Diabetes Ratgeber

Wie kann es sein, dass sich die Zahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes seit den 1960er-Jahren von einem Prozent der Bevölkerung bis heute verzehnfacht hat? Es ist schon ein paar Jahre her, da haben sich Professor Wolfgang Rathmann und seine Kollegen am Deutschen Diabetes Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf diese Frage gestellt.

An den Genen konnte es nicht liegen, weil die sich nicht so schnell verändern. Natürlich war da der zunehmend bewegungsarme Lebenswandel. Und die Ernährung mit überall erhältlichem Fast Food und Fertignahrungsmitteln, die viel Zucker und einfache Kohlenhydrate, aber wenig gesunde Ballaststoffe enthalten. Beides wesentlich mitverantwortlich für den Anstieg. Aber nicht allein, glaubten die Experten. Es lag buchstäblich in der Luft, dass es noch andere Faktoren geben musste.

Untersuchungen an Mäusen

Rathmann und seine Kollegen vermuteten, dass Umweltschadstoffe im Spiel sein könnten. Erste Hinweise gab ein Tierexperiment in den USA. Einige Mäuse wurden zuerst sehr fettreich ernährt, um ein gewisses Diabetesrisiko auszulösen. Dann wurden die Tiere in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine ließ man 24 Wochen lang Luft mit Schadstoffen etwa in der Konzentration einer viel befahrenen Straße atmen. Die andere erhielt sauber gefilterte Luft zum Atmen. Anschließend wurden beide Gruppen untersucht.

Bei den Mäusen mit schlechter Luft hatten sich die Zuckerwerte erhöht, genauso bestimmte Entzündungswerte. Auch ihr Fettgewebe war verändert — „exakt so, wie wir es von Diabetes kannten“, sagt Rathmann: größere Zellen, eingewanderte Immunzellen, mehr Bauchfett. Die Forscher vermuteten, dass Ähnliches auch bei Menschen passiert.

Ironie der Geschichte, dass sie für den Zusammenhang zum Menschen eine viel befahrene Straße überqueren mussten. „Gegenüber unserem Diabetes-Zentrum ist das Düsseldorfer Institut für umweltmedizinische Forschung angesiedelt“, erzählt Rathmann. Dort lief zu der Zeit eine Studie. Bei 1700 Frauen aus dem Ruhrgebiet wurde untersucht, inwiefern Luftschadstoffe das Risiko für eine Bronchitis erhöhten. „Klar, dass wir uns gleich mit Diabetesfragen beteiligen wollten“, sagt der Experte. Entsprechende Fragen wurden der Untersuchung hinzugefügt.

Das Wichtigste in Kürze

1. Feinstaub, Lärm und Klimawandel können sich auch auf den Blutzucker auswirken und das Risiko für verschiedene Krankheiten erhöhen. Experten fordern strengere Auflagen, um insbesondere gefährdete Menschen vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen

2. 40 Prozent höher ist das Diabetesrisiko bei Stadtbewohnern im Vergleich zu Menschen, die auf dem Land leben

3. 13,1 Mikrogramm Feinstaub enthält ein Kubikmeter Atemluft in Berlin. Damit hat die Hauptstadt die dreckigste Luft Deutschlands

4. Je kleiner, desto gemeiner Ultrafeinstaub gelangt über die Lungenbläschen bis ins Blut und löst Entzündungen aus

5. 2,3 Millionen Bundesbürger sind ganztags Lärmpegeln über 65 Dezibel ausgesetzt — ab dieser Grenze drohen Gesundheitsschäden

6. Je lauter, desto stressiger Lärm verursacht Dauerstress und Schlafstörungen. Beides erhöht den Blutzucker und das Risiko für Gefäßkrankheiten

7. 27 Grad Celsius: Über dieser Temperatur steigt laut einer Studie aus Hongkong bei Diabetespatienten das Herzinfarktrisiko

Wie sich herausstellte, stieg das Diabetesrisiko, je höher die Luftschadstoffbelastung am Wohnort war und je näher die Studienteilnehmerinnen an einer dicht befahrenen Straße wohnten. Inzwischen haben mehr als ein Dutzend anderer Beobachtungsstudien mit unterschiedlichen Teilnehmergruppierungen dasselbe Ergebnis hervorgebracht.

Diabetes durch Abgase?

Verkehrsabgase schaden also nicht nur der Lunge. Sie steigern offenbar auch das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Inzwischen weiß man zunehmend, wieso. Verbrennungsmotoren und Reifenabrieb erzeugen Feinstaub. Den gibt es in verschiedenen Größen: Während relativ große Partikel mit 2,5 bis 10 Mikrometer Durchmesser oft schon in den Nasenhaaren hängen bleiben, werden kleinere in die tiefen Atemwege eingeatmet. Sie bleiben an der Schleimhaut der Atemwege hängen und gelangen bis in die Lungenbläschen. Das Immunsystem reagiert. Fresszellen rücken an, um die Fremdkörper zu beseitigen.

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„Dabei setzen sie Sauerstoff frei, der in den Stoffwechsel eingreift“, erklärt Professorin Annette Peters, Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München. In Studien gibt es Hinweise auf Veränderungen im Energiehaushalt der Zellen und bei der Insulinresistenz. Ultrafeine Partikel verlassen sogar die Lungenbläschen. Auch sie lösen Entzündungen aus. Die können in den Körper übergehen. Denn stets geht die Erkrankung einher mit teils jahrelangen unentdeckten Entzündungen im Körper.

Vererbbare Schädigungen?

Entzündungsreaktionen durch Feinstaub können sowohl das Risiko für Diabetes als auch das für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Und nicht nur das: Dauerhaft schlechte Luft könnte beeinflussen, welche Gene bei den Nachkommen aktiviert sind, haben Annette Peters und ihr Team herausgefunden. Mögliche Schädigungen würden damit auch vererbbar.

Studien zufolge erhöhen Luftschadstoffe das Diabetesrisiko um zehn bis 30 Prozent. Zehnmal (300 Prozent) so gefährlich ist starkes Übergewicht. Überhaupt wurde in den letzten Jahren mit Abgasfiltern hierzulande viel getan für eine reine Luft: Noch 2007 lebten 60 Prozent der deutschen Bevölkerung gemäß WHO in einer Region mit hoher Luftbelastung. 2015 waren es nur noch fünf Prozent.

Problem also gelöst? Mitnichten. Experten halten die Luft nach wie vor für zu schlecht. „Die gegenwärtigen Grenzwerte der EU schützen Menschen, die für Schädigungen besonders anfällig sind, wie Menschen mit Diabetes, nicht ausreichend“, sagt Peters. Rathmann erklärt, woran das liegt: „Weggefiltert werden überwiegend grobe Feinstaubpartikel.“ Die feinen und ultrafeinen Partikel schwirren also nach wie vor frei herum. Ein großer Schritt für bessere Luft wäre laut Peters die Energiewende. „Mit Verzicht auf fossile Brennstoffe zugunsten von erneuerbaren Energien würde sich die Luftqualität von ganz alleine deutlich verbessern.“

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Tod durch verschmutzte Luft

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Diabestes durch hohe Lärmbelastung

Schlechte Luft ist nicht das einzige Problem. Denn wo Verbrennungsmotoren laufen und Reifen quietschen, ist es laut. Dauerhaft hohe Lärmbelastungen am Wohnort erhöhen ebenfalls das Diabetesrisiko. Je nach Studie um bis zu 20 Prozent. „Lärm erzeugt Stress“, erklärt Rathmann. „Der Körper schüttet Hormone aus, die Blutzucker, Blutdruck und Herzschlag steigern.“

Ein hoher Geräuschpegel begünstigt auch Herzprobleme. Lärm stört zudem den Schlaf. Es gibt viele Hinweise darauf, dass schlechte Nächte das Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes erhöhen. Kein Wunder, dass die negativen Effekte von schlechter Luft und Lärm vermehrt in Städten beobachtet werden: Zumindest ergab eine Auswertung von über 40 Studien weltweit ein um 40 Prozent höheres Diabetesrisiko als auf dem Land.

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Wer aufgrund seiner finanziellen Situation gezwungen ist, an einer viel befahrenen Straße zu wohnen, ist also in der Regel doppelt belastet. Und hat meist kaum Chancen, dem zu entgehen. Die Politik muss strengere Auflagen beschließen, findet Rathmann. Nicht nur bei Luftschadstoffen und Lärm. Sondern auch bei bestimmten Chemikalien in Pestiziden, Kunststoffen und Kosmetika.

„Manche dieser Stoffe wirken im Körper wie Hormone und stehen im Verdacht, etwa Übergewicht und Typ-2-Diabetes zu fördern.“ Die Beispiele zeigen: Es greift zu kurz, die Diabetes-Prävention auf das individuelle Verhalten zu reduzieren. Auch die Verhältnisse, in denen Menschen leben, müssen möglichst schadarm gestaltet werden. Und doch kann jeder persönlich etwas tun. Das Tolle: Es kommt nicht nur der eigenen Gesundheit zugute. Es hilft im Kleinen auch dem Klima.

Lebensstil beeinflusst das Klima

Mehr Bewegung senkt den Blutzucker und das Diabetesrisiko. Wer in die Pedale tritt statt aufs Gaspedal, zu Fuß geht statt die Straßenbahn nimmt, Treppen steigt statt Aufzug fährt, spart aber auch Energie und produziert keine Emissionen, die zur globalen Erwärmung beitragen. Dasselbe gilt für eine fleischarme Ernährung ohne rotes Fleisch von Schwein und Rind.

Auch das ist ein Zusammenhang zwischen Diabetes und Umwelt: Unter steigenden Temperaturen leidet besonders, wer geschwächt ist, etwa vorerkrankt. In den letzten 20 Jahren gab es hierzulande viel mehr Hitzetage, an denen das Thermometer auf 30 Grad und mehr steigt. An solchen Tagen sterben deutlich mehr Menschen mit Diabetes durch Herzinfarkte als solche ohne. Das zeigen Daten des KORA-Herzinfarkt-Registers, das seit 30 Jahren Infarkte registriert. „Dass wir diese Auswirkung des Klimawandels jetzt schon sehen, hat mich wirklich überrascht“, sagt Annette Peters. Was sie nicht zu sagen braucht: Es hat sie auch erschreckt.

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