Das Transkript zur Folge 283 mit Prof. Dr. Eva Wunderer:

Ein Interview über  Schönheitsideale in Sozialen Medien  mit...

Mein Name ist Eva Wunderer, ich bin Diplompsychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin. Und bin auch Ehefrau und Mutter dreier Kinder.

Und arbeite an der Hochschule in Landshut. Bin dort zuständig für  psychologische Aspekte sozialer Arbeit. Und forsche insbesondere  im Essstörungsbereich.

Worum ging es in Ihrer  Studie  zu Schönheitsidealen?

Wir wollen herausfinden, wie Essstörungen zusammenhängen mit der Nutzung sozialer Medien. Und haben dazu  eine große Stichprobe befragt. Erstmals in Deutschland.

Wir, das bin ich, zusammen mit der Maya Götz vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen in München. Eine Tochter des Bayerischen Rundfunks. Und wir haben 175 von Essstörungen betroffene Männer und Frauen befragt.

 Zu welchen Ergebnissen kommen SIe in Ihrer Studie?

Wir haben festgestellt, dass es Zusammenhänge gibt  zwischen Essstörungen und sozialen Medien. Das haben wir geschlossen aus dem Selbstbericht der Betroffenen, und zwar auf verschiedenen Ebenen.

Die erste Ebene ist, dass Personen mit Essstörungen auf andere Dinge achten, wenn sie posten in sozialen Medien,  als Personen ohne Essstörung.  Das waren insbesondere nicht aussehensbezogene Aspekte von Bildern.

Wir stellten fest, dass Personen ohne Essstörungen sagen, mir ist wichtig, zu zeigen, wo befinde ich mich gerade. Mit wem treffe ich mich gerade. Was habe ich mir Schönes gekauft.

Und das ist Personen mit Essstörung weniger wichtig, die fokussieren sich stärker auf die aussehensbezogenen Aspekte. Schaue ich schlank aus, perfekt aus, schön aus? Das ist allen wichtig. Aber den nicht von Essstörungen Betroffenen sind die anderen Aspekte auch wichtig.

Dann ist auf der zweiten Ebene, wenn ich mal rausgehe von sozialen Medien... Es ist immer die Frage, wirkt sich das nur innerhalb der virtuellen Welt aus. Oder auch in der realen Welt. Wir haben festgestellt, es gibt einen Transfer.

Ich schaue mir die tollen Bilder an. Auch von anderen, merke, meine Bilder kommen noch nicht ganz hin. Nutze erst mal Filter, versuche, das so zu perfektionieren. Ändere dann aber auch mein Verhalten im realen Leben. Ich esse anders und ich trainiere anders. Und versuche so, einen möglichst perfekten Körper zu erreichen.

Das sagen ungefähr drei Viertel von den Betroffenen, dass sie ihr Verhalten im realen Leben ändern. Und 44 Prozent sagen auch, ja, es hat tatsächlich einen Einfluss direkt auf meine Essstörung gehabt.

Wir haben dann einen Teufelskreis herausgearbeitet, dass ich eben feststelle, andere haben perfekte Bilder. Das können Influencer:innen sein, das kann aber auch die Person, das Mädchen, der Junge von nebenan sein. Den ich vielleicht aus der Schule, aus dem Berufsleben, aus dem Alltag kenne. Und der auch ein tolles Bild hat.

Das setzt mich unter Druck, ich versuche, mein Bild zu perfektionieren. Das führt mich eben dazu, mein Ess- und Trainingsverhalten zu verändern.

Ich bekomme positive Rückmeldungen. Das stärkt den Selbstwert, ich fühle mich zugehörig. Will natürlich noch mehr erreichen, merke, da geht noch mehr. Habe Angst, die Anerkennung wieder zu verlieren. Und gerate dann im schlimmsten Fall tiefer in einen Strudel der Essstörung.

Welchen Einfluss hat  dabei die  Pandemie?

Das ist auf mehreren Ebenen. Zum einen durch die Eingrenzung sozialer Kontakte habe ich natürlich mehr Onlinekontakte. Beziehungsweise nicht mehr, aber die spielen eine größere Rolle. Da ist der Fokus auf Aussehen, Körper noch größer. Steht noch mehr im Vordergrund.

Weil mir der Ausgleich im Privaten, Sport und was ich sonst mache, fehlt. Dann wissen wir, dass es vielen Jugendlichen nicht gut geht. Vielen jungen, erwachsenen jungen Menschen. Viele sind depressiver, sind ängstlicher. Das zeigen alle Studien. Das ist dann auch ein Nährboden, wo ich vielleicht noch anfälliger bin für solche Effekte.

Und der dritte Punkt, der auch noch wichtig ist, ist, dass es bei Essstörungen auch viel um Kontrolle geht. Also dass ich das Gefühl habe, ich muss meinen Körper in Kontrolle haben. Ich muss was erreichen, will mich selber optimieren. Und wir leben in einer Zeit des kompletten Kontrollverlustes.

 Wir wissen nicht, wen dürfen wir nächste Woche treffen. Sind die Schulen auf, dürfen wir in den Urlaub fahren? Und dann ist die Verführung, sich noch mehr darauf zurückzuziehen, auf den kleinen privaten Bereich, den ich kontrollieren kann, auf meinen Körper, eben noch größer als in normalen Zeiten, sozusagen.

Welche Handlungsempfehlungen lassen sich  aus der Studie ableiten?

Zum einen, Medienkompetenz zu schulen. Und das eben nicht nur, ich sage es ein bisschen überspitzt, bei jungen Menschen nicht nur in der Projektwoche am Ende des Schuljahres einmal. Sondern kontinuierlich dranbleiben.

Es müsste eigentlich ein Dauerthema sein im schulischen Kontext, im Bildungskontext, in Familien. Und was oft passiert ist eben mit einem erhobenen Zeigefinger. "Ja, am besten wäre, wenn es soziale Medien gar nicht gäbe." "Und das ist alles schwierig." "Ihr müsst euch abgrenzen." Das ist alles unrealistisch.

Es ist eine wichtige Lebenswelt, die muss ich anerkennen. Und die soll ich anerkennen wollen, nicht nur müssen. Das heißt, ich muss auf einer wertschätzenden Ebene rangehen und sagen, es ist eine wichtige Lebenswelt. Die bringt auch viel Positives.

Auf bestimmte Dinge sollte ich aber achten. Und das immer wieder reflektieren. Welche Interessen stecken dahinter? Ist wirklich eine Influencerin meine Freundin, auch wenn sie sich so benimmt oder verkauft. Oder geht es da nicht um kommerzielle Interessen?

Das ist so der eine Punkt. Und der andere Punkt, den ich sehe, ist dahinterliegend. Warum spielt eigentlich Aussehen, Körper, so eine entscheidende Rolle? Das ist ja das Merkmal in sozialen Medien.

Es geht immer um den Körper, um Aussehen, um Selbstoptimierung, bei den allermeisten, die sich dort präsentieren. Und dass wir auch gesamtgesellschaftlich hinterfragen, ist das eigentlich das, was uns im Leben glücklich macht und worauf wir hinarbeiten wollen? Muss es immer nur um das Äußere gehen?

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