Das Transkript zur Folge 206 mit Luca Messerschmidt:

Ein Interview über das Projekt CoronaNet mit...

Ich bin Luca Messerschmidt, ich bin Promotionsstudent an der Technischen Universität München am Lehrstuhl für Internationale Beziehung. Und ich habe vor genau oder fast einem Jahr zusammen mit Kolleg:innen das Projekt CoronaNet ins Leben gerufen.

Was ist das CoronaNet?

CoronaNet ist eine Datenplattform, die mittlerweile 50 000 Maßnahmen von Regierungen beinhaltet. Mit diesen Maßnahmen, das kann sein ein Lockdown, eine business restriction, so nennen wir das, wenn Läden geschlossen werden.  Oder wenn bestimme Distanzierungsbefehle so wie 1,5 Meter Mindestabstand ausgerufen werden von Nationalstaaten. Aber auch von Städten und Bundesländern.

Wir haben eben 50 000 policies gesammelt, die zusammen ein großes Bild ergeben. Nämlich darüber, wie eigentlich Länder auf Corona reagieren. Mit dieser Information kann man dann relativ gut herausstellen welche policies, also Maßnahmen, sehr effektiv waren. Und welche nicht.

Und wenn wir uns in die momentane Debatte schalten und darüber nachdenken, welche Entscheidungen die Politiker:innen treffen, dann ist es bestimmt ganz wichtig zu sehen, welche Maßnahmen den meisten Erfolg haben. Das heißt, den Virus tatsächlich reduzieren konnten. Aber gleichzeitig die Ökonomie oder den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht weiter belastet haben.

Und für diese Art von Forschung, wo es auch schon verschiedene Paper gibt oder Artikel, die sich mit unseren Daten auseinandersetzen, für diese Forschung erheben wir quasi diesen Datensatz. Das ist das, was wir machen.

Wie funktioniert CoronaNet?

Das muss man unterscheiden. Zum einen, was wir liefern sind die Daten. Ich kann zum Beispiel als Privatperson auf unsere Internetseite gehen und herausfinden, wie haben sich die Maßnahmen in England im Vergleich zu denen in Deutschland verhalten.

Wenn es darum geht, diese messbar und vergleichbar zu machen, gibt es unseren Policy-Activity-Index. Dieser beschreibt, wie aktiv oder restriktiv bestimmte Länder reagiert haben. Das Problem hierbei ist allerdings, diese schiere Vielzahl und die Unterschiedlichkeit der Maßnahmen schwer zu vergleichen sind.

Was man methodisch mit Regressionsmodellen berechnen kann, zu gucken, zum Beispiel, wie effektiv war eine Maßnahme auf den Verlauf des Virus. Was nicht so trivial ist und was auch gar nicht die Frage darstellt, die wir uns stellen sollten, wie zum Beispiel Deutschland im Vergleich zu den USA abgeschnitten hat.

Letztendlich gibt jedes Land eine individuelle Ausgangslage, die sich individuell verändert und dementsprechend ist es sehr schwer, eine Aussage darüber zu treffen, Land A war besser als Land B. Weil was heißt "besser" überhaupt?

Wir sehen natürlich in den Medien, dass es viele Länder gibt, wo es nicht gut funktioniert. Aber wir scheuen uns gleichzeitig auch davor, eine klare oder eindeutige Aussage darüber zu machen, welches Land besser oder schlechter war als ein anderes.

Genau, das heißt, wir beziehen uns explizit auch darauf, dass wir die Datenlage darstellen. Mit diesen Daten kann man eben Vergleiche erheben. Einzelne Politiker, Politikerinnen, jeder Bürger kann sich anschauen, wie das eigene Land sich verhalten hat.

Und was man dazu eben auch sagen muss, ist, dass wir, vielleicht kommt das noch als weitere Frage, unser Projekt hat sich im März gegründet. Mit meiner Kollegin Cindy Cheng. Aber auch Kollegen aus der ganzen Welt, von der NYU Abu Dhabi, aus Yale, der University of Southern California haben wir dieses Projekt gegründet. Mittlerweile arbeiten über 500 Wissenschaftler weltweit daran, diesen Datensatz zu aktualisieren.

Welche Erkenntnisse liefert CoronaNet?

Was man sieht, ist, dass Länder unterschiedlich reagieren. In Bezug auf: Wer setzt eigentlich die Maßnahmen um? Wir sehen in Deutschland einen sehr föderalen Staat, dass bestimmte Kompetenzen, gerade in der Anfangszeit von Corona, im März und April, sehr stark von einzelnen Bundesländern abhängig gemacht wurden.

Und gerade jetzt sieht man, zum Beispiel wenn man nach Thüringen schaut, wo sich die Meinung stetig ändert, dass es da verschiedene Einflussfaktoren gibt, die auf der föderalen Ebene dafür sorgen, dass es Unterschiede gibt in der Reaktion.

Gleichzeitig, wenn man sich die Schweiz oder Österreich anguckt, wo man auch eher ein föderales System hat, gibt es in diesen Ländern die Notstandsgesetze. Die Epidemie-Gesetze, die in außergewöhnlichen Lagen dazu geführt haben, dass die komplette Regelung, die Maßnahmen eben von den Ländern, also von den Landesregierungen, auf Bundesebene wäre das bei uns, verabschiedet werden.

Und die Frage die sich dann öffnet, ist natürlich: Was ist effektiver? Macht es mehr Sinn, dass jedes Bundesland seine eigene Suppe kocht? Oder, um so eine Pandemie auch in Schach zu halten, macht es mehr Sinn, dass wie in der Schweiz die policies ganzheitlich homogen getroffen werden.

Darum geht es in „Nachgefragt!“

„Nachgefragt!“ befasst sich mit allen Aspekten rund um die Corona-Pandemie: Wir sprechen mit Expert*innen aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch mit Menschen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Dabei kommt ein breites Spektrum von Menschen in den unterschiedlichsten Positionen zu Wort, von der Soziologin bis zum Labormediziner, vom Hautarzt bis zur pflegenden Angehörigen.

„Nachgefragt!“ ist ein Videopodcast, der seit 24. März 2020 an jedem Werktag erscheint. Sie können die Folgen über verschiedene Plattformen sehen und abonnieren beispielsweise bei:

Alle Folgen im Überblick

8854089_3260847346.IRWUBPROD_3YV2.jpg

Nachgefragt! | Der Corona-Video-Podcast

In unserem Video-Podcast „Nachgefragt!“ unterhalten wir uns mit Menschen, die uns von den täglichen...