Das Transkript zur Folge 268 mit Prof. Dr. Lea Ellwardt:

Ein Interview über lose Bekanntschaften mit...

Mein Name ist Lea Ellwardt. Ich bin Juniorprofessorin an der Universität zu Köln am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie. Mein Forschungsschwerpunkt sind die sozialen Faktoren von Gesundheit älterer Menschen.

Wie wirken sich lose Bekanntschaften auf unser Wohlbefinden aus?

Vielleicht ist es gut zu klären, was ich zumindest unter losen Bekanntschaften verstehe. Das sind die Bekanntschaften, die etwas sporadischer sind als enge Bekanntschaften. Etwas weniger regelmäßig, auch unverbindlicher, vielleicht auch freiwilliger als zum Beispiel engere Kontakte zu Kollegen, die man täglich sieht, aber auch zu Familienmitgliedern oder Freunden.

Aber auch diese losen Bekanntschaften, wie zum Beispiel die Bekanntschaft im Fitnessstudio oder der Genosse im Sprachkurs können sich eben auch auf unser Wohlbefinden auswirken, weil sie auch identitätsstiftend sind.

Sie tragen auch dazu bei, dass man ein Zugehörigkeitsgefühl entwickelt. dass man Teil der Gesellschaft ist, dass man da seinen Platz einnimmt. Man möchte ja beachtet werden, wahrgenommen werden, im besten Fall auch wertgeschätzt werden. Und auch diese losen Bekanntschaften können eben genau das fördern. Und Menschen, die sich eben  gut integriert finden... fühlen die berichten eben weniger oft, dass sie gestresst sind, haben weniger oft depressive Symptome, leiden seltener an Angstzuständen...

Es ist also insgesamt einfach eine Sache... Dieses Zugehörigkeitsgefühl ist sehr gut für die psychische Gesundheit, und das ist natürlich auch wieder gut für das Wohlbefinden insgesamt.

Wieso sind lose Bekanntschaften wichtig?

Während dauerhafte Beziehungen  besonders nützlich sind, wenn wir zum Beispiel emotionale Unterstützung suchen, Rat suchen, vertraute Gespräche führen möchten, ist es eben zusätzlich durch lose Bekanntschaften häufig so, dass man da noch mal anderen Input bekommen kann, andere Anreize und Impulse.

Vielleicht findet man im engeren Familien- und Bekanntenkreis jetzt niemanden mit ähnlichen Hobbys, und lose Bekanntschaften würden eben diese Möglichkeit vielleicht noch mal eröffnen. Also wenn ich zum Beispiel beim Wandern einen anderen begeisterten Vogelbeobachter finde, dann fühle ich mich gut und kann da meine Interessen teilen. Vielleicht habe ich mich vorher nicht für Vögel interessiert und gelange erst zu diesem Hobby durch eben diese Tätigkeit in dem Wanderverein.

Also lose Kontakte bringen einfach noch mal neue Informationen  und Ressourcen mit sich, die wir so vielleicht in engeren Netzwerken nicht finden würden.

Welche Auswirkungen hat das Fehlen loser Bekanntschaften?

Die loseren Bekanntschaften  leisten noch mal zusätzlich den Beitrag zu dem Zugehörigkeitsgefühl. Das kann eben besonders dann nützlich sein, wenn vielleicht engere Bekanntschaften rar oder unpässlich sind.

Wenn zum Beispiel Familienmitglieder weit weg wohnen, dann ist es eben doch nett,  wenn man auch zu den Nachbarn einen guten Kontakt hat.  Vielleicht braucht man ja auch mal was, wo es einfach sinnvoll ist, dass man auch diese Kontakte  schnell mobilisieren kann.

Hat man solche Kontakte nicht über längere Zeit, dann kann das auf Dauer auch zu Gefühlen von Einsamkeit führen. Das betrifft auch Menschen, die nicht alleine wohnen. Einfach dieses Gefühl, dass man nicht genügend Menschen um sich herumhat. Und wenn das dauerhaft ist, über längere Zeit so empfunden wird, kann das zu Einsamkeit führen und eben auch krank machen.

Also das kann Schlafstörungen verursachen, so eine... Einsame Menschen, die chronisch einsam sind, sind häufiger gestresst, leiden häufiger oft an Herz-Kreislauf-Problemen, höherem Blutdruck...

Also das hat die Forschung im internationalen Feld immer wieder gezeigt, dass Einsamkeit auf Dauer ein Krankmacher sein kann und zusammenhängt mit sehr vielen negativen, körperlichen Beschwerden.

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