Die eine Freundin findet es wichtig, sich an die Regeln zu halten, legt auf die Vorgaben sogar noch eine Schippe drauf. Die andere finde das übertrieben und sagt Sätze wie: "Mach dich mal locker.": Corona kann zur Belastung für Freundschaften und Beziehungen werden. Dabei genügt manchmal schon beiläufig Geäußertes, dass sich die Situation hochschaukelt. Was dann tun, um zu deeskalieren? Wir haben darüber mit der international tätigen Kommunikationswissenschaftlerin, Konfliktexpertin und Mediatorin Dr. Andrea Hartmann-Piraudeau gesprochen.

Umfragen und Daten der Polizeigewerkschaft oder von Kassenärztlicher Vereinigungen zeigen: Immer öfter scheinen Menschen über Corona in Streit zu geraten. Was ist da los?

Die Gespräche laufen oft sehr einseitig, die Beteiligten kommunizieren ausschließlich auf der Ebene der Positionen. Eine Position kann zum Beispiel sein: Ich möchte keine Maske tragen. Eine andere: Alle sollten noch viel mehr Distanz waren. Treffen diese beiden Positionen aufeinander, wird es emotional. Dabei sind nicht die Positionen der Knackpunkt, sondern die dahinter liegenden Interessen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Freundin, die die andere übervorsichtig nennt, sieht nicht, was hinter deren vorsichtiger Aussage steckt: Vielleicht wohnt sie ja mit ihrer 80-jährigen Mutter zusammen, bei der im Vorjahr Krebs diagnostiziert wurde? Vielleicht ist die Tochter deshalb in großer Sorge um die Gesundheit der Mutter? Möglicherweise war sie dies schon vor Corona?

Zu den Interessen, die wir als Konfliktforscher stets im Blick haben, kommen Bedürfnisse. Das Bedürfnis nach Schutz etwa. Nach Sicherheit. Psychologisch könnte man das beliebig vertiefen, von Urängsten sprechen, von der Angst, alleine gelassen zu werden und so weiter.

Am Ende steckt hinter einer eingangs ins Spiel gebrachten Position, die als Aussage geäußert wird, etwas sehr Komplexeres. Da geht um viel mehr als beispielsweise um politische oder virologische Fakten

Was ist mit der Freundin, die die Maßnahmen eher entspannt nimmt? Was könnte die antreiben?

Vielleicht ist sie jemand, dem Freundschaft und Nähe extrem wichtig sind? Sie braucht den intensiven Kontakt, um glücklich zu sein? Möglicherweise ist sie Single? Oder nehmen wir den Solo-Selbstständigen, der massiv durch die Pandemie belastet ist. Auch er hat eine Position und ist gegen die Maßnahmen. Zentral bei ihm ist aber eigentlich das Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit. Doch genau diese Ebene wird im Konflikt ausgespart. Da redet man über Prozente, Raten, Studien.

Dr. Andrea Hartmann-Piraudeau ist Kommunikationswissenschaftlerin und Konfliktexpertin

Dr. Andrea Hartmann-Piraudeau ist Kommunikationswissenschaftlerin und Konfliktexpertin

Im Kern aber geht es jedoch um unterschiedliche Bedürfnisse und damit verbundene Gefühle: Angst, Enge erleben, sich bedroht fühlen, einsam sein und so weiter. Würde diese Seite gesehen, wäre die Schärfe aus der Diskussion genommen. Ist der bescheuert? Sowas sagt oder denkt nicht so leicht, wer zugehört hat, wenn der andere ein Fenster zu  seinem Innersten geöffnet hat.

Konflikte blockieren, sagen Sie. Können Sie das genauer erklären?

Im Konflikt können wir nicht mehr so handeln, wie wir es eigentlich vorhatten. Wir Konfliktforscher gehen sogar noch weiter und sagen: Nicht mehr wir sind es, die den Konflikt kontrollieren. Der Konflikt kontrolliert uns. Interessant ist übrigens, wie sich dabei die Wahrnehmung verschiebt. Wo wir den Partner vorher vielseitig wahrgenommen haben und viele Nuancen sehen konnten, verengt sich unser Blick.

Jemanden, den wir vormals für klug und hinterfragend gehalten haben, nennen wir dann kopfgesteuert? Aus offen wird naiv oder gutgläubig?

Genau.

Wie kommt man aus der Spirale wieder herraus?

Der Schlüssel ist, über Interessen und Bedürfnisse zu reden und nicht weiter über Positionen. Nur so werden wir für den anderen verständlich. Nur so entsteht Empathie, die wir brauchen, um in den Dialog zu kommen. Um ins Zuhören zu kommen. Das Verharren bei Positionen hindert uns an alldem.

Und warum spitzt sich das alles gerade jetzt so zu? Corona ist schließlich nicht der erste Konflikt, den wir erleben. Das "Aneinander vorbei-" und "Gegeneinander an-"-Reden aber scheint zugenommen zu haben.

Wenn wir uns die Priorität der Bedürfnisse von Menschen anschauen, dann gibt es Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen, ein Dach über dem Kopf haben, Freiheit, Sicherheit und Gesundheit. Die Bedürfnisse, über die wir in der Regel erst dann nachdenken, wenn wir die Grundbedürfnisse erfüllt haben, sind zum Beispiel Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung, Karriere, Weiterbildung oder sozialem Status.

Vieles, was Corona tangiert, fällt genau in den Bereich unserer Grundbedürfnisse: Freiheit, Sicherheit, Gesundheit. Wir sind als Gesellschaft gefordert wie schon lange nicht mehr. Auch, weil viele dieser Bedürfnisse für uns bis eben Selbstverständlichkeiten waren. Und noch etwas anderes führt zu einer Veränderung in der Konfliktbereitschaft: Weil wir uns weniger direkt austauschen und mehr digital oder am Telefon, staut sich gern mal etwas an.

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Nicht nur die fehlenden oder reduzierten Zwischentöne der ganzen nonverbalen Kommunikation spielen hier eine Rolle. Denken wir auch an den taktilen Bereich: die Freundin mal eben in den Arm nehmen kann so manches gewechselte Wort überflüssig machen. Aber das geht jetzt oft nicht.

Angenommen, ich habe mich mit einem Freund oder einer Freundin in einer Diskussion über Corona verrannt und wir sind unschön auseinandergegangen. Was kann ich tun?

Ich kann zum Beispiel sagen: Pass auf, die Zeiten sind schwierig. Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Darf ich dir einmal ganz in Ruhe erklären, wie es zu dem gekommen ist, was ich gesagt habe? Ruhe ist ein gutes Stichwort. Im akuten Streit wird oft temporeich hin und her argumentiert. Unsere Aufmerksamkeit liegt in dieser Situation nicht auf dem Zuhören, sondern auf der eigenen oft erhitzten Argumentation.

Das Gespräch sollte jetzt aber die Chance zur neuen Qualität bekommen. Auszuhalten, was der andere einbringt, zuhören können und sich selbst öffnen, seine Bedürfnisse und Emotionen ansprechen, darum geht es Eine schwierige Übung, ich weiß. Aber es lohnt sich. Generell gilt: Je mehr es gelingt, sich zu öffnen, desto eher stellt sich Empathie ein, die im Streit verloren geht.

Sind dem Ganzen nicht Grenzen gesetzt? Was mache ich, wenn beim Gegenüber eine radikale Haltung durchklingt?

Zunächst vielleicht etwas Grundsätzliches zu Verschwörungstheorien und weshalb sie auch aus der Sicht der Konfliktforschung so gefährlich sind: Statt eigene Interessen und Bedürfnisse so konkret wie möglich zum Thema zu machen, wird hier über mögliche Interessen anderer spekuliert. Das ist etwas, was wir in einem Konflikt grundsätzlich nicht tun sollten.

Die Gefahr ist, dass sich neue Schauplätze öffnen und das Ganze unüberschaubar und komplex wird. Eine Überlagerung unüberschaubarer Positionen und Interessenszuschreibungen entsteht. Für einen Konflikt ist das ein Garant zur Eskalation.

Was kann ich tun, wenn ein Freund Bill Gates oder auch die Pharmaindustrie für den Treiber der Coronakrise hält?

Statt das Geäußerte aufgebracht als Unsinn zu bezeichnen, was sofort eine Eskalation und weitere Argumentation verursacht, kann ich ruhig und möglichst sachlich sagen: Mir geht die Diskussion zu weit. Oft funktioniert es ganz gut, wenn in einem nächsten Schritt über persönliche Interessen und Bedürfnisse argumentiert wird.

Wenn ich beispielsweise sage, dass ich ein großes Bedürfnis nach Vertrauen habe, dass mir die Impfstoffentwicklung Hoffnungen macht und es mir besser geht, seit das Ende der Pandemie in Sicht ist; dass mich eine Diskussion wie diese deshalb verunsichert oder ärgert  Auch wenn der andere meine Haltung nicht teilt: Er wird mich dann vermutlich weniger angreifen, mich und meine Sichtweise eher respektieren können.

Wie schauen Sie in diesem Jahr auf Weihnachten? Sind mit Corona nicht besonders viele Konflikte vorprogrammiert?

Absolut. Weihnachten war ja auch ohne das Virus oft schon kompliziert. Wer feiert mit wem? Wo wird gegessen? Die bekannten Reibungspunkte verschärfen sich mit all den Einschränkungen noch.

Was raten Sie?

Frühzeitig den offenen Dialog suchen: Was sind deine Bedürfnisse dieses Jahr? Wie viel Sicherheit brauchst du? Wieviel Nähe wünscht Du Dir? Was bereitet dir Sorgen? Wenn beim anderen ankommt, dass er gehört und ernst genommen wird, nimmt das Risiko von Fehlinterpretationen ab. Und vielleicht sagen wir hier oder da hinterher ja sogar: Wir haben uns durch diesen Austausch noch besser kennengelernt.

Wenn wir zu diesem Punkt kommen, erleben wir, was die Konfliktforschung schon lange weiß: Ein Konflikt an sich ist überhaupt nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Konflikte machen Entwicklung möglich. Wohin die Reise geht, haben wir selbst in der Hand.