Nachgefragt! Folge 234 mit Prof. Dr. Doris Schaeffer

Das Transkript zur Folge 234 mit Professorin Dr. Doris Schaeffer:

Ein Interview über Gesundheitskompetenz mit...

Mein Name ist Doris Schaeffer. Ich bin Professorin an der Uni Bielefeld und habe dort eine Seniorprofessur für Gesundheitskompetenzforschung.

Was versteht man unter Gesundheitskompetenz?

Der Begriff "Gesundheitskompetenz" kommt aus der Alphabetisierungsforschung. Am Anfang hat man schlicht darunter verstanden... die Frage verstanden, wie können Menschen mit geringen Schreib- und Lesefähigkeiten eigentlich im Gesundheitswesen zurechtkommen? Wie können sie Rezeptverordnungen verstehen? Wie können sie Terminvereinbarungen verstehen? Und dergleichen mehr.

Inzwischen verstehen wir aber etwas mehr darunter, nämlich generell die Frage, wie können Menschen mit Gesundheitsinformationen umgehen? Wieweit sind sie in der Lage oder wie schwierig finden sie es, solche Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, einzuschätzen und zu beurteilen, und dann natürlich auch anzuwenden?

Wie gesundheitskompetent sind die Deutschen?

Wir haben unterschiedliche Studien durchgeführt und kommen samt und sonders zu dem Ergebnis, dass die Gesundheitskompetenz der Deutschen nicht so gut ausgeprägt ist. Das erste Mal sind wir darauf gestoßen, weil Deutschland teilgenommen hatte, um 2010 herum war das schon, da hatte Deutschland teilgenommen an einer europäischen Vergleichsstudie. Damals nur mit dem Land Nordrhein-Westphalen.

Und da zeigte sich, dass fast 48 Prozent der Befragten damals eine geringe Gesundheitskompetenz haben. In unserem ersten Survey stellte sich die Zahl noch brisanter dar. Da waren es 54,3 Prozent. In unserem neuen Survey, den wir erst vor vier Wochen veröffentlich haben, haben wir festgestellt, dass sie schlechter geworden ist. Die Gesundheitskompetenz bewegt sich jetzt um fast 60 Prozent herum. Konkret, 58,8 Prozent der vor uns Befragten, repräsentativ Befragten, haben eine geringe Gesundheitskompetenz.

Das heißt, dass sie es schwierig finden, mit Gesundheitsinformationen umzugehen. Konkret, sie zu finden, nochmals, sie zu verstehen, einzuschätzen und anzuwenden. Und besonders schwer finden sie es, Gesundheitsinformationen einzuschätzen.

Und wir haben festgestellt, dass die digitale Gesundheitskompetenz noch schlechter ausgeprägt ist als die allgemeine Gesundheitskompetenz. Hier haben wir noch weit höhere Anteile an geringer Gesundheitskompetenz, als bei der allgemeinen Gesundheitskompetenz. Konkret sind es über 75 Prozent der von uns Befragten, die eine geringe digitale Gesundheitskompetenz haben. Und das heißt, dass sie Schwierigkeiten haben, mit digitaler Gesundheitsinformation umzugehen.

Das ist sehr wichtig, weil sehr, sehr viel an Gesundheitsinformation heutzutage ja digital ist, und wir aber gerade bei digitaler Gesundheitsinformation auch sehr viele Probleme haben. Wir haben sehr viel an zersplitterter Information. Wir haben sehr viel an Information, das ich mir eben dadurch stückchenweise zusammensuchen muss. Gerade hier zeigt sich, dass die Einschätzung von Informationen besonders schwierig ist, was uns nicht verwundert.

Weil wir diskutieren ja seit Längerem über Fehlinformationen, gerade im digitalen Bereich, über Fake News, über kommerzielle Informationen, und so weiter und so fort. Und das bereitet Schwierigkeiten im Umgang mit Informationen eben im digitalen Bereich. Und das ist deshalb... stimmt deshalb nachdenklich, weil wir, wie gesagt, immer mehr Informationen digital bekommen. Und auch immer mehr Menschen digital Informationen suchen.

Welche Folgen hat eine niedrige Gesundheitskompetenz?

Geringe Gesundheitskompetenz hat zahlreiche Folgen. Das zeigen unsere Studien, das zeigen aber auch viele internationale Studien. Sie führt dazu, dass wir es mit einem schlechteren Gesundheitsverhalten zu tun haben, oder richtiger gesagt, ungesünderen Gesundheitsverhalten. Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz ernähren sich ungesünder, bewegen sich weniger, beispielsweise. Sie nutzen intensiver das Versorgungssystem. Sie haben mehr Arztkonsultationen, mehr Krankenhausaufenthalte und nutzen auch häufiger Notfalldienste. Und wir haben in dieser neuen Studie auch festgestellt, dass sie mehr Fehltage haben.

Und das heißt natürlich auch... Das sind natürlich... Das hat gesellschaftliche Dimensionen. Und das heißt auch, dass sie sozusagen... Es ist natürlich auch mit höheren Kosten verbunden, im Gesundheitswesen. Oder gesellschaftlichen Kosten.

Wie beeinflusst die Pandemie die Gesundheitskompetenz?

Wir haben, zusätzlich zu unserer Hauptuntersuchung, die wir vor der Pandemie durchgeführt haben, haben wir eine Zusatzbefragung gemacht während der Pandemie.

Wir konnten sehen, dass sich die Gesundheitskompetenz leicht verbessert hat. Wir führen das darauf zurück, das hatte ich eben schon gesagt, dass wir während der Coronapandemie sehr viel Information jetzt haben, über ein Risiko, über Corona. Aber wir sehen zum Beispiel, dass sich besonders die Gesundheitskompetenz im Bereich digitaler Gesundheitskompetenz verbessert hat.

Und wir schlussfolgern daraus, dass wir am Beispiel von Corona insgesamt besser gelernt haben, mit Gesundheitskompetenz umzugehen in der Bevölkerung. Insofern ist Corona für uns ein ganz wichtiger Fall.

Wir haben eine zweite Studie, in der wir gesehen haben, dass sich die coronaspezifische Gesundheitskompetenz auch während der Pandemie verbessert. Das heißt, wir vermuten eben sehr stark, dass hier gelernt wurde, tendenziell gelernt wurde, besser mit Gesundheitsinformationen umzugehen. Wir wissen allerdings nicht, wie nachhaltig dieser Effekt ist. Das werden wir weiter beobachten müssen. Ich glaube dennoch, dass wir aus der Pandemie viel lernen können für diesem Bereich.

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„Nachgefragt!“ befasst sich mit allen Aspekten rund um die Corona-Pandemie: Wir sprechen mit Expert*innen aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch mit Menschen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Dabei kommt ein breites Spektrum von Menschen in den unterschiedlichsten Positionen zu Wort, von der Soziologin bis zum Labormediziner, vom Hautarzt bis zur pflegenden Angehörigen.

„Nachgefragt!“ ist ein Videopodcast, der seit 24. März 2020 an jedem Werktag erscheint. Sie können die Folgen über verschiedene Plattformen sehen und abonnieren beispielsweise bei:

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Nachgefragt! | Der Corona-Video-Podcast

In unserem Video-Podcast „Nachgefragt!“ unterhalten wir uns mit Menschen, die uns von den täglichen...