die dazu beigetragen haben, dass man Skepsis zeigte. Weil gerade bei den adipösen Frauen entsprechende Risiken zu befürchten sind.

Aber man kann es in letzter Konsequenz nicht sagen. Ich würde heutzutage einer Frau, die mit den Risikogruppen zusammenkommt, die eine höhere Rate an Infektionen erwarten dürften, zum Beispiel hier im Krankenhaus Sekretärinnen zum Beispiel. Den würde ich sagen, okay, wenn du nicht deinen Job lassen möchtest, dass man dich isoliert oder rausnimmt aus der Möglichkeit, infiziert zu werden, wird dann überlegt, ob du geimpft werden möchtest, weil die Nebenwirkung der Impfung sind mittlerweile so zu betrachten, dass wir keine Angst haben brauchen, in der späteren Schwangerschaft.

Ganz am Anfang wäre ich, wie bei allen Medikamenten, einfach vorsichtig. Das hängt schon alleine damit zusammen, dass wir leider wissen, dass nicht selten Fehlgeburten innerhalb der ersten drei Monate vorkommen. Und ich kann mir vorstellen, dass man sich sonst den Vorwurf macht, dass es mit der Impfung zusammenhängt, auch wenn kein Kontext bestehen muss.

Aber oberhalb des ersten Trimenons, vor allem ab dem zweiten, also ab dem sechsten Monat, sollte man es sich überlegen.

Gibt es Impfungen die schwangeren Frauen empfohlen werden?

Wenn Sie fragen, ob man generell keine Impfungen in der Schwangerschaft durchführen sollte, bitte ich Sie wirklich, zu bedenken, dass es viele Impfungen gibt, die wir dringend empfehlen. Die Grippeschutzimpfung wurde immer schon empfohlen. Alle Totimpfstoffe wurden immer schon empfohlen, in der Schwangerschaft zu applizieren.

Wir haben auch gerade mit der Weltgesundheitsorganisation auch in Deutschland uns angeschlossen, gegen Keuchhusten, gegen Pertussis, dringend in den letzten Monaten vor der Geburt zu impfen. Weil wir sehen, dass ein gewisser Nestschutz übertragen wird auf die Kinder. Und wir haben wirklich schwere Verläufe bei Säuglingen im ersten Jahr. Bevor die selbst gegen Keuchhusten geimpft werden können. Da gibt es eine große Kampagne mit viel Druck, die wir machen, dass wirklich alle Frauenärzt:innen dran denken, ihre Schwangeren zu informieren.

Sehr zu unserer Freude sehen wir, dass insgesamt die Impfbereitschaft deutlich zunimmt. Es gibt ja Querdenker, die alles Mögliche schwierig sehen. Aber wir sehen, dass Frauen in der Schwangerschaft aktiver nach Impfungen fragen. Weil sie merken, was das für sie und die Gesellschaft bedeuten kann.

Bitte, bitte, die Frauengesundheit muss auch in der Schwangerschaft im Vordergrund stehen. Und zum Teil ist es so, dass die Mutter für das Kind einen entsprechenden Nestschutz bietet. Das könnte auch bei der Covid-Impfung ein Thema sein. Insbesondere in der Stillzeit. Denn wir wissen, dass die Antikörperbildung bei der Covid-Impfung über die Muttermilch zum Beispiel übertragen wird.

Also auch wenn Mütter Covid-positiv waren, geben sie ihren Kindern einen gewissen Nestschutz, durch das Stillen. Und deshalb sind wir dafür, dass Frauen, wenn sie sich in der Schwangerschaft nicht entschieden haben, doch in der Nachfolgezeit mit den Impfungen beginnen. Hilft auch der Bevölkerung, einen Schutz zu bekommen.

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