Nachgefragt! Folge 298 mit Heidi Thiemann

Das Transkript zur Folge 298 mit Heidi Thiemann:

Ein Interview über Kinder von Alleinerziehenden mit...

Ich bin Heidi Thiemann, ich habe die "Stiftung Alltagsheldinnen" initiiert, die sich für die Rechte von Alleinerziehenden und ihren Kindern einsetzt, und bin dort als Vorständin tätig.

Vor welchen Herausforderungen stehen Kinder von Alleinerziehenden in der Pandemie?

Für alle Kinder war die Pandemie sehr schwierig, ob aus Ein-Eltern-Familien oder nicht, weil die Kinder nach neuen Studien... ein Drittel der Kinder unter Einsamkeit gelitten hat, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten hatten. Und die Kinder von Alleinerziehenden, die oft aus eher finanziell schwächer ausgestatteten Familien kommen, 40 Prozent der alleinerziehenden Familien sind ja armutsgefährdet, hatten dann noch mal besonders zu leiden.

Wenn die Wohnungen kleiner waren, es gab keine Rückzugsmöglichkeiten. Und die Alleinerziehenden waren eben auch die ganze Zeit alleine. Das heißt, sie konnten sich nicht abwechseln. Die Spannungen sind oft gestiegen in den Familien. Jeder, der Kinder hat, weiß, wie wahnsinnig anstrengend das ist.

Also, alle sagen, wir sind vollkommen am Ende. Die Müttergenesungswerke, die Psychologen, die Einrichtungen, wo Beratungen sind. Alle sagen, es war eine ganz anstrengende Zeit für Familien und besonders für Alleinerziehende.

Welche Förderung brauchen die Kinder jetzt?

Die Psychologen raten dazu, die Kinder jetzt nicht noch mehr unter schulischen Druck zu setzen. Die Kinder brauchen jetzt nicht Aufhol- oder Lernferien, sondern sie brauchen wirklich eine Erholung. Sie müssen wieder in das soziale Miteinander kommen, wieder mit Kindern einfach spielen, wieder Erlebnisse haben, um so sich von der Lockdown-Situation zu erholen. Und erst dann kann man wieder anfangen, dass man schulisch die Lücken aufholt.

Mit unserer aktuellen Unterstützungsaktion, "Alleinerziehende entlasten", wollen wir genau das machen. Wir fordern solche Projekte, die eben den Kindern wieder Freiraum schenken und eben auch die Elternteile entlasten und ihnen Luft zum Durchatmen geben.

Welche Angebote gibt es?

Wir bieten mit unseren Aktionen und den geförderten Projekten Entlastungen für Alleinerziehende und ihre Kinder. Zum Beispiel, dass sie sich in Urlaubsfreizeiten ausruhen können. Dass sie aber auch qualifiziertere Angebote haben. Zum Beispiel 12- bis 14-Jährige, denen unser Partner Shia in Berlin Freizeiten zur Videoerstellung anbietet. Da können sie reflektieren, wie es ihnen in der Pandemie ging, und gleichzeitig bekommen die Mütter und Väter auch ein Entspannungsprogramm dabei.

Oder in Hamburg, dass die Kinder auf ein Boot geholt werden und das Boot kennenlernen und da auch etwas reparieren können. Und auch ganz gezielt, dass die Mütter und Väter in der Zeit, wo die Kinder da betreut werden und mit denen gearbeitet wird, sich entlasten können und sich ausspannen können.

Oder wir haben auch so etwas wie eine ganz spezialisierte, auf die Probleme von Alleinerziehenden ausgerichtete Beratungs-Hotline. Das macht der VAMV in Niedersachen. Die sagen, die Spannungen durch die Pandemie sind in vielen Familien, die alleinerziehend sind, so gestiegen, dass man da eine spezialisierte Beratung braucht. Die anderen Beratungsstellen haben ja auch im Moment sehr viel zu tun, weil überall Spannungen sind. Aber die sind dann noch mal spezialisiert.

Das sind Sachen, die wir machen und wo wir denken, da kann man wirklich auch erst mal den Familien helfen, wieder zur Ruhe zu kommen und dass die Kinder auch mal durchatmen können.

Wo finden Kinder und Eltern darüber hinaus Unterstützung?

Gute Anlaufstellen sind Frauen- und Familienberatungsstellen. Da findet man gebündeltes Wissen. Aber auch zum Teil bei den Verbänden, wie dem Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter, oder auch lokal gibt es viele sehr engagierte Initiativen. Die kann man alle als Ansprechpartner wählen.

Leider wird die gesamte Beratungsinfrastruktur nur unzureichend finanziert. Das heißt, es ist manchmal doch etwas mühsam, das sich zusammenzusuchen, und es gibt ganz wenige gebündelte Anlaufstellen. Das heißt, viel im Netz gucken, recherchieren und einfach auch andere mal fragen. Auch wenn man... Gerade bei Alleinerziehenden ist es ja so, dass sie relativ wenig Zeit dafür haben. Aber es lohnt sich auf jeden Fall.

Darum geht es in „Nachgefragt!“

„Nachgefragt!“ befasst sich mit allen Aspekten rund um die Corona-Pandemie: Wir sprechen mit Expert*innen aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch mit Menschen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Dabei kommt ein breites Spektrum von Menschen in den unterschiedlichsten Positionen zu Wort, von der Soziologin bis zum Labormediziner, vom Hautarzt bis zur pflegenden Angehörigen.

„Nachgefragt!“ ist ein Videopodcast, der seit 24. März 2020 an jedem Werktag erscheint. Sie können die Folgen über verschiedene Plattformen sehen und abonnieren beispielsweise bei:

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Nachgefragt! | Der Corona-Video-Podcast

In unserem Video-Podcast „Nachgefragt!“ unterhalten wir uns mit Menschen, die uns von den täglichen Herausforderungen in dieser besonderen Zeit berichten