Nachgefragt! Folge 299 mit Dr. Philipp Breidenbach

Das Transkript zur Folge 299 mit Dr. Philipp Breidenbach:

Ein Interview über die Infektionsgefahr im Stadion mit...

...Philipp Breidenbach. Ich forsche am RWI, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Zu welchen Ergebnissen kommen Sie in der Studie?

Zugrunde legen wir die Daten des RKIs. Die gängigen Zahlen, die täglichen Fallzahlen auf Ebene der Kreise, die nutzen wir. Da haben wir den Vorteil, dass wir nicht abhängig sind von den tatsächlich ausgewiesenen Infektionsorten. Denn da haben wir in Deutschland ein ziemlich großes Dunkelfeld. Wir wissen immer noch nicht, wussten auch insbesondere damals nur selten, wo sich Leute angesteckt haben.

Das heißt, wir nutzen keine Zahlen, wo genau haben sich die Leute angesteckt und wo steht Stadion dahinter. Wo steht privates Umfeld oder wo steht ÖPNV dahinter. Sondern wir nutzen die Zahlen auf Kreisebene. Wodurch der Ansatz in der Lage sein muss, Unterschiede zwischen den verschiedenen Kreisen besser aufzunehmen. Wodurch wir aber eben das Dunkelfeld an Infektionen besser abgreifen können.

Und wenn wir uns die Zahlen anschauen, den Vergleich anstellen, dann sehen wir, bezogen auf alle Ligen, dass Fußballspiele mit Fans nicht zu mehr Infektionen führen. Wenn wir uns aber fokussieren auf die Spiele der ersten Liga, dann sehen wir einen Effekt von Erst-Liga-Spielen auf das Infektionsgeschehen in den jeweiligen Kreisen.

Was wir machen, um abzusichern, dass es nicht einfach der Unterschied der Kreise zueinander ist... Denn man kann sich vorstellen, Fußballvereine sind nicht zufällig über Deutschland verteilt. Sondern gerade in großen, in dicht besiedelten Städten. Und gerade solche Städte mögen dazu neigen, auch andere Infektionsgeschehen zu haben.

Das heißt, für uns ist wichtig, nicht nur diese reine Korrelation zwischen Fußballvereinen und Infektionsgeschehen zu sehen. Sondern möglichst gut auch darauf zurückführen zu können, es liegt wirklich an dem Fußballspiel, das stattgefunden hat.

Und was wir dafür machen... Wir bedienen uns einer Methode, einem Placebo-Test, sozusagen. Das heißt, normalerweise, standardmäßig, das Spiel findet in dem Ort der Heimmannschaft statt. Aber möglicherweise sind Orte, in denen Fußballspiele stattfinden, ganz anders strukturiert aufgrund ihrer Bevölkerung. Was wir machen, ist, wir ordnen die Spiele in einem zusätzlichen Test fälschlich den Gastmannschaften zu. Das heißt, genau solche Orte, genauso dicht besiedelt. Mit dem einzigen Unterschied, dass nicht wirklich dort das Spiel stattfand, sondern dass die Mannschaft, die aus diesem Ort kommt, auswärts gespielt hat an dem Tag.

Und wenn wir so das Treatment, also da künstliche Spiel verdrehen, dann brechen die Effekte in sich zusammen. Also Effekte sehen wir nur dann, wenn wir echte Spiele haben. Wenn wir auf Placebo-Spiele testen, dann sehen wir keine Effekte.

Das heißt, im Endeffekt können wir daraus relativ gut sagen, es liegt tatsächlich an den Spielen, die stattfinden. Es sind nicht nur Unterschiede, zwischen solchen Städten, wo Fußballmannschaften sind und anderen Städten und Kreisen.

Ein wichtiger Punkt, im Zweifel der entscheidende. Den entscheidenden Unterschied bei den Spielen der ersten Liga sehen wir dann, wenn wir uns weiter die Hygienekonzepte anschauen, die dort gegolten haben. Wir unterteilen die Hygienekonzepte danach, was für Maskenpflichten gegolten haben.

Und bei Spielen, bei denen konsequente Maskenpflichten gegolten haben, das heißt, die ganze Zeit, die ich im Stadion bin, muss ich eine Maske tragen, auch über die gesamte Zeit am Sitzplatz. Wenn wir uns nur auf diese Spiele konzentrieren, finden wir keinerlei Effekte auf das Infektionsgeschehen. Die Effekte, die wir finden, stammen gänzlich aus dem Bereich der Spiele, wo die lascheren Maskenpflichten gelten. Das heißt, auf Wegen im Stadion muss ich Maske tragen. Aber während ich an meinem Sitzplatz bin, während des Spiels, durfte ich damals die Maske ablegen.

Und die Effekte, die wir finden, stammen aus den Spielen mit den lascheren Hygienekonzepten.

Welche Handlungsempfehlungen lassen sich daraus ableiten?

Grundsätzlich sehen wir sehr starke Gründe für weitere, strenge Maskenpflichten im Stadion. Man muss auch sagen, es ist wichtig, die Grenzen der eigenen Studie zu kennen, wir schauen uns den Zeitraum September 2020 an. Also Zeiten, wo es noch keine geimpften Personen gab. Wo es noch keine breiten Testmöglichkeiten und -pflichten gab.

Das gilt heute ja. Heute brauche ich einen negativen Test, um überhaupt ins Stadion zu kommen. Das mag die Wichtigkeit der Maskenpflicht... weniger bedeutsam machen. Aber gleichzeitig die neuesten Zahlen, z.B. aus Schottland zeigen ja auch, dass nach dem Spiel der Schotten gegen die Engländer in Wembley viele Fans, die von der Reise zurückgekehrt sind, positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Und dort galt ja eine Testpflicht. Hingegen galt keine Maskenpflicht, beziehungsweise wurde fast in Gänze nicht umgesetzt.

Also auch da wären wir relativ überzeugt davon, dass auch heute noch eine Maskenpflicht Sinn machen würde. Mit der Einschränkung, wir können es nicht sagen aus unseren Ergebnissen, weil damals noch keine Testpflicht, noch keine Testmöglichkeit zur Verfügung stand.

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