Thalassämie

Die Thalassämie ist eine genetisch bedingte Blutarmut. Ein Fehler im Eiweiß Hämoglobin stört den Sauerstofftransport im Körper

von Franziska Draeger, aktualisiert am 17.11.2014

Rote und einzelne weiße Blutkörperchen unter dem Mikroskop


Früher war die leichte Form der Thalassämie (Thalassämia minor) wohl ein Überlebensvorteil, denn sie schützt in Maßen vor Malaria, bremst die Vermehrung der Erreger im Blut. Thalassämie ist vor allem dort verbreitet, wo ein Risiko für Malaria besteht – oder lange Zeit bestand: in Südostasien, aber auch in einigen Mittelmeerländern. Daher kommt auch ihr griechischer Name: Thalassämie heißt übersetzt Mittelmeerblutarmut. Einzelne Fälle der Thalassämie gibt es inzwischen weltweit.

Welche Ursache hat Thalassämie?

Bei jedem Atemzug füllt sich die Lunge mit frischem Sauerstoff. Doch in der Lunge nutzt er wenig. Er muss zu jeder einzelnen Körperzelle gebracht werden. Das ist die Aufgabe der roten Blutkörperchen (Erythrozyten): Sie nehmen den Sauerstoff auf und transportieren ihn durch die Adern in alle Winkel des Körpers. Damit sie den Sauerstoff festhalten können, brauchen sie ein bestimmtes eisenhaltiges Eiweiß, das Hämoglobin. Man kann sich den Sauerstofftransport im Körper vorstellen wie den Gütertransport auf Schienen. Wenn die Adern Gleise wären, dann wären die roten Blutkörperchen Lokomotiven, das Hämoglobin wäre der Güterwaggon.

Für diese Güterwaggons gibt es Bauanleitungen im Körper: verschiedene Gene. Bei der Thalassämie sind diese Anleitungen teilweise verfälscht, durch eine Genveränderung (Mutation) werden fehlerhafte Hämoglobin-Bausteine gebildet. Dadurch können weniger funktionsfähige Waggons gebaut werden und es gelangt weniger Fracht, also Sauerstoff, zu den Zellen.

Die kaputten Bauteile des Hämoglobins lagern sich in den roten Blutkörperchen ab und verändern deren Form. Sie werden in der Milz ausrangiert. Es herrscht ein ständiger Mangel an funktionstüchtigen roten Blutkörperchen, also Blutarmut, im Fachbegriff Anämie. Die Thalassämie kommt in verschiedenen Formen und Schweregraden vor.

Welche Formen der Thalassämie gibt es?

Das Hämoglobin besteht aus mehreren Bausteinen. Je nachdem, welcher davon verändert ist, liegt eine alpha- oder eine beta-Thalassämie vor. Die alpha-Thalassämie ist eher in Asien verbreitet, die beta-Thalassämie eher in Europa. Die Schwere der Krankheit richtet sich danach, ob ein Patient ausschließlich veränderte Versionen eines Hämoglobinbausteins produziert, oder ob er zusätzlich eine funktionsfähige Version bildet.

Beta-Thalassämie: Für den beta-Baustein des Hämoglobins hat jeder Mensch zwei verschiedene Bauanleitungen, eine in den Genen, die er vom Vater geerbt hat und eine von der Mutter. Ist nur eine verfälscht, spricht man von einer beta-Thalassämie minor – einer milden Form der Thalassämie, die nur schwache oder gar keine Symptome verursacht. Sind beide Bauanleitungen – oder Gene – defekt, liegt eine beta-Thalassämie major vor, die unbedingt behandelt werden muss.

Alpha-Thalassämie: Für den alpha-Baustein des Hämoglobins sind sogar vier Gene vorhanden, zwei mütterliche, zwei väterliche. Ist nur eines mutiert, spricht man von der alpha-Thalassämie minima, die ohne Symptome verläuft. Sind zwei Gene defekt, handelt es sich um eine alpha-Thalassämie minor, auch intermedia genannt. Diese bringt milde oder gar keine Symptome mit sich. Sind drei Gene defekt, leidet ein Patient an einer alpha-Thalassämie major. Embryonen, bei denen alle vier alpha-Gene ausfallen, sind nicht lebensfähig und sterben meist schon vor der Geburt.

Es gibt auch eine delta- und eine gamma-Thalassämie, beide sind aber sehr selten und verlaufen normalerweise mild.

Typischerweise werden die verschiedenen Genveränderungen von den Eltern an ihre Kinder vererbt, sie können aber auch zufällig entstehen, kurz nach der Befruchtung der Eizelle.

Welche Symptome sind typisch?

Die beiden Thalassämie-major-Formen zeigen sich bereits in den ersten Lebensjahren. Betroffene Babys sind sehr blass. Die Blutarmut verursacht Schwindel und Kopfschmerzen. Patienten kommen schnell außer Atem, fühlen sich abgeschlagen und müde. Es fällt ihnen oft schwer, sich zu konzentrieren.

Thalassämie-Patienten haben meist einen erhöhten Ruhepuls: Ihr Herz schlägt ungewöhnlich schnell, um das vorhandene Blut besser im Körper zu verteilen (Tachykardie). Der Körper versucht, den Sauerstoffmangel im Blut auszugleichen, indem er immer mehr rote Blutkörperchen im Knochenmark bildet. Dafür wird der Hohlraum in den Knochen vergrößert, in dem das Mark liegt; die Knochen werden weniger stabil, sie können sich verformen und brechen leicht.

Die Haut der Betroffenen ist oft leicht gelblich (Gelbsucht/ Ikterus). Die Farbe kommt von Abbauprodukten des Hämoglobins. Die Abbauprodukte sammeln sich in der Milz an, die sich in der Folge vergrößert (Splenomegalie).

Die beta-Thalassämie major verläuft meist schwerer als die alpha-Thalassämie major. Menschen, die lediglich eine Thalassämie minor haben, können beim Sport schneller außer Atem kommen und weniger leistungsfähig sein als völlig gesunde Personen. Sie können aber auch symptomfrei leben.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Eine Thalassämie major zeigt sich schon im vierten oder fünften Lebensmonat. Im dritten Lebensmonat ist der Hämoglobinwert (Hb-Wert) bei Kindern normalerweise niedrig. Bei gesunden Kindern steigt er danach allmählich, nicht so bei Kindern mit beta-Thalassämie major. Sie sind ungewöhnlich blass. Weitere Hinweise auf eine Thalassämie findet der Arzt in der Familiengeschichte eines Kindes. Wenn bei einem Verwandten eine Thalassämie diagnostiziert wurde, oder wenn der Patient Vorfahren in einer Region hat, wo Thalassämie verbreitet ist, erhärtet sich der Verdacht auf diese Krankheit.

Auf den ersten Blick ähnelt die Thalassämie einer Eisenmangelanämie: Auch hier sind die Betroffenen blass und haben sehr kleine rote Blutkörperchen. Doch es gibt auffällige Unterschiede: Der Eisenspiegel im Blutserum ist bei Eisenmangel erniedrigt, bei Thalassämie-Patienten ist er normal. Typisch für Betroffene der erblichen Blutkrankheit ist auch, dass ihre Milz deutlich vergrößert ist. Eine Labor-Analyse des Hämoglobins belegt schließlich, ob ein Patient tatsächlich eine Thalassämie hat und falls ja, welche Form. Auch eine Diagnose im Mutterleib ist möglich (Pränataldiagnose).

Wie sieht die Therapie aus?

Patienten, die an einer beta-Thalassämie major leiden, brauchen häufige Bluttransfusionen. Dadurch steigt allerdings ihr Eisenspiegel über den normalen Wert. Deshalb wird diese Therapie von Medikamenten begleitet, die die Ausscheidung von Eisen fördern (Chelation). Trotz dieser Behandlung kann der Körper durch einen Eisenüberschuss geschädigt werden. Die Lebenserwartung für Patienten einer beta-Thalassämie major ist statistisch betrachtet vermindert.

Die einzige Möglichkeit, die beta-Thalassämie major zu heilen, ist eine Knochenmarktransplantation. Dieser Eingriff ist riskant, da das körpereigene Knochenmark zerstört werden muss und das Immunsystem wochenlang lahmgelegt wird. Patienten mit einer alpha-Thalassämie major können mit Bluttransfusionen recht gut behandelt werden, sie brauchen seltener und kleinere Mengen Fremdblut als die beta-Thalassämie major-Patienten. Deshalb vermeidet man bei ihnen häufig eine Knochenmarktransplantation.

Personen, die nur eine milde Thalassämie-Form haben, etwa eine beta-Thalassämie minor oder alpha-Thalassämie intermedia, benötigen normalerweise keine Transfusionen. Sie können – nach individueller Rücksprache mit dem Arzt – mit Folsäure und Vitamin B12 bei der Blutbildung unterstützt werden.

Quellen:
http://emedicine.medscape.com/article/958850-overview#a0101
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmedhealth/PMH0001613/
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1383571812000654

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.