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Seit ich ein Kind habe, interessiere ich mich für Väter. Das liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache und ist eine selektive Wahrnehmung, die der Neugier oder auch der heimlichen Verzweiflung entspringt: Wie kriegen die anderen Typen das hin?

Väter also. Ich beobachte sie samstags auf den Spielplätzen meines Lastenrad-Stadtviertels, denn samstags, eigentlich schon freitagnachmittags, beginnen dort jede Woche die kurzen Väter-Gastspiele. Es gibt dann im Grunde drei besonders auffällige Vatertypen zu sehen.

Drei Vatertypen

Der eine ist der „Schau mal, wo der Papa ist!“-Vater. Meist eher unscheinbare Exemplare, die sich am Spielplatz mit beachtlichem Körpereinsatz und demonstrativer Würdelosigkeit inszenieren, waghalsig die Klettergerüste und sockig die Trampoline besteigen oder die Tragkraft der Seilbahn ausreizen – ob ihre Kinder nun darauf Lust haben oder nicht. Im Grunde spielen sie sich in diesen Stunden wohl selbst einen hingebungsvollen Vater vor, in solchen Aktionen schwingt jedenfalls ein rührender Wiedergutmachungswille mit.

„Nicht Papa, Mama!!!“ – Die Fixierung der Kinder auf einen Elternteil ist anstrengend, aber ganz normal.

Nur die Mama! Was tun bei Elternfixierung?

„Nicht Papa. Nur Mama soll das machen!“ Diesen Satz ­hören Mütter und Väter häufig von ihrem Kind. Der eine Elternteil ist gekränkt, der andere ­erschöpft. Wie damit umgehen? zum Artikel

Die direkten Gegenspieler solcher aufgedrehten Sandkasten-Papas sind die, die irgendwann in den letzten Jahren ins innere Exil gegangen sind. Die also wie im Stand-by-Modus am Rand stehen oder völlig schamlos das Smartphone bearbeiten, während die Kinder ihr Kinderzeug machen. Diese Väter haben sicher andere Stärken, ausgerechnet am Spielplatz wird ihnen aber die ganze Zähflüssigkeit und Mühsal des Elternseins bewusst. Sie würden vermutlich eingreifen, bevor ihren Kindern etwas passiert, aber nicht viel früher.

Und dann gibt es die Exzellenz-Väter, aber die sind nicht auf dem Spielplatz, weil ihnen das zu banal ist. Die bauen nebenan im Park einen Parcours oder konstruieren aus Kletterseilen eine Schaukel, bevor sie wieder in die Zehensocken schlüpfen und ihre drei Rotbäckchen-Söhne in die Boulder-Halle fahren.

Was Mütter anders machen

Ich beobachte das dargebotene Papa-Personal, aber ich maße mir nicht an zu entscheiden, ob diese und ähnliche Figuren nun gute Väter sind. Ich maße mir eigentlich seit etwa dem fünften Schwangerschaftsmonat überhaupt nichts mehr an. Aber ich glaube, die meisten Männer haben alle drei dieser Vatertypen in sich, nur in unterschiedlich starker Ausprägung. Ich kann alle drei Verhaltensweisen irgendwie nachvollziehen und neige mal mehr zur einen, mal mehr zur anderen.

Mütter am Spielplatz sind anders, wie genau, lässt sich nicht ganz leicht beschreiben. Sie sind auf eine wohltuende Art abgeklärt und normal. Nicht enthusiastisch, nicht unbeteiligt, nicht übermäßig gestresst, sondern eben auf diese souveräne Mütter-Art präsent. Wachsam, ohne die Sache zu glorifizieren, stabil und offen, nicht nur für die eigenen Kinder, sondern auch mal für fremde Kinder und auch für andere Mütter.

Es genügt ein Blick, ein mitfühlendes Lächeln, ein gedehntes „Lea, wir haben jetzt aber kein anderes Essen dabei“, um eine Solidarität herzustellen. Mütter verständigen sich über die Müdigkeit in ihren Augenwinkeln und vergessene Feuchttücher und begegnen sich – auch in der Kita, in der Kinderarztpraxis, auf dem Flohmarkt – in so einer authentischen Gelassenheit, auf die ich neidisch bin.

Zu vieles ist noch Inszenierung

Vatersein in der Öffentlichkeit, auch mein eigenes, ist meist noch ein bisschen inszenierte One-Man-Show. Man wähnt sich irgendwie im Scheinwerferlicht und unter Druck – und sei es nur der Druck, möglichst druckfrei zu erscheinen.

Vielleicht liegt das an der anhaltenden gesellschaftlichen Aufmerksamkeit für die neuen Väter. Vielleicht an jener Selbstbesoffenheit, deren Ursprung der Autor Tobias Moorstedt in seinem Buch „Wir schlechten guten Väter“ untersucht hat: Man erfüllt eine kleine Elternpflicht und bekommt dafür als Mann unverhältnismäßig viel Beifall. Diese leider angenehme Erfahrung prägt das Vatersein sicherlich immer noch und führt, siehe oben, zu den etwas übertriebenen Inszenierungen und einer gewissen Selbstbezogenheit.

Es gibt eher keinen spontanen Austausch, kein Lächeln für die anderen, kaum authentisches Plaudern mit anderen Vätern über Ringelröteln und Musikschul-Wartelisten. So komisch es klingt, aber genau diese Alltagsmütterlichkeit, diese abgeklärte Aufgeschlossenheit und der Austausch mit anderen scheint mir das zu sein, wovon wir Väter am weitesten entfernt sind.

Väter müssen keine Superhelden sein

Es kam mir in diesem Sinne sehr passend vor, dass die Universität Braunschweig vor anderthalb Jahren eine lesenswerte Väterstudie so betitelte: „You don’t need to be Superheroes: Einblicke in die vielfältigen Lebenslagen von Vätern“. Aha, genau, dachte ich, alle mal kurz runter vom Gas, ein Supervater zu sein ist gar nicht notwendig.

Einfach nur Vater, das aber von Anfang bis Ende und eben auch unter der Woche, bei Sonnenschein und Brechdurchfall, das würde ja eigentlich schon reichen. Die Tendenz ist auf jeden Fall da: Väter verbringen mit ihren Kindern heute durchschnittlich 68 Prozent der Zeit, die auch berufstätige Mütter für die Betreuung der Kinder aufwenden. Noch vor 30 Jahren waren es nur 55 Prozent, wie auch die Väterforscherin Lieselotte Ahnert in ihrem neuen Buch „Auf die Väter kommt es an“ ausführt. Also eigentlich genug Zeit für die Väter, um für das eigene Kind zu dem zu werden, was Ahnert „Sicherheitsbasis“ nennt. Klingt einfach, aber mit der genommenen Zeit ist es eben noch nicht getan.

Erik wurde mit 22 Vater. Er und seine Freundin wünschten sich beide schon früh ein Kind.

So jung und schon Vater?

Diese Frage haben die drei Männer, die uns ihre Geschichten ­erzählt haben, schon oft ­gehört. Wie sie ihre Rolle ­erleben. zum Artikel

Männer verausgaben sich an der falschen Stelle

Eine Schwachstelle, die ich in diesem Zusammenhang zum Beispiel an mir selbst feststelle: Männer neigen dazu, sich an den falschen Stellen zu sehr zu verausgaben, und haben dann oft keine Puste für die langen Durststrecken, auf die es beim Kinderhaben eigentlich ankommt. Wollen gewissermaßen Tore machen, aber nicht gleichzeitig hinten aufpassen, dass nichts anbrennt, oder den Platz pflegen, auf dem die nächsten Jahre gespielt wird.

Mein Vater war so einer, der sich gerne punktuell verausgabte. Am Wochenende und im Urlaub ging er mit uns Kindern in den Wald, baute Drachen und Staudämme, später fuhr er uns geduldig an unsere jeweiligen Sehnsuchtsorte, grillte Spanferkel im Garten, stand für uns früh oder spät in der Nacht noch mal auf, schimpfte selten, konnte vieles, fragte nie nach Noten, trug, wenn er da war, alles und zur Not auch uns.

Das Verhältnis zwischen Alltag und Spaß ausbalancieren

Ich fand das toll und ich sehne mich heute manchmal sehr nach diesem Vater zurück, der nicht nur ein bisschen so aussah, sondern eben auch so war wie der Vater von Pippi Langstrumpf: abenteuerlich, lustig und wild, aber eben auch oft in der Südsee unterwegs. An einen Papa unter der Woche kann ich mich eigentlich nicht erinnern, er war schon da, verschwand aber irgendwie.

Der Alltag gehörte Mama, sie hatte Schulnoten und Termine beim Kieferorthopäden im Blick, stellte das Mittagessen hin, tröstete und fragte nach, nervte deswegen bisweilen natürlich mehr, liebte aber auch intensiver. Heute sehe ich, dass das genau jene Eltern-Aufteilung war, an der unsere Generation jetzt etwas ändern möchte: Mental Load vs. Erlebnis-Daddy, Pflicht vs. Kür.

Gerade weil ich merke, dass ich diese Zuteilung bis heute verinnerlicht habe, also immer noch Papasein als Abenteuer verherrliche und Mamas mit Alltagskram verbinde, scheint mir absolut wichtig, dass neue Väter dieses Verhältnis frühzeitig ausbalancieren und wir uns selbst aktiv entglorifizieren. Also auch mal schwach sind vor dem Kind, auch die unpopulären Maßnahmen durchsetzen, noch mehr die schmucklosen Grundlagen der Haus- und Familienarbeit verinnerlichen. Und eben nicht die Kombination aus Geld-nach-Hause-Bringen und Spielplatzclown für eine vollwertige Vaterschaft halten.

Fehlende Vatervorbilder

Ich bitte, in eigenem Interesse, aber auch um ein bisschen Nachsicht für die Väter der Gegenwart. Der Mann im Besonderen und im Nachgang die Väter befinden sich seit einigen Jahrzehnten in einer Umbruch- und Findungsphase, nachdem ihre Hauptrolle und die Verantwortungsverhältnisse in der Familie über Jahrtausende unangetastet waren. Derlei lässt sich nicht in zwei Generationen komplett umkrempeln, und gerade im Fall der guten neuen Väter fehlt es meiner Meinung nach eben noch massiv an Vorbildern.

Das Vaterbild, das in Film und Literatur seit dem Krieg vorherrscht, ist, mit Verlaub, ziemlich unbrauchbar und funktional gute Väter sind dabei quasi nicht existent. Von Heinz Erhardt bis Homer Simpson, von Woody Allen über Loriot bis Adam Sandler, auch bei Peppa Wutz und Conni: Papa ist immer ein lebensferner Dödel, eine Lachnummer.

Das ist einerseits sicher die anhaltende Abrechnung mit dem strengen Patriarchat – erst in unserer Zeit ist es möglich, das Familienoberhaupt lustvoll zu demontieren. Aber andererseits ist es Zeit, neue Väter zu beschreiben und zu inszenieren, um die Orientierungslosigkeit etwas einzudämmen und vielleicht mehr Verständnis für diese Rolle zu schaffen.

Zwischen Pflichtbewusstsein und Spaß

Seit ich Vater bin, habe ich auch oft über Pflicht nachgedacht. Das ist ja so ein Wort, das mit dem Elternwerden ein neues Gewicht bekommt. Plötzlich gibt es Aufsichtspflicht, Schulpflicht, Sorgepflicht und so weiter. Die aufgeschlossenen Väter treten eben auch pflichtbewusst den Familiendienst an, bereit, die anfallenden Arbeiten mit der Partnerin zu teilen. Diese Selbstverständlichkeit ist natürlich erst mal ein Fortschritt zu unseren Großvätern.

Die Gefahr dabei ist aber, dass sich der Pflicht-Charakter verin-nerlicht und man fortan alles Geforderte für die Familie erledigt, aber das Herz auf der Strecke bleibt. Man bewältigt das moderne Vaterbild, wie man eben zum Beispiel auch eine neue Herausforderung im Job bewältigt: gewissenhaft, zuverlässig – im tiefsten Inneren aber freudlos und ohne wirkliche Überzeugung.

Auf das eigene Seelenheil achten

Dieser Punkt ist mir deshalb so wichtig, weil ich sehr erstaunt war, als mein Vater – meine Schwester und ich waren damals gerade ausgezogen – mir eines Tages eröffnete, dass das Familienleben eigentlich gar nichts für ihn gewesen sei. Er entfernte sich dann auch umgehend von uns und ließ mich einigermaßen fassungslos zurück.

Ich hatte nie den Eindruck, dass er unter seiner Vaterrolle besonders leiden würde. Es gab keine Anzeichen, ich hatte eine tolle Kindheit. Aber offenbar ist er sich im pflichtgemäßen Aussitzen des Familienlebens irgendwie selbst abhandengekommen. Ich sehe diese Gefahr für moderne Eltern verstärkt: Wer zu übereifrig agiert, immer alles für die Familie gibt, akkurat To-do-Listen abarbeitet und keine
Ressourcen aufbaut, verliert andere Lebensbereiche und das eigene Seelenheil irgendwann aus dem Blick.

Man(n) wird das Vatersein nie ganz beherrschen

Der Journalist Tillmann Prüfer versucht in seinem Väterbuch, die gesunde Balance zwischen Mann- und Vatersein, zwischen Pflichterfüllung und Liebe zu sortieren. Wer dieses komplexe Spannungsverhältnis für sich löst, ist in meinen Augen dagegen gefeit, das Familienleben irgendwann nur noch als Organigramm und logistisches Problem misszuverstehen.

Vatersein ist kein Projekt, bei dem man glänzen, und kein Hobby, bei dem man der Beste sein muss. Auch keine Karriere, obwohl man durchaus Entwicklungsmöglichkeiten hat und das Verhältnis zumindest einseitig gekündigt werden kann. Nein, Kinder zu haben ist etwas anderes, und deswegen kann man sich so schlecht darauf vorbereiten, obwohl man längst erfolgreich im Leben steht. Ein Kind zu haben ist, wie ein Leben lang ein bestimmtes Musikstück einzuüben. Ein sehr schwieriges Stück, das einen phasenweise zum Verzweifeln bringt und das man nie ganz beherrschen wird. Das aber auch immer wieder neu und aufregend schön klingt und einem zuverlässig ans Herz geht.