Seit sechs Jahren führt Niklas Bogenhorst (Name von der Redaktion geändert) ein anderes Leben. Eines, das nicht mehr so unbeschwert ist. Der 39-Jährige leidet zwischen sechs und zwölf Tagen im Monat unter Migräne. Für diese neurologische Erkrankung gibt es zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten, aber bisher keine Heilung. Immer wieder muss sich der IT-Spezialist bei der Arbeit krank melden und stößt auf Unverständnis.

Erst eine monoklonale Antikörper-Therapie, die bei ihrer Zulassung in der Öfentlichkeit als „Migräne-Spritze“ bekannt wurde und als vorbeugendes Medikament die Häufigkeit der Attacken reduzieren soll, gibt ihm neue Hoffnung. Alle vier Wochen spritzt er sich das Medikament selbst in den Oberschenkel. Die Anzahl der Attacken reduziert sich deutlich, innerhalb von acht Monaten leidet er nur an fünf Tagen an Migräne. „Ich war endlich wieder leistungsfähig“, erinnert sich Bogenhorst. „Ich konnte Termine ausmachen, ohne Angst, absagen zu müssen.“

Bogenhorst kann die Lebensfreude aber nicht lange genießen. Kurze Zeit nach der ersten Spritze bekommt er eine Magenschleimhautentzündung. Die hatte er schon einmal, ohne das Medikament. „Es gibt keine Belege für einen Zusammenhang“, sagt er. „Aber mein behandelnder Neurologe will erst einmal sichergehen und hat den Antikörper vorsichtshalber abgesetzt.“

Professorin Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums an der Uniklinik Essen, kennt viele Fälle, die durch die Behandlung mit der Antikörper-Therapie neue Energie schöpfen. Eine Magenschleimhautentzündung hält sie als Nebenwirkung für untypisch.

Wirkstoffe sind gut verträglich

Betroffene berichteten eher über Rötungen an der Einstichstelle oder Verstopfung als typische Nebenwirkungen, so die Praxis-Erfahrung der Neurologin. Daten legen zudem eine erhöhte Infektanfälligkeit nahe. Nach bisheriger Studienlage ist die Therapie jedoch wirksam und arm an Nebenwirkungen. Ob sich diese Einschätzung bestätigt, müssen weitere Studien zeigen. Bislang liegen Anwendungsdaten über fünf Jahre vor.

Der Botenstoff im Gehirn, der durch die neue Therapie gehemmt wird, hat viele Funktionen im Körper. Das so genannte „Calcitonin Gene-Related Peptide“ (CGRP) weitet bei Entzündungen etwa die Blutgefäße. Bei Migräne ist es wesentlich an der Entstehung und Erhaltung der Attacke beteiligt und wird vermehrt ausgeschüttet. Bei Menschen mit chronischer Migräne ist der CGRP-Spiegel dauerhaft erhöht.

Genau hier setzt die Antikörper-Therapie an. Sie hemmt wie bei den Wirkstoffen Galcanezumab und Fremanezumab das Molekül CGRP selbst oder ist wie im Fall des Wirkstoffs Erenumab gegen den Rezeptor, sprich die Andockstelle des Moleküls, gerichtet. Alle drei Medikamente kann man sich mithilfe spezieller und leicht anzuwendender Fertigpens und Fertigspritzen, in denen das Präparat schon für je eine einzelne Dosis vorportioniert ist, selbst verabreichen.

„Ein Drittel der Betroffenen reagiert sehr gut darauf. Wir sehen zum Beispiel eine Reduzierung von 17 auf zwei Migräne-Tage im Monat oder eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität“, so Dagny Holle-Lee. Ein weiteres Drittel reagiere gut auf die Behandlung. „Das letzte Drittel spricht gar nicht darauf an – auch nicht bei einem Wechsel der Wirkstoffe. Dafür haben wir bislang keine gute Erklärung.“

Hohe Therapiekosten

Die monoklonalen Antikörper gelten als Meilenstein in der Migräne-Behandlung. Vor ihrer Zulassung gab es zur Vorbeugung der schmerzhaften Attacken nur Medikamente, die ursprünglich für andere Krankheiten entwickelt worden waren und sich im Nebeneffekt auch positiv auf Migräne auswirkten. Diese Standard-Therapien sind nach wie vor wichtig. Hinzu kommt, dass die Anti-CGRP-Therapie nicht für jeden infrage kommt. Zugelassen ist die Behandlung für erwachsene Migräne-Patientinnen und -Patienten ab vier Schmerztagen im Monat.

Doch die gesetzlichen Kassen übernehmen die Kosten von rund 400 Euro pro Spritze nur, wenn herkömmliche Therapien nicht geholfen haben. Niklas Bogenhorst hat alle gängigen Migräne-Präparate ausprobiert. „Geholfen hat nichts. Ich hatte stattdessen starke Nebenwirkungen“, sagt er. Ein Grund, warum die Krankenkassen so hohe Hürden vor Erstattung der Therapie eingebaut haben, sind die hohen Kosten. Die Standard-Therapien summieren sich laut Holle-Lee auf nur etwa 100 Euro pro Jahr.

Wann zahlt die Kasse?

Zugelassen ist die Antikörpertherapie für Erwachsene mit Migräne ab vier Schmerztagen im Monat. Folgende Voraussetzungen gelten:

Bei episodischer Migräne (bis zu 15 Schmerztage im Monat) muss ein Therapieversuch mit Betarezeptorenblocker (Blutdrucksenker), Amitriptylin (Antidepressivum), Flunarizin (Kalziumantagonist) und Topiramat (Antiepileptikum) erfolgt sein.

Menschen mit chronischer Migräne (ab 15 Schmerztage) müssen zusätzlich Botox getestet haben.

Nicht immer geeignet

Für manche Menschen kommt die Anti-CGRP-Therapie aus anderen Gründen nicht infrage. Bei Frauen mit Kinderwunsch ist sie nicht geeignet, weil man keine Daten hat, wie sie sich in der Schwangerschaft auswirkt. Auch in der Stillzeit ist sie tabu. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einem hohen Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Risiko ist ebenfalls Vorsicht angebracht.

Auch bei Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa muss man abwägen. Da spielt der Botenstoff CGRP eine wesentliche Rolle. Daher bleiben die konventionellen Präparate weiter wichtig, so die Neurologin. Um Anfälle zu verhindern, sollten Betroffene zudem auf die Auslöser der Migräneanfälle achten und diese meiden. Eine geregelte Lebensweise, Ausdauersport und gezielte Entspannungsübungen sind hilfreich, um Attacken vorzubeugen.

Weitere Informationen zum Thema Migräne finden Sie unter www.dmkg.de.

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