Professor Thomas Herdegen, stellvertretender Direktor des Kieler Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie

Professor Thomas Herdegen, stellvertretender Direktor des Kieler Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie

Wer schlecht schläft, sucht oft Hilfe in Apotheken. Ist das die richtige Adresse, Herr Professor Herdegen?

Es ist ein erster Schritt. Schlafstörungen sind weitverbreitet, doch viele Betroffene bleiben mit diesem Problem allein. Dabei kann schlechter Schlaf auf Dauer krank machen, er erhöht zum Beispiel das Risiko für Depressionen. Deshalb ist es zunächst gut, wenn Betroffene Hilfe suchen. Das Apo­theken-Team gibt Tipps zur Schlaf­hygiene und sucht nach Ursachen für die Schlafstörung.

Welche Helfer kommen konkret infrage?

Es gibt pflanzliche Mittel, die beim Einschlafen helfen können: Baldrianwurzel, Passionsblume, Hopfenzapfen oder Melissenblätter. Berichten Betroffene von depressiven Verstimmungen oder Ängsten, kann Johanniskraut oder Lavendelblüten gegeben werden – alternativ oder kombiniert. Sie wirken stimmungsaufhellend oder angstlösend, was zu einem besseren Schlaf beiträgt.

Wie gut ist die Wirkung pflanzlicher Präparate nachgewiesen?

Die Studienlage ist mäßig, aber die schlafanstoßenden Effekte sind erfahrbar. Untersuchungen zu Baldrian deuten darauf hin, dass dieser über das GABAerge System auf das Gehirn wirkt. Dieses fördert den Schlaf. Bei pflanzlichen Mitteln kommt noch hinzu: Sie können Teil eines Rituals sein und helfen, feste Schlafzeiten zu eta­blieren. Am besten nimmt man sie eine halbe bis eine Stunde vor dem Zubettgehen ein, dann steigt langsam der Schlafdruck.

Schlafmythen gibt es viele – unser Erklärvideo räumt mit einigen auf:

Medikamente als Teil eines Rituals, kann das gut gehen?

Bei pflanzlichen Mitteln ist das unbedenklich. Man kann sie über einen längeren Zeitraum einnehmen. Hier ist sowieso Geduld gefragt: Es dauert bis zu drei Wochen, ehe die pflanzlichen Präparate anfangen zu wirken. Vorsichtiger sollte man mit Antihistaminika sein, das sind die stärksten rezeptfrei erhältlichen Schlafmittel. Diese sollte man nur maximal 14 Tage am Stück nehmen. Danach reduziert ein Gewöhnungseffekt die Wirkung.

Rezeptfrei heißt nicht harmlos.

Genau. Aufpassen sollten insbesondere ältere Menschen, die noch andere Arzneien nehmen. Dann können Antihistaminika, vor allem in höheren und nicht empfohlenen Dosen, Wechsel- oder Nebenwirkungen verursachen: zum Beispiel Mundtrockenheit oder Verstopfung. Auch bei einer Pros­tatavergrößerung oder grünem Star ist Vorsicht geboten. Hier ist die Beratung in der Apotheke gefragt.

Weiterhin ist auf eine ausreichende Schlafdauer von etwa acht Stunden zu achten. Sonst droht ein Hangover-Effekt: Man ist etwas müde, die Konzentration und Aufmerksamkeit sind bis in den Vormittag eingeschränkt. Das kann gefährlich werden, etwa im Straßenverkehr.

Angesichts der Risiken und der nur kurzzeitigen Einnahme, was erzielt man mit den Antihistaminika überhaupt?

Man kann wieder ein- oder durchschlafen, das ist zunächst einmal sehr entlastend. Und in dieser Zeit lässt sich eine effektive Schlafhygiene trainieren, zum Beispiel zur gleichen Uhrzeit schlafen zu gehen und – genauso wichtig! – zur gleichen Zeit aufzustehen.

Schlafmittel sollten grundsätzlich nur als Hilfe zur Selbsthilfe dienen. Was man aber unbedingt bedenken muss: Wer schlecht schläft, ist ernsten Gefährdungen ausgesetzt. Tagesmüdigkeit beispielsweise erhöht die Unfall- und Sturzgefahr, eine schlechte Stimmung verstärkt depressive Störungen.

Und Schlafmittel auf Rezept wären dann die nächste Stufe?

Ja. Sie wirken deutlich stärker. Zum einen werden Z-Substanzen eingesetzt. Diese Gruppe schlaffördernder Wirkstoffe heißt so, weil ihr Name mit einem „Z“ beginnt. Tritt die Schlafstörung im Zuge einer Depression oder Angststörung auf, sind diese unbedingt ursächlich zu therapieren. Bessern sich diese Krankheiten, tut das oft auch der Schlaf.

Droht angesichts des hohen Suchtpotenzials nicht ein Teufelskreis?

Mit Ausnahme von Benzodiazepinen, die als Schlafmittel nicht mehr verordnet werden sollten, gibt es nur für die Z-Substanzen ein Suchtrisiko. Viele Ärzte verordnen daher schlafanstoßende Antidepressiva oder Neuroleptika in niedrigen Dosen, oft mit guten Ergebnissen. Bei den Z-Substanzen sollte schon am Beginn das Ende der Einnahme – spätestens nach vier Wochen – festgelegt werden.

Generell sollten Schlafmittel nicht leichtfertig verschrieben werden. Aber es gibt schwierige Lebensumstände, die nicht schlafen lassen. Hier sind ärztliche Verschreibungen mit Augenmaß sinnvoll.

Generell gilt: Schlafmittel wirken immer nur unterstützend. Man muss sein Schlafverhalten verändern und die dunklen Gedanken verscheuchen, sonst werden die Medikamente zu gefährlichen falschen Freunden.

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