Okay, ich gebe es zu: Insgeheim mag ich schmerzhafte Massagen so ungern nicht. Vielleicht sehe ich in ihnen eine Art Herausforderung. Vielleicht denke ich auch: Wenn die chronisch verspannten Muskeln zwischen Hals und Schultern fies geknetet werden, muss das Besserung bringen. Deshalb fand ich die Idee einer Matte, auf die ich mich lege und mit der ich meine Problemzone am oberen Rücken wohltuend quäle, mindestens interessant.

Nadelreizmatten für leichte Entspannung

Akupressurmatten liegen im Trend wie die Hartschaumrolle zum Faszienwalken oder der Yoga-Gurt für die perfekte Dehnübung. Die Auszeit auf dem Nadelbett nebst zugehöriger Nackenrolle soll die Durchblutung der Haut anregen, Muskeln lockern, Nerven stimulieren, Schmerz lindern und Stress abbauen. Nachvollziehbare Wünsche, die clevere Vermarkter gerne ansprechen.

Zumal in Zeiten von Homeoffice und Hometraining sowieso oft nur die Badewanne zur Alltagsentspannung bleibt. Deshalb heute Abend Homewellness mit Nadelreizmatte, wie Experten das Produkt korrekterweise nennen. Denn während bei der traditionellen chine­sischen Akupressur bestimmte Punkte in Haut und Gewebe gezielt gedrückt werden, ist der Reiz durch die gespickte Matte unspezifisch. Ihr wattierter Stoff ist eng an eng mit runden Plastikplatten bestückt. Aus ihnen ragen wenige Millimeter hohe Stacheln wie kleine Spikes in die Höhe.

Wirksame Schmerztherapie?

Erst mal ein paar Minuten die Hände aufdrücken, wenn der Schulter- und Halsbereich Probleme macht, rät Dr. Thomas Rampp. Danach soll ich mich für etwa 20 Minuten und zugedeckt rücklings auf die Matte legen. Der Trick mit den Händen soll den Fokus vorübergehend weglenken von über­empfindlichen Schmerzarealen. Alte Beschwerden werden durch neue überlagert. Rampp ist Oberarzt an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte und behandelt viele Schmerzpatienten.

Mir drücken also nun feine Nadeln in den Rücken. Es fühlt sich an, als hätte ich mich auf eine riesige Haarbürste gelegt. Es ist nicht wirklich schmerzhaft, aber gewöhnungsbedürftig. Wem die Matte zu stachelig ist, kann sein T-Shirt anbehalten. Anfangs zockle ich noch hin und her. Dann gewöhnt sich meine Haut an das Stachelbett. Die Gedanken werden ruhiger, der Körper wird schwer.

In einer klinischen Studie berichten Rampps Patienten von weniger Schmerzen nach 14 Tagen Nadelreizmatte. Nach zweimaliger Anwendung sind meine Schultern noch verspannt, ich bin dafür recht entspannt. Vermutlich wäre es auch ohne Matte wohltuend, sich öfter hinzulegen. Die Augen zu schließen, ohne den Vorsatz zu schlafen. Nicht nebenher Serie schauen, am Handy tippen, Musik hören. Einfach gar nichts tun. Und wegdösen.

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