Das wird gemessen

Autoimmunerkrankungen entstehen, wenn das Immunsystem Bestandteile des eigenen Körpers fälschlicherweise als fremd ansieht und Abwehrreaktionen dagegen einleitet. Dazu zählen sehr häufige Leiden wie Typ-1- Diabetes, verschiedene Formen von Rheuma, Multiple Sklerose oder entzündliche Darmerkrankungen. Aber auch Dutzende von seltenen Krankheiten. Manche Menschen sind sogar von mehreren dieser Diagnosen gleichzeitig betroffen.

Eine gemeinsame Eigenschaft aller Autoimmunleiden: Das Immunsystem bildet gegen die körpereigenen Strukturen gerichtete Antikörper (Autoantikörper). Sie tragen zum Krankheitsgeschehen bei und können zur Diagnose genutzt werden, weil sich sich je nach Krankheit unterscheiden. Nach welchen Antikörpern bei einer Patientin oder einem Patienten gesucht wird, hängt von der vermuteten Diagnose ab.

Ein Beispiel sind sogenannte Antinukleäre Antikörper (ANA). Sie richten sich gegen Bestandteile der Zellkerne. Davon gibt es etliche Untergruppen und Subtypen, die auf je verschiedene Autoimmunerkrankungen hinweisen können, die das Bindegewebe betreffen. Bei anders- lautendem Verdacht kommt eine Vielzahl anderer Antikörper zur Messung infrage, die beispielsweise gegen Bestandteile von Blutzellen oder der Muskeln gerichtet sind.

Antikörper gegen citrullinierte Peptide (Anti-CCP) sowie der Rheumafaktor beispielsweise deuten auf eine Rheumatoide Arthritis hin, die die Gelenke befällt. „Diese liegt mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit vor, wenn Anti-CCP-Antikörper und der Rheumafaktor positiv sind“, sagt Professor Andreas Schwarting, Sprecher des interdisziplinären Autoimmunzentrums an der Universitätsmedizin Mainz.

Wichtig ist laut Schwarting auch die Bestimmung der Entzündungswerte. Dazu zählen das C-reaktive Protein (CRP) sowie die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) – die Geschwindigkeit, mit der die festen Blutbestandteile in einem Reagenzröhrchen absinken.

Beide können zwar auf viele verschiedene Entzündungen hinweisen. Sie können bei mit Entzündungen verbundenen Autoimmunkrankheiten helfen, einen Schub schneller zu erkennen und das Ansprechen auf die Therapie zu kontrollieren.

Dann wird gemessen

Wenn der Verdacht auf eine Autoimmunkrankheit besteht. Das heißt: Wenn anhand der Vorgeschichte, der körperlichen Untersuchung und der Symptome das Gesamtbild in diese Richtung deutet. Dann helfen Autoantikörper, der zugrunde liegenden Autoimmun-erkrankung gezielt nachzugehen.

„Eine Messung ist nur sinnvoll, wenn die Vortest-Wahrscheinlichkeit hoch ist“, sagt Experte Schwarting. Also nur, wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die gesuchte Krankheit vorliegt. Denn die gemessenen Marker liegen oft auch bei Menschen vor, die nicht erkrankt sind.

Bei rund jeder fünften bis sechsten Person lassen sich zum Beispiel Antinukleäre Antikörper (ANA) finden, ohne dass diese eine Bedeutung haben. Zudem sind die Antikörper bisweilen auch wegen anderer Krankheiten erhöht.

Das besagen die Werte

Bei Autoantikörpern werden sogenannte Titerwerte gemessen. Das Blutplasma wird in Stufen von 1:80, 1:160, 1:320 und so weiter verdünnt. Je höher die Verdünnungsstufe, bei der die betreffenden Antikörper noch nachgewiesen werden können, desto wahrscheinlicher weist das auf eine Autoimmunkrankheit hin.

Das passiert bei verdächtigen Werten

Weil die Blutwerte Ärztinnen und Ärzte auch mal auf eine falsche Spur führen oder trotz einer Autoimmun-krankheit unverdächtig erscheinen können, bilden sie niemals die einzige Grundlage einer Diagnose. Genauso wichtig sind die ärztliche Untersuchung, die Symptome und eventuell ähnliche Fälle in der Familie.

Zur Therapie dienen häufig Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, sowie Entzündungs-hemmer und Schmerzmittel. Erhärtet sich der Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung nicht, wird der Arzt mit anderen Methoden nach der Ursache der Beschwerden suchen.

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Laborwerte-Serie: Übersichtsseite

Auf dieser Seite finden Sie die bisherigen Folgen der Serie aus dem Heft über die Bedeutung der wichtigsten Laborwerte, die man durch Blutproben erhält