Das Transkript zur Folge 256 mit Dr. Teresa Deffner:

Ein Interview über die psychologische Arbeit auf der Covid-Intensivstation mit...

Mein Name ist Teresa Deffner. Ich bin Psychologin auf den operativen Intensivstationen und der Kinderintensivstation am Universitätsklinikum Jena und zurzeit eigentlich fast ausschließlich auf der Covid-Intensivstation tätig.

Wie gestaltet sich Ihr Arbeitsalltag auf der Covid-Intensivstation?

In der Pandemie haben wir jetzt eben deutlich mehr Belastungen für alle Patienten und deren Angehörige als vorher. Denn vorher war die kritische Erkrankung meistens im Leben der Patienten und Angehörigen die einzige Belastung. Und das ist schon genug, wenn man lebensbedrohlich erkrankt ist.

In der Pandemie kommen für alle Menschen in Deutschland und auf der ganzen Welt zusätzliche Belastungen hinzu. Existenzsorgen, Sorgen, sich selber anzustecken. Infektionsketten, die in Familien ja häufig nachvollziehbar sind. Dadurch auch mehrere Betroffene in einer Familie. Menschen, die sich lange in Quarantäne befinden und nur begrenzt Unterstützung durch ihr soziales Umfeld erlangen können.

Das alles sind Belastungen, die sich jetzt in der Pandemie definitiv häufen und wo es nach meinem Eindruck umso wichtiger ist, dass es jemanden gibt wie uns, als Psychologen auf der Intensivstation, die vom Grunde her eigentlich von Tag eins an mit für die Patienten und Angehörigen da sind.

Das sieht so aus, dass, wenn die Patienten zu uns auf die Covid-Intensivstation kommen, dass wir direkt Kontakt mit ihnen aufnehmen. Zu ihnen ans Bett gehen, uns vorstellen, wer wir sind, was wir machen und dass wir sie über den Verlauf der Erkrankung auf der Intensivstation begleiten.

Dass wir ihnen die Möglichkeit geben, ihre Sorgen und Ängste an- und auszusprechen. Denn viele Patienten kommen zu uns mit der Angst zu sterben. Das wird entweder direkt oder indirekt von den Patienten so formuliert. Und da ist es ganz wichtig, ihnen die Möglichkeit zu geben, alle diese Ängste und Sorgen überhaupt erst einmal an- und auszusprechen.

Und sie mit Informationen darüber zu versorgen, was in den nächsten Tagen, gegebenenfalls Wochen, mit ihnen passiert. Und da arbeiten wir natürlich integriert in das Team der Intensivstation, wo Ärzte und Pflegekräfte eine ganz ähnliche Funktion übernehmen wie wir als Psychologen.

Und wir ergänzen diese Tätigkeit dadurch, dass wir beispielsweise nach dem Arztgespräch oder nach dem Gespräch mit der Pflegekraft uns noch mal die Zeit nehmen können, dass wir auch mit den Patienten und Angehörigen sortieren können, mit wem ist es wichtig, Kontakt zu halten. Wie wollen wir den Kontakt aufrechterhalten?

Durch das Besuchsverbot machen wir sehr, sehr viele Videotelefonate. Häufig auch in sehr existenziellen Situationen, wie beispielsweise kurz vor Intubation von Patienten, wenn ihnen also dieser Beatmungsschlauch gelegt wird. Wo ja nicht klar ist, wenn dieser Beatmungsschlauch gelegt wird, ob die Patienten jemals wieder wach werden.

Und in dieser Situation versuchen wir immer, einen Kontakt zu den Angehörigen herzustellen. Sodass einander Worte gesagt werden können, die man vielleicht nur in dieser Situation einander sagen kann.

Wenn es Patienten sehr, sehr schlecht geht, dann begleiten wir natürlich die Angehörigen. Auch wenn Patienten versterben, versuchen wir, den Kontakt zu den Angehörigen herzustellen. Angehörige dürfen dann auch kommen und die sterbenden Patienten begleiten. Und unsere Begleitung endet auch nicht, wenn die Patienten verstorben sind.

Sondern wir melden uns auch im Nachhinein bei den Angehörigen, bieten ihnen nachsorgende Gespräche, Telefonate an. Schauen mit den Angehörigen gemeinsam, ob es noch einer anderen Unterstützung bedarf, wie beispielweise der Begleitung durch einen Hospizdienst oder vielleicht auch durch einen niedergelassenen Psychotherapeuten.

Und das sind alles Tätigkeiten, die ja letztlich zusätzlich zu dem, was Ärzte und Pflegekräfte schon tun, dadurch dass sie mit den Angehörigen und Patienten sehr, sehr viel sprechen, in der Pandemie meines Erachtens mindestens genauso viel wie vorher, weil ja alles übers Telefon stattfindet. Und wir als Psychologen ergänzen diese Arbeit.

Das hört sich jetzt erst mal sehr selbstverständlich an. Man würde vielleicht denken, dass es das überall in ganz Deutschland gibt. acto ist es aber die absolute Ausnahme auf Intensivstationen, dass jemand wie wir zusätzlich da ist.

Das heißt, man kann sich das so vorstellen, dass auf den allermeisten Intensivstationen in Deutschland die Dinge, die ich jetzt gerade angesprochen habe, die wir tun, die Ärzte und Pflegekräfte immer nebenbei und zusätzlich tun. Also die Sterbebegleitungen, diese intensiven Gespräche, das machen auf den allermeisten Intensivstationen in Deutschland alles die Ärzte und Pflegekräfte der Station on top.

Natürlich ist es auch ihre originäre Aufgabe, psychosoziale Versorgung zu leisten. Aber angesichts der Fülle an schwererkrankten Patienten und der Anzahl an Patienten, die versterben, ist es nach meinem Eindruck wirklich eine ganz außergewöhnliche Belastungssituation auch für das Personal. Und daher sollte so eine Ergänzung wie durch unsere Tätigkeit meines Erachtens eigentlich selbstverständlich sein.

Mit welchen Problemen kommen die Patienten zu Ihnen?

Es gibt mehrere Hauptprobleme. Wobei das Grundsätzliche darin besteht, dass es eben nicht nur eine Problemlage gibt, sondern häufig mehrere. Die eine ist eben die schwere Erkrankung des Patienten.

Die nächste ist die Unmöglichkeit, den Patienten hier bei uns in der Klinik zu besuchen. Sodass Angehörige häufig schildern, das Letzte, was ich gesehen habe, war beim Rettungsdienst, als der den Patienten abgeholt hat, also meinen lieben Mann, meine liebe Frau, meine Tochter, meinen Sohn, meinen Papa, meine Mama.

Das Letzte, was ich gesehen habe, war am Rettungswagen gewesen. Und das sind ja ganz eindrückliche Bilder. Und danach habe ich nichts mehr gesehen vom Patienten. Und das ist eine ganz außergewöhnliche Belastungssituation, die entsteht.

Hinzukommt, dass natürlich alle Menschen der Bevölkerung durch die Corona-Schutzverordnungen überhaupt beeinflusst sind. Und das wird sehr unterschiedlich erlebt. Das betrifft zum Beispiel die Beschulung der eigenen Kinder. Das betrifft finanzielle, existenzielle Sorgen, in denen sich ja nicht wenige Menschen befinden aktuell.

Und hinzukommt, wie ich bereits erwähnte, dass häufig mehrere Menschen in einer Familie betroffen sind. Mitunter auch mehrere Menschen schwer erkranken. Und mitunter mehrere Personen aus einer Familie im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Und das gibt es ja außerhalb der Pandemie... Im Prinzip habe ich das vorher noch nicht erlebt, dass gleichzeitig mehrere Menschen aus einer Familie schwer erkranken. Was natürlich eine außergewöhnliche zusätzliche Belastung darstellt.

Und nicht zu vergessen ist dabei auch immer die Frage, wer hat wen angesteckt? Das wissen wir bei vielen Erkrankungen ja sonst gar nicht. Hier ist durch den Nachvollzug der Infektionsketten überhaupt die Frage aufgeworfen, wer hat die Erkrankung, wer hat das Virus mit nach Hause gebracht?

Und das ist etwas, was einige, nicht alle Angehörige, aber einige Angehörige wirklich sehr belastet und beschäftigt, wenn sie selber den Eindruck haben, sie hätten das selber verursacht, gewissermaßen, die schwere Erkrankung des Patienten. Das ist ein Leid, das können wir uns überhaupt nicht vorstellen.

Denn sonst ist Krankheit etwas, das passiert. Und was nicht in der Macht des Angehörigen natürlich liegt, diese Erkrankung selbst zu verhindern. Und hier bekommen manche Angehörige die Idee, sie hätten das selbst verhindern können. Sie hätten den Patienten besser beschützen können oder müssen. Und das ist ein immenser zusätzlicher Druck, der auf den Angehörigen lagert.

Wenn sie sich dann selber noch dazu in Quarantäne befinden und nicht mal kommen dürfen, wenn sie denn die Möglichkeit hätten, wenn der Patient verstirbt, es ihm sehr schlecht geht, das ist eine ganz große Belastungssituation. Dadurch dass man auch ganz andere Formate finden muss zur Verabschiedung, ja? Beispielsweise per Video, beispielsweise am Telefon, dadurch dass wir Bilder machen.

Und uns ist daher auch so wichtig, dass wir den Angehörigen erst mal die Möglichkeit geben, über ihre eigenen Belastungen zu sprechen. Dass auch sie mit gemeint sind in der Versorgung. Dass auch sie sich mit versorgt fühlen dürfen von uns als Team der Intensivstation, dass wir auch für sie da sind.

Und uns ist ganz wichtig, dass sie das Gefühl haben können, dass sie etwas tun können. Denn das ist etwas, was durch Besuche eigentlich maßgeblich gewährleistet wird. Dass Angehörige sich einbezogen fühlen, dass sie den Eindruck haben, sie können etwas tun für den Patienten, was ja auch de facto so ist.

Die Familienintegration ist auf Intensivstationen ein sehr wichtiges Element der Versorgung und trägt nachweislich zur Besserung der Situation der Patienten bei. Vor allen Dingen, wenn die Patienten nicht ganz orientiert sind in der Realität. Da sind Angehörige sehr, sehr wichtige Unterstützer. Und dieses alles fällt durch das Besuchsverbot ja weg.

Deswegen versuchen wir, alternative Möglichkeiten zu finden, wie Angehörige sich auch einbringen können, um selbst auch das Gefühl zu haben, sie sind wirksam, was auch ihre Belastung reduziert. Beispielsweise dadurch, dass sie dem Patienten Nachrichten schicken.

Ganz viele machen das übers Handy, Familiengruppen. Schicken dann jeden Tag Nachrichten, die wir den Patienten ans Ohr legen. Sie schicken uns Bilder. Wir halten das Telefon ans Ohr der Patienten, auch wenn die noch gar nicht ganz wach sind.

Wir haben Familien, mit denen wir über Wochen nahezu jeden Tag Videokonferenzen machen, wo man auch sehr viel über die Familien lernt. Wir wissen, wie die Haustiere heißen, wir wissen, wie es den Kindern geht, den Enkeln geht.

Und das ist vielleicht eines der wenigen Vorteile der Videotelefonie, dass man auch sehr viel unkomplizierter eben mehrere Angehörige einbinden kann. Und auch Kinder gut einbinden kann. Wenn die gut vorbereitet sind auf das, was sie erwartet, und auch auf das, was sie selber tun können, eine Information erhalten, dann haben wir schon sehr berührende Kontakte gehabt zwischen Patienten und beispielsweise deren Enkelkindern.

Wo die am Klavier was vorgespielt haben, wo sie gesungen haben. Wo sie einfach eine ganz andere Unterstützung und Nähe dem Patienten auch geben und spenden konnten, als das vielleicht vorher der Fall war. Wo vielleicht der Enkel, der ganz weit weg wohnt, vielleicht auch gar nicht zu Besuch gekommen wäre.

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