Das Transkript zur Folge 258 mit Ute Volk-Hardt:

Ein Interview über die digitalen Herausforderungen für Lehrer in der Pandemie mit...

Ich bin Ute Volk-Hardt. Ich bin Lehrerin an einem Mainzer Gymnasium und unterrichte dort die Fächer Deutsch und Religion.

Wie hat sich Ihr  Arbeitsalltag  in der Pandemie verändert?

Wir waren völlig unvorbereitet und mussten von einem Tag auf den anderen auf Fernunterricht umstellen. Das war schwierig, weil wir nicht wussten, wie wir das machen sollen. Wir sind nach Hause gegangen, quasi ohne Konzept, je nach dem, um welche... Mancher Kollege... natürlich technische, digitale... Technik auch schon im Unterricht benutzt, andere nicht.

Ich mit 60 war definitiv kein Digital Native und wusste erst mal nicht,  was zu machen war.  Natürlich haben wir uns ausgetauscht in den Fachschaften, wie wir denn,  das war nämlich die Anforderung, die Schüler jetzt mit Arbeitsmaterial, mit Arbeitsaufträgen versorgen können.

Und wir hatten auch das Glück,  dass wir eine Schulplattform,  Moodle ist das in Rheinland-Pfalz,  zur Verfügung stellten. Nur, ich habe das geöffnet und habe keine Ahnung gehabt, was ich damit machen sollte.

Und wir waren ja  genau wie die Schüler zu Hause und, ja, was... was damit jetzt machen?  Anleitungen, Weiterbildungen gab es vorher für einzelne Lehrer. Vor allen Dingen Jüngere hatten sich dafür entschieden, das zu machen und wurden dann quasi zu Administratoren im Digitalen ausgebildet. Das hat uns natürlich jetzt nichts genutzt.

Wie haben Sie  sich digitalisiert?

Auch heute sind natürlich Lehrer, Lehrerinnen noch nicht mit den nötigen technischen... Hardware ausgestattet. Ich habe mir alles selbst gekauft, ja. Wenn ich das nicht gewollt hätte, könnte ich heute  noch nicht Fernunterricht... machen. Ich hätte mich dann wahrscheinlich auch nicht digitalisiert.

Und noch etwas kommt hinzu, was eine viel größere Herausforderung noch ist als ältere Lehrkraft.  Ich habe das, glaube ich, schon gesagt, dass ich, ja, gar nicht wusste, was ich mit der zur Verfügung gestellten Schulplattform anfangen sollte.

Und hatte Gott sei Dank das Glück, dass meine erwachsene Tochter zu Hause war für eine Woche. Und ich habe sie dann gebeten, mir zu helfen. Das war anfangs recht schwierig, bis sie mir sagte: "Du darfst nicht umdenken. Du musst neu denken, nämlich digital." Und das Vertrauen, das mir meine Tochter entgegengebracht hat, dass ich das schaffe.

Der Rest ging auf eigene Faust im Internet mit einer Fernuni, die Online-Tutorials zum Distanzunterricht zur Verfügung gestellt hatte, und mit Lernvideos zu Moodle. Das war der Anfang. Und dann ging es, quasi bis heute, learning by doing weiter.

Wie hat  sich der Unterricht in der Pandemie verändert?

Wir haben uns ja dann learning by doing eingearbeitet und dadurch haben natürlich auch viele festgestellt, dass der... dass das digitale Unterrichten auch Chancen eröffnet. Und wir haben dann gar nicht mehr so sehr auf die Bücher zurückgegriffen, sondern haben... Hörbücher selbst aufgenommen mit den Schülern, Textausschnitte aufgesprochen, hochgeladen...

Ich habe das zunächst mit den Schülern auf freiwilliger Basis gemacht, aber es hat ihnen sehr viel Spaß gemacht. Später haben wir dann über den Unterschied diskutiert, den es ausmacht, einen Roman selbst zu lesen oder ihn vorgelesen zu bekommen. Das passte auch ganz gut, weil den Roman, den wir bearbeitet haben, "Der Vorleser" von Bernhard Schlink war.

Ein Kollege, mit dem ich kürzlich geredet habe, der hat mir erzählt, begeistert eigentlich, erzählt, dass er einen Bundestagsabgeordneten zur Diskussion per Videochat mit seinem Politikkurs gewinnen konnte, und sagte dann zum Schluss: "Sehr unwahrscheinlich, dass dieser dazu in die Schule nach Mainz gekommen wäre."

Für mich selbst kann ich auch sagen, dass die Herausforderungen des Fernunterrichts mich erst dazu befähigt haben, die digitalen Möglichkeiten, ein Smartboard im Präsenzunterricht, zu benutzen und als sinnvolle Ergänzung zum Analogen zu entdecken.

Trotzdem zeigt es sich natürlich auch, dass die Schüler, was ja auch vielfach gesagt wurde, den Kontakt brauchen dass wir alle den Kontakt brauchen  und dass der digitale Unterricht, der Fernunterricht,  sicher niemals das gemeinsame Lernen vor Ort ersetzen wird.

Das war so eine große Freude, als sich die Schüler vor den Osterferien bei uns, zumindest in kleinen Gruppen, wiedertreffen konnten. Und allein deshalb würde ich sagen, muss es in Zukunft analoges und digitales  gleichberechtigt nebeneinander geben,  weil wir keine Menschen sind für die Distanz.

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