Das Transkript zur Folge 251 mit Ingrid Brodnig:

Ein Interview über den Umgang mit Verschwörungstheoretikern mit...

Mein Name ist Ingrid Brodnig, ich bin Journalistin und Buchautorin. Ich bin auf digitale Debattenkultur spezialisiert. Das heißt, auch auf Phänomene wie Hassrede, Falschmeldungen und Verschwörungsmythen.

Wie   reagiere ich  auf Verschwörungstheoretiker in  meinem  Umfeld?

Sie sollten es vor allem ernst nehmen. Es passiert, dass Menschen mit einer Verschwörungserzählung einsteigen. Sich tiefer und tiefer in ein Denken hineinbegeben. Und am Ende so was glauben wie den QAnon-Mythos. Wonach eine dunkle Elite Kinder entführt, auch in Deutschland, in Tunneln gefangen halten würde. Und ihnen das Blut absaugt um das eigene Leben zu verlängern.

Was ich meine, ist... Nehmen Sie es ernst, wenn Sie hören,  solche Geschichten finden Anklang. Und versuchen Sie vor allem, wertschätzend dagegenzuhalten.

Weil der erste Impuls ist manchmal, dass man richtig wütend wird. Vielleicht auch hämisch reagiert und sagt: "Bist du auch ein Covidiot?" oder Derartiges. Weil man selbst so schockiert ist. Und damit bauen sie zusätzlich Widerstände auf. Wichtig ist, eher die Hand auszustrecken und es der Person leicht zu machen, dass sie Fakten annimmt.

Wie kann ich Verschwörungstheoretikern die Fakten näherbringen?

Eine ist, wenn Sie merken,  dass Sie mit Ihren Argumenten nicht automatisch durchdringen. Dann kann man überlegen, dass man die Stoßrichtung der eigenen Argumentation ändert. Und sich überlegt, was sind Werte, was sind vielleicht auch Ängste oder Hoffnungen, die die Person antreibt. Und Ihre Argumente stärker passend zu dieser auch emotionalen Sichtweise anzupassen.

Das ist getestet worden bei der Klimathematik. Wo es auch falsche Behauptungen gibt, Leute, die den Klimawandel leugnen. Da hat eine Untersuchung gezeigt, dass wenn man nicht rein über die ökologischen Schäden  an Gesellschaft und Umwelt spricht, sondern zum Beispiel sagt,  Maßnahmen gegen den Klimawandel sind sinnvoll, weil es eine Chance für neue Jobs und Innovation darstellt, also ein ökonomisches Argument bringt, dass es bei manchen Klimawandel-Leugnern besser funktioniert hat.

Das nennt man wertebasierte Kommunikation. Es fruchtet natürlich auch nicht immer. Aber generell ist sinnvoll zu überlegen, welche Werte, welche Ängste treibt eine Person an. Und das sehr wohl ernst zu nehmen.

In der Corona-Thematik ist es auch so, dass manchmal Menschen von Ängsten getrieben werden. Angst um die eigene, finanzielle Sicherheit. Oder Angst um die Gesundheit. Wichtig ist, die Ängste, die vielleicht im Hintergrund stehen, durchaus anzusprechen  und ernst zu nehmen. Aber in der Sache widersprechen, wo es einfach falsch wird.

Es ist ein schwieriger Spagat. Aber das klingt doch sehr einleuchtend, aber ich muss sagen, in der Praxis  ist wertebasiertes Kommunizieren, auch empathisches Kommunizieren  schwierig. Wir sind alle nur Menschen und regen uns, ehrlich gesagt, auch auf. Dass die andere Person es nicht einsieht.

Wie lassen sich echte und unechte Experten unterscheiden?

Das ist sogar eine der größten Schwierigkeiten. Dass sich einerseits Leute zu Wort melden, die in dieser Fachfrage keine Expertise haben. Und dass es andererseits für viele Außenstehende so schwierig in der Kakophonie der Stimmen zu unterscheiden ist. Da gibt es mehrere Punkte, die Sie sich anschauen können.

Schauen Sie die Person an. Hat sie Expertise auf dem Gebiet? Ich gebe ein extremes Beispiel. In Österreich war es so, dass zu Beginn der Corona-Krise sich zum Beispiel ein Zahnarzt zu Wort gemeldet hat, auch eine Webseite betrieben hat, wo dann Verschwörungsmythen erzählt wurden. Jetzt ist natürlich ein Zahnarzt medizinisch gebildet. Aber er ist womöglich nicht der Fachmann für Virologie. Im Umkehrschluss, wenn ich Zahnschmerzen habe,  gehe ich auch nicht auf die virologische Abteilung für eine Behandlung.

Erstens also...  Selbst wenn jemand Wissen oder einen medizinischen Background hat, trotzdem anschauen: ist der für diese Spezialfrage befähigt? Oder wirklich auch gebildet?

Das Zweite ist, wir erleben auch Fälle, die eigentlich vom Fach kommen, aber Dinge sagen, die nicht den größeren Forschungstrend widerspiegeln. Und da muss ich sagen, schauen Sie sich an,  was die Person sagt. Ist das eher meinungsgetrieben oder publiziert die Person  beispielsweise auch aktuell.

Denn in der Forschung ist es so, wenn ich aktuell publiziere, gibt es das Peer-Review-Verfahren. Das heißt, andere aus diesem Fach  lesen einen Artikel, bevor er veröffentlicht wird. Das ist ein Qualitätskriterium. Unterscheiden Sie, die Person, die sich hier zu Wort meldet, publiziert die in dem Fach, ist die gerade aktiv?

Wir erleben manchmal zum Beispiel, dass pensionierte Professoren, also Professoren im Ruhestand, sich vor allem mit meinungslastigen Beiträgen zu Wort melden. Die ganz dagegenbürsten, sozusagen. Schaut man aber hin, sind das keine publizierten Meinungen, die haben mit der Sachthematik und mit der Sachlage oft wenig zu tun.

Das Dritte ist, schauen Sie, betreibt jemand "cherry picking". Das heißt, diese Stimmen,  die dann dem Fachkonsens oder zumindest dem Trend der Daten widersprechen,  die picken oft  eine Ausreißer-Studie heraus, oder einen spektakulären Fund, sie ignorieren aber andere Funde. Und wenn jemand "cherry picking" in der eigenen Argumentation betreibt,  ist das ein Warnsignal.

Und noch eine letzte Empfehlung, ganz ehrlich, das ist sehr schwierig, aber ein simpler Tipp ist einfach, lesen Sie Fachmedien, Branchenmedien. Medien, die sich spezialisiert  mit wissenschaftlichen, medizinischen Themen beschäftigen. Weil die machen oft eine Einordnung  des Wissensstandes. Das nennt man thematic framing.

Das Problem ist, viele,  auch boulevardeske Medien, die arbeiten mit episodic framing. Das heißt, es wird eine spektakuläre Studie oder Ausreißermeinung herausgenommen. Und gesagt, Wissenschaftler XYZ sieht das ganz anders.  Das bringt Klicks,  das bringt eine knackige Headline. Aber der wissenschaftliche Trend deutet in eine andere Richtung.

Nutzen Sie Medien, die nicht episodic framing machen.  Sondern thematic framing.  Das heißt, dass man schaut, die Fülle der Daten, in welche Richtung deutet die eher.

Und ich habe lange geredet, aber ich möchte eines sagen: Das ist oft überhaupt nicht einfach zu erkennen: Wer hat wirklich Expertise? Aber wenn ein Thema wichtig ist, sollten wir genauer hinschauen.

Darum geht es in „Nachgefragt!“

„Nachgefragt!“ befasst sich mit allen Aspekten rund um die Corona-Pandemie: Wir sprechen mit Expert*innen aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch mit Menschen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Dabei kommt ein breites Spektrum von Menschen in den unterschiedlichsten Positionen zu Wort, von der Soziologin bis zum Labormediziner, vom Hautarzt bis zur pflegenden Angehörigen.

„Nachgefragt!“ ist ein Videopodcast, der seit 24. März 2020 an jedem Werktag erscheint. Sie können die Folgen über verschiedene Plattformen sehen und abonnieren beispielsweise bei:

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Nachgefragt! | Der Corona-Video-Podcast

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