Baby und Familie

Verschluckt, gestürzt, verbrannt: In den eigenen vier Wänden lauern gerade für kleine Kinder viele Gefahren. Typisch sind Stürze, Ersticken, Verbrennungen, Verbrühungen und Vergiftungen. Oft können Eltern gerade noch rechtzeitig eingreifen – aber eben nicht immer, und dann ist schnelles und überlegtes Handeln gefragt. Dr. Till Dresbach ist Oberarzt auf der Station für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Bonn und gibt seit mehr als zehn Jahren Kindernotfallkurse. Er betont: „Eltern können bei Notfällen nur etwas falsch machen, wenn sie nichts machen.“ Und auch wenn alle Eltern sich natürlich wünschen, nie in eine solche Situation zu kommen, sollten sie wissen, wie sie ihrem Kind helfen können. „Es ist wichtig, dass Eltern sich damit beschäftigen, was bei Notfällen zu tun ist.“ Am besten lerne und trainiere man Erste Hilfe am Kind ganz praktisch in ­einem Kurs. Aber sich zum Beispiel Videos darüber anzusehen, sei besser, als sich gar nicht damit auseinanderzusetzen. Er ist überzeugt: Viele Not­fälle lassen sich verhindern, wenn Eltern die Gefahren­quellen kennen und entsprechend handeln.

Kostenloser Download: Das ist im Notfall zu tun

Die richtigen Handgriffe im Notfall haben wir hier für Sie zum Download zusammengestellt.

Verschlucken und Ersticken

Die Gefahren: Kleinteile von Spielzeugen, Nüsse, Trauben, Knopfbatterien, Murmeln …

Was tun? Wenn Gegenstände in der Luftröhre festsitzen oder in die Lunge gelangen, droht das Kind zu ersticken. Kann es noch effektiv husten, können Sie es unterstützen: Halten Sie es bei vornübergebeugtem Oberkörper und ermuntern Sie es weiterzuhusten. Dass das noch geht, erkennen Sie daran, dass Ihr Kind weint, vor dem Husten einatmet und ansprechbar ist.

Besonders gefährlich sind Knopfbatterien, selbst wenn sie nur verschluckt werden und nicht in die Atemwege gelangen: „Sie können schlimme Verätzungen im Körper verursachen“, erklärt Intensivmediziner Dresbach.In so einem Fall oder beim Verdacht: umgehend eine Kinderklinik aufsuchen.

Manche Kinder stecken sich Gegen­stände in die Nase. Mögliche Folgen: eitriger Schnupfen, behinderte Nasenatmung oder Nasenbluten. Der Kinder- oder Hals-Nasen-Ohren-Arzt entfernt die Gegenstände wieder.

Wie verhindern? Verschlucken kleine Kinder etwas, scheiden sie die Dinge normaler­weise über den Darm wieder aus. „Nehmen diese den falschen Weg und landen in der Luft­röhre, liegt es oft daran, dass das Kind sich erschreckt“, erklärt Meier. Vermeiden Sie in solchen Situationen überstürzte Ermah­nungen oder lautes Schimpfen. Ansonsten gilt: keine Kleinteile herumliegen lassen, Alters­angaben für Spielzeug beachten. Geben Sie kleinen Kindern keine kleinen, harten Lebensmittel – und solche wie Trauben erst, wenn sie sie wirklich kauen können. Beim Essen nicht herumtoben.

Stürze auf den Kopf

Die Gefahren: Fallen vom Wickeltisch, Treppen, glatte Böden, Stolperfallen wie Spielzeug oder Teppiche, Laufrad- oder Fahrradfahren, Lauflernhilfen...

Was tun? „Normal ist, dass das Kind nach einem Sturz schreit oder weint“, erklärt Dr. Florian Meier aus Miesbach, Landesarzt des Bayerischen Roten Kreu­zes. „Wenn es das nicht tut, lange liegen bleibt, immer wieder einschläft, sind das Warnsignale, dass etwas Schlimmeres passiert sein könnte.“ Betroffene Kinder werden wegen der diagnostischen Möglich­keiten am besten in der Notaufnahme versorgt.

Blutungen stoppen Sie mit einer sterilen Kom­presse. Blutet es stark, wählen Sie die 112. „Im Zweifel gilt: Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig zum Arzt“, rät Meier. Atmet das Kind nicht oder hat keinen Puls – auch aus anderen Gründen als nach einem Sturz –, müssen Sie eine Wiederbelebung machen. „Sind Sie alleine, wählen Sie nach einer Minute Reanima­tion den Notruf. Am besten per Lautsprecher, dann können Sie sich beim Telefonieren weiter um das Kind kümmern“, erklärt Dr. Till Dresbach, Oberarzt für Pädia­trische Intensivmedizin am Universitäts­klinikum Bonn. Ist noch jemand anwesend, kümmert sich eine Person um das Kind, die andere um den Notruf. Auch wenn das Kind benommen ist, teilnahmslos oder verwirrt wirkt, die Pupillen unterschiedlich groß sind, aus Mund, Nase oder Ohren Blut oder Flüssigkeit kommt oder am Kopf ein großer blauer Fleck entsteht: 112 wählen.

Ist dem Kind am Tag nach dem Sturz übel oder muss es sich übergeben, bringen Sie es zum ­Kinderarzt oder in die Notaufnahme. Es könnte eine Gehirnerschütterung haben.

Wie verhindern? „Verletzungen wird man nie ganz verhindern können“, betont Meier. „Aber manche schweren Stürze sind vermeidbar.“ Wichtig: Treppengitter. Auf dem Wickeltisch stets eine Hand am Kind lassen. Fensterbänke oder Küchenanrichten sind tabu. Auf Roller, Fahr- oder Laufräder nur mit Helm.

Vergiftungen und Verätzungen

Die Gefahren: Putzmittel, Medikamente, Waschmittel, Alkohol, Lampenöle, Grillanzünder, Pflanzen …

Was tun? Bei lebensbedrohlichen Symptomen wie Bewusstlosigkeit oder Krampfanfällen rufen Eltern die 112 an. Ansonsten gilt: den Giftnotruf wählen. Erklären Sie am Telefon genau, was mit welchem Produkt passiert ist. In der Giftnotrufzentrale sitzen Expertinnen und Experten, die einschätzen können, ob das Kind ins Krankenhaus muss, ob es reicht, es weiter zu beobachten, oder ob gar alles in Ordnung ist.

Das können Sie selbst tun: „Wenn das Kind sich Putzmittel ins Auge gesprüht hat, spülen Sie am besten mit Wasser nach“, rät Toxikologe Dr. Thomas Höfer. Dazu legen Sie Ihr Kind auf den Rücken und lassen Wasser aus einem vollgesogenen Handtuch ins Auge tropfen.

Hat das Kind eine Flüssigkeit verschluckt, gilt in den meisten Fällen: nachspülen – und zwar mit Wasser, Tee oder Saft in kleinen Schlucken. Bei schaumbildenden Stoffen können nach Rücksprache mit dem Giftnotruf entschäumende Mittel wie Simeticon helfen.

Bei Hautkontakt entfernen Sie die Kleidung und spülen die betroffene Stelle unter fließendem Wasser ab. Wurden giftige Stoffe eingeatmet, ist frische Luft wichtig. Vom Bundesinstitut für Risikobewertung gibt es die kostenlose App „Vergiftungsunfälle bei Kindern“ mit wichtigen Telefonnummern und Informationen.

Bloß nicht: Erbrechen auslösen. Erbrochenes könnte in die Lunge gelangen. Auf keinen Fall Milch oder Salzwasser geben! Medizinische Kohle geben Sie nur auf Anweisung von Fachleuten.

Wie verhindern? Verstauen Sie ge­fähr­liche Produkte so, dass Kinder keines­falls herankommen. Am besten verzichten Sie ganz auf besonders aggressive Pro­dukte.

Wer einen Garten oder bepflanzten Balkon hat, sollte seinen Kindern folgende Regel beibringen. „Nichts essen, was man nicht sicher kennt“, so Höfer.

Kind spielt mit Putzmitteln

Was tun bei Vergiftungen?

Vom Putzmittel getrunken, Papas Pillen geschluckt: Kinder wissen nicht, dass manche Dinge schädlich sind, die wie Lebensmittel aussehen. Wie Eltern Erste Hilfe leisten

Verbrennungen und Verbrühungen

Die Gefahren: Heißgetränke, gefüllte Wärmflaschen, Herd, Inhalieren über ­einer Schüssel, Bügeleisen und Wasserkocher (hängende Kabel!), Backbleche …

Was tun? Kleidung an betroffenen Stellen ausziehen, wenn sie nicht mit der Haut verklebt ist! Bei Kleinkindern kühlen Sie kleinere Verbrennungen sofort. Wichtig: im Blick behalten, ob es dem Kind gut geht. Kühlen lindert die Schmerzen und kann die Tiefe der Verbrennung verringern. Aber: „Nicht mit Eis“, betont Dresbach, „sondern unter fließendem, zimmerwarmem Wasser, etwa 20 Minuten.“ Sonst besteht die Gefahr, dass Kinder auskühlen oder thermische Verletzungen entstehen. Bei Babys werden Verbrennungen deshalb nicht gekühlt! Hier gilt: Die 112 rufen und „auf den Arm nehmen und so gut es geht beruhigen, bis der Rettungsdienst kommt“. Größere Verbrennungen, etwa so groß wie ein Bein, werden auch bei Kleinkindern nicht gekühlt – rufen Sie sofort den Rettungsdienst. Sind Gesicht, Intimbereich oder Gelenke betroffen: ins Krankenhaus. Brandwunden decken Sie nach dem Kühlen mit sterilen Kompressen ab. Alternativ geht Frischhaltefolie. „Sie klebt nicht an der Wunde und die Verletzung kann nicht verunreinigen.“ Sie bleibt bis zur ärzt­lichen Versorgung dort. Bei allen solchen Wunden, die größer als eine Kinderhandfläche sind, sollten Sie nach der Erstversorgung sicherheitshalber mit dem Kind zum Arzt oder zur Ärztin.

Bloß nicht: Brandwunden nie mit Mehl, Puder oder Ähnlichem behandeln. Gleiches gilt für Brandsalben, Eis oder Kühlpacks. Brandblasen nicht öffnen.

Wie verhindern? „Kind auf dem Schoß und Heißgetränk in der Hand, das ist ein No-Go!“, sagt Dresbach. Heißgetränke außer Reichweite von Kindern abstellen. Statt Wärmflasche ein Körnerkissen verwenden. Inhalieren nur mit einem speziellen Inhalator. Beim Kochen gut aufpassen, Herd und Ofen sichern.