Manchmal reichen Hörgeräte nicht aus, wenn das Gehör Probleme bereitet. Dann nehmen Patientinnen und Patienten trotz technischer Hilfe die Sprache verzerrt oder lückenhaft wahr, leise Geräusche gar nicht mehr. Oder sie ertauben auf einem oder beiden Ohren vollständig, etwa aufgrund eines Lärmtraumas, eines Hörsturzes oder als Nebenwirkung bestimmter Medikamente. Trotzdem sind Ärztinnen und Ärzte dann mit ihrem Latein in den meisten Fällen längst nicht am Ende.

Hören per Cochlea-Implantat: Hinter dem Ohr sitzt ein Mikrofon mit Sprachprozessor, ein Kabel führt zur Sendespule auf der Kopfhaut

Hören per Cochlea-Implantat: Hinter dem Ohr sitzt ein Mikrofon mit Sprachprozessor, ein Kabel führt zur Sendespule auf der Kopfhaut

Wenn Hörgeräte trotz optimaler Anpassung ihre Wirkung verfehlen, bieten sich sogenannte Cochlea-Implantate an. Sie wirken dort, wo Hörgeräte an ihre Grenzen stoßen. „Klassische Hörgeräte funktionieren wie eine Art Lautsprecher vor dem Ohr, sie verstärken lediglich den Schall. Ein Cochlea-Implantat hingegen gleicht die Funktion geschädigter Strukturen im Innenohr aus“, erklärt Professorin Anke Lesinski-Schiedat, Leiterin des Deutschen Hörzentrums an der Medizinischen Hochschule Hannover. Doch dass die Implantate helfen können und bei entsprechender Diagnose von den Krankenkassen be zahlt werden, wissen viele Betroffene nicht.

1. Hinter dem Ohr empfängt ein Mikrofon den Schall, ein Sprachprozessor wandelt ihn in digitale Signale um. Ein Kabel führt zur Sendespule.
2. Die Sendespule über der Kopfhaut überträgt die Signale an die Empfängerspule unter der Kopfhaut. Diese gibt die Signale über Elektroden weiter.
3. Einzelne Elektroden reizen die Hörnervfasern in der Hörschnecke. Der Hörnerv leitet diese Erregung ins Gehirn.

1. Hinter dem Ohr empfängt ein Mikrofon den Schall, ein Sprachprozessor wandelt ihn in digitale Signale um. Ein Kabel führt zur Sendespule. 2. Die Sendespule über der Kopfhaut überträgt die Signale an die Empfängerspule unter der Kopfhaut. Diese gibt die Signale über Elektroden weiter. 3. Einzelne Elektroden reizen die Hörnervfasern in der Hörschnecke. Der Hörnerv leitet diese Erregung ins Gehirn.

Umleitung über die Schwachstellen

Ein Cochlea-Implantat umgeht die Schwachstellen im Innenohr – etwa zerstörte Sinneshaarzellen –, indem es den Hörnerv direkt stimuliert. Davon profitieren können hochgradig schwerhörig oder gehörlos geborene Babys, schwerhörige Seniorinnen und Senioren oder Erwachsene mit an Taubheit grenzendem Hörverlust. „Mein jüngster Patient war sechs Monate alt, mein ältester 96 Jahre“, berichtet Dr. Anke Tropitzsch, Leiterin des Hörzentrums an der Uniklinik Tübingen.

Voraussetzung ist allerdings, dass der Hörnerv intakt ist. Für taub geborene Erwachsene, die noch nie gehört haben, oder für Menschen ohne Hörnerv eignen sich die Implantate nicht: Hat das Gehirn nie gelernt, akustische Reize zu verarbeiten, kann auch ein Cochlea-Implantat keinen Draht zwischen Umwelt, Ohren und Gehirn herstellen. Für die meisten anderen aber ist es eine gute Option, auch wenn es natürliches Hören nicht vollständig ersetzen kann.

Alles in einer Hand

Ein dringender Rat der Expertinnen: Ob für jemanden ein Implantat infrage kommt, lässt sich am besten in einem spezialisierten Zentrum klären. Auch, weil dort alles aus einer Hand kommt – von umfangreichen Voruntersuchungen und dem chirurgischen Eingriff über die Anpassung und Einstellung des Implantats bis hin zur lebenslangen Nachsorge.

Ein Cochlea-Implantat besteht aus einem Außen- und einem Innenteil. Vor der Operation am Kopf haben viele Respekt, „aber es handelt sich dabei um einen standardisierten und unproblematischen Eingriff, der niemandem Sorge bereiten muss“, sagt Lesinski-Schiedat.

Professorin Anke Lesinski-Schiedat, Leiterin des Deutschen Hörzentrums an der Medizinischen Hochschule Hannover

Professorin Anke Lesinski-Schiedat, Leiterin des Deutschen Hörzentrums an der Medizinischen Hochschule Hannover

Die Operation in Vollnarkose dauert rund zwei Stunden. Häufigste Komplikationen sind in zwei bis vier Prozent der Eingriffe Wundheilungsstörungen, meist vorübergehender Schwindel oder technische Defekte. Deutlich unter einem Prozent liegt die Rate der Verletzungen von Gesichts- oder Geschmacksnerven oder einer Gehirnhautentzündung. Die Hersteller versprechen eine 20- bis 30-jährige Haltbarkeit.

Das Hören üben

Jährlich werden in Deutschland schätzungsweise 5000 Cochlea-Im-plantate eingesetzt. Neben Art, Dauer und Schwere der Hörstörung entscheiden auch Alter und Motivation der Patientinnen und Patienten über den Erfolg. Das neue Hören will nämlich geübt werden: „Zehn Tage bis vier Wochen nach der Operation findet die Erstanpassung des Implantat-Systems statt, die sogenannte Basistherapie“, erklärt Tropitzsch. Dann erhält der Patient den Sprachprozessor, der den Schall in digitale Signale umwandelt und das Implantat komplettiert.

Gesprochenes klingt allerdings oft erst mal blechern und ungewohnt. „Eine gute Einstellung führt aber innerhalb von wenigen Tagen zu einem so guten Klang- und Sprachverstehen, dass man mit dem Implantat bereits telefonieren kann“, sagt Lesinski-Schiedat.

Die Feinanpassung kann aber durchaus einige Wochen dauern: Eine Audiologin oder ein Audiologe kümmert sich um die passende Einstellung des Sprachprozessors. Spezialisierte Therapeutinnen oder Therapeuten trainieren die Patienten mit Hör- und Sprachübungen. „In der Mehrzahl der Fälle geht das schnell und unproblematisch, eine lange Folgetherapie ist meist nicht nötig“, sagt Lesinski-Schiedat. Tatsächlich kommen viele Patienten binnen kurzer Zeit gut klar, verstehen Sprache, können Musik hören und sich ein großes Stück Lebensqualität zurückerobern.

Cochlea-Ratgeber

Link zu Infos des Deutschen Schwerhörigenbunds: https://www.schwerhoerigen-netz.de/cochlea-implantat/

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