Im Herbst 2020 fiel in Deutschland der Startschuss für die digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), die Apps auf Rezept. Die Einführung der Apps und Onlineprogramme, die nun auf Kosten der Krankenkassen verordnet werden können, war von viel Aufmerksamkeit und Vorschusslorbeeren begleitet, gelten sie doch als wichtiger Baustein der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens.

Doch wie sind sie im Arbeitsalltag von Ärzt:innen angekommen und wie steht es um die Akzeptanz der neuen Angebote? Jetzt zieht eine große, repräsentative Studie Bilanz: „Ein Jahr Digitale Gesundheitsanwendungen in der Praxis: Erkenntnisse und Erfahrungen“.

Die Ergebnisse liegen der Apotheken Umschau und dem Digital Ratgeber vorab exklusiv vor. Die Befragung ist Teil der seit 2005 jährlich erscheinenden Studienreihe „Ärztinnen und Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“ der Stiftung Gesundheit. Als gemeinnützige Stiftung (gegründet: 1996) will sie Transparenz im Gesundheitswesen fördern und Verbrauchern praktische Orientierungshilfe bieten. Die jetzt vorgelegte Studie knüpft an die Erkenntnisse einer ersten Befragung zum Zeitpunkt der Einführung von DiGA an. Wie nutzen Mediziner:innen in Deutschland die Angebote im Alltag?

Breites Spektrum an Reaktionen

Insgesamt 569 Ärzt:innen, Psychologische Psychotherapeut:innen sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen haben den Onlinefragebogen beantwortet. Die Studienergebnisse zeigen ein breites Spektrum an Reaktionen: Von sogenannten „Early Adoptern“, die Apps auf Rezept bereits regelmäßig verschreiben bis hin zu Ärzt:innen, die mit digitaler Medizin bislang noch nicht vertraut sind oder sie grundsätzlich ablehnen. „Ärztliche Behandlung ist seit Jahrtausenden eine individuelle, auf menschlichem Wissen und Vertrauen basierende Tätigkeit. Hören Sie auf das technisieren zu wollen“, schreibt ein Teilnehmer.

Rund ein Jahr nach der Einführung ist die Bedeutung der Anwendungen innerhalb der Ärzteschaft gewachsen: Mehr als 80 Prozent haben bereits von DiGA gehört, wollen sie in nächster Zeit ausprobieren oder haben dies bereits getan. Gleichzeitig ist die tatsächliche Nutzung bei Patient:innen und Versicherten noch gering. Die Ersatzkassen TK, Barmer, DAK, KKH, hkk und HEK zählten bislang etwa 24.000 Zugangscodes aus. Bei circa 28 Millionen Versicherten entspricht das einer Durchdringung von unter 0,1 Prozent.

Kaum Empfehlungen für DiGA

DiGA sind Stand heute zwar etwas bekannter, werden aber offenbar weniger häufig empfohlen oder verschrieben. Rund 71 Prozent der Befragten gaben an, noch nie eine App empfohlen zu haben. Das sind rund drei Prozent mehr als noch vor einem Jahr.

Dieses Ergebnis deckt sich mit der Anzahl an Verschreibungen: Fast 86 Prozent aller Befragten haben noch nie eine DiGA auf Rezept verschrieben, 2020 waren es sogar 99 Prozent.

Bei Betrachtung dieser Werte – insbesondere derer aus 2020 – sollte der Zeitpunkt der Einführung von DiGA nicht außer Acht gelassen werden: Im Herbst 2020 nahm in Deutschland gerade die zweite Corona-Infektionswelle an Fahrt auf, es folgte ein monatelanger Lockdown. Viele Ärzt:innen erlebten große Unsicherheiten und waren mit der Versorgung von Corona-Erkrankten sowie den eigenen Patient:innen beschäftigt. Zudem wurden die ersten geprüften DiGA nur wenige Tage vor der damaligen ersten Befragung zugelassen: Eine Nutzung war daher kaum möglich.

Offenheit für die Idee App auf Rezept

Auch 2021 steht die Mehrheit der Ärzt:innen der grundsätzlichen Idee medizinischer Apps offen und positiv gegenüber

In welchen Bereichen DiGA wirksam eingesetzt werden können, sorgt für Diskussionen. Am besten eignen sich nach Meinung der Befragten die Apps mit Tagebuchfunktion, zum Beispiel bei Allergien (knapp 83 Prozent), für die Ernährungsberatung, zur Aufzeichnung von Vitalparametern, zum Beispiel bei Herzrhythmusstörungen oder Asthma, zur Verhaltenskontrolle, beispielsweise des Blutdrucks oder für Sportberatungen oder Sportanleitungen (jeweils rund 77 Prozent).

Am wenigsten eignet sich der Einsatz bei Depressionen und suizidalen Gedanken (knapp 37 Prozent) sowie bei Suchtverhalten (knapp 33 Prozent).

Verglichen mit den Antworten aus 2020 hat die Einschätzung der Wirksamkeit in sämtlichen Bereichen abgenommen. Zurückzuführen sei dies auf eine „gewisse Ernüchterung“ mit Blick auf die praktischen Erfahrungen des ersten Jahres. Die „Erwartungen und Hoffnungen an die DiGA“ hätten sich nicht immer erfüllt, vermuten Autor:innen der Studie. „Die inhaltliche und fachliche Qualität der Angebote im Bereich Psychotherapie ist wirklich extrem schlecht“, berichtet ein Arzt. Weitere Stimmen kritisieren zahlreiche inhaltliche Fehler in den Apps.

Datenschutz als größtes Hemmnis

Zahlreiche Ärzt:innen gaben Einblick in ihre Bedenken, Zweifel und Hemmnisse für den Einsatz von DiGA. Mit Abstand an erster Stelle stehen datenschutzrechtliche Bedenken (rund 70 Prozent), gefolgt von Zweifeln an der Wirksamkeit (rund 47 Prozent). Weitere Aspekte sind Zweifel an der Patient:innen-Motivation, mangelnde Testmöglichkeiten für Behandler:innen sowie organisatorische Hürden.

Auch Geld spielt für einige Ärzt:innen eine Rolle. „Keine ausreichende Entlohnung für Aufklärung (Patient + oftmals Angehörige) und Verschreibung und Kontrolle der richtigen Anwendung der Apps“, findet ein Befragter. Die Kosten für die Apps seien „absurd hoch, wenn man die Vergütung der Ärzte dagegen sieht“, kritisiert ein anderer. Weitere Stimmen sehen in DiGA dagegen eine sinnvolle Ergänzung, vor allem in der Lebenswelt junger Patient:innen.

Internationale Beachtung für DiGA

Im Dezember 2021 sind beim Bundesministerium für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 25 verschiedene DiGA gelistet. Dies sei „sicherlich nur der Anfang“, glauben die Autor:innen der Studie. Weitere 24 Apps befinden sich derzeit im Zulassungsverfahren. Innerhalb des letzten Jahres hielten sechs DiGA den Anforderungen nicht stand und in 52 Fällen wurden die Anträge zurückgezogen. Bei allen Bedenken seitens der deutschen Ärzteschaft: Andere Länder haben bereits ihr konkretes Interesse an der Idee einer „App auf Rezept“ bekundet, darunter Frankreich.

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