Das Transkript zur Folge 240 mit Dr. Eva-Maria Skoda:

Ein Interview über das Wohlergehen während der Corona-Pandemie mit...

Mein Name ist Eva Skoda. Ich bin Ärztin in der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, und ich leite da den Bereich experimentelle und klinische Forschung. Und bin auch für die Arbeitsgruppe, die sich mit psychischen Belastungen während der Corona-Pandemie auseinandergesetzt hat, zuständig.

In welcher psychischen Verfassung sind die Deutschen?

Wir haben relativ früh angefangen, uns dafür zu interessieren, wie es den Menschen während der Corona-Pandemie geht. Nämlich bereits im März 2020. Und haben seitdem eigentlich fast durchgehend eine Befragung der Bevölkerung laufen, wie es ihnen psychisch geht. Durch Anfangszeit, Lockdown, wieder Entspannung und jetzt erneuter Lockdown haben wir die Befragung laufen.

Und uns ist relativ früh klargeworden, dass es den Menschen in der Corona-Pandemie nicht besonders gut geht. Das klingt vielleicht nicht so überraschend, aber wir konnten durch validierte Testung herausfinden, dass eine sehr starke Zunahme existiert an generalisierten Ängsten.

Also Ängste vor der Zukunft. Wie wird es weitergehen? Wie wird mein Leben sich weiterentwickeln? Sorge um Familie und Angehörige. Das hat stark zugenommen. Depressivität hat zugenommen. Und das allgemeine Stresslevel der Bevölkerung ist gestiegen. Und tatsächlich ist er ja eigentlich durch die gesamte Phase der Pandemie hochgeblieben.

Wir hatten auch in der Phase der Entspannung, wo Sommer war und eine neue Normalität eingetreten war, da haben wir die Befragung weiterlaufen lassen. Den Menschen ist es zwar ein bisschen besser gegangen, aber sie haben nie den Wert erreicht, den es vor der Pandemie gab. Oder vom Anfang, wo noch nicht klar war, was das bedeuten wird.

Und jetzt in diesem zweiten Lockdown haben wir gesehen, dass es den Menschen noch schlechter geht. Sie haben weiterhin viel Angst, viel Stress. Und was zunimmt ist die Depressivität. Was, glaube ich, relativ nachvollziehbar ist. Wenn man sich in seinem Umkreis umschaut oder an sich selber denkt.

Dieser sogenannte Corona-Blues ist ja schon etwas, wo wir auch sagen können da ist der Antrieb schlechter, man ist hoffnungslos. Man weiß nicht, was die Zukunft einem bringen soll. Das sind alles Symptome einer depressiven Entwicklung. Das konnten wir in unseren Daten sehen. Dass die Menschen sagen, ja, ich bin depressiver.

Wie beeinflusst die Informationsvielfalt das psychische Wohlergehen?

Wir haben auch gesehen, relativ am Anfang der Pandemie, wie dieses Wechselspiel zwischen Vertrauen in Regierung, in staatliche Maßnahmen, sich auf Angst auswirkt.

Wir haben uns da einen Zeitverlauf angeschaut, sehr interessant, wo Frau Merkel im März ihre erste Rede gehalten hat. Und Frau Merkel hat, es war lang angekündigt, bis sie was sagt, dann kam sozusagen die Rede, und wir haben gesehen, dass die psychische Belastung der Menschen kurz vor der Rede sehr hochgegangen ist. Jeder Angst, dachte: "Gott, was kommt jetzt."

Dann hat Merkel gesprochen und relativ deutliche Worte gefunden. Und plötzlich gab es  eine signifikante Entlastung. Die Menschen hatten weniger Angst, waren weniger depressiv. Weil sie eine klare Ansage gekriegt haben.

So unsere Hypothese, wir wissen ja nicht, was im Kopf vorgegangen ist. Aber es war interessant zu beobachten, dass so eine große Stichprobe eine Reaktion zeigt. Und daraus haben wir uns überlegt, wahrscheinlich hat das mit Vertrauen in die Regierung zu tun, aber auch mit Informationen.

Und daraus haben wir uns auch die Daten noch mal genauer angeschaut und konnten einen Zusammenhang finden zwischen dem Informationslevel, also wenn Menschen sich besser informiert fühlen. Dann haben sie weniger generalisierte Angst. Und das finde ich ein ganz wichtiges Finding.

Wir sahen das bei Ärzten, bei Krankenschwestern, die haben sich gut informiert gefühlt, haben weniger Angst gehabt. Das ist quasi auch eine Folge dafür, wie können wir eigentlich mit unserer Angst umgehen? Nämlich indem wir ein Level erreichen, wo wir sagen, ich fühle mich gut informiert.

Auf der anderen Seite gibt es noch eine Untersuchung, mit Kollegen aus Russland, die sich Social Media angeguckt haben. Und da war es so, ja... umso mehr Social-Media-Informationssuche man betrieben hat, umso mehr Zeit man mit Social Media mit Informationssuche verbracht hat, umso mehr Angst hatte man. Das heißt, man muss überlegen, welche sind die "guten" Informationen, die einem helfen, um die Angst zu reduzieren.

Was bedeuten diese Erkentnisse für Sie als Psychologin?

Wir haben die Studie nicht nur durchgeführt, wie es überhaupt aussieht in den Köpfen der Menschen oder wie es ihnen geht. Sondern weil wir, wir sind ja auch Psychotherapeuten, ein Angebot machen wollten. Und das finde ich sehr zentral, dass wir merken, es gibt Menschen, die kommen an ihre Belastungsgrenzen, nach einem Jahr, das ist eine lange Zeit.

Es ist wichtig, dass man sich Hilfe und Unterstützung holt. Weil umso länger eine Belastung anhält, umso größer ist die Gefahr einer Chronifizierung. Und das geht natürlich über professionelle Unterstützung wie in psychosomatischen Ambulanzen, niedergelassene Psychotherapeuten, Seelsorge. Aber auch Selbsthilfe- und sehr niederschwellig Beratungsangebote. Dass man das auch macht.

Weil wir sind alle Patienten der Pandemie geworden. Und sollten uns bewusst werden, dass auch unsere Psyche Patient geworden ist. Und man Hilfe und Unterstützung haben darf. Das ist völlig legitim.

Und dass es wichtig ist, dass wir Angebote entwickeln, die der aktuellen Situation geschuldet passend sind. Digitale Angebote. Da ist ja das Schlagwort E-Health. Dass man Dinge anbietet, die eben auch aus der Entfernung durchgeführt werden. Für die, die sich nicht trauen, irgendwo hinzugehen und mit jemandem zu sprechen.

Und da haben wir etwas entwickelt, daraus. Wir haben ein Online-Training entwickelt, das heißt "CoPE It". Ist ganz einfach zu finden, wenn man Psychosomatik in Essen eingibt. Und "cope it" wie "ich schaffe es". Dann findet man das. Wo man umsonst für zwei Wochen ungefähr ein Training machen kann. Wo man achtsamkeitsbasiert und mit Anleitung lernen kann, Skills zu entwickeln, wie man im Alltag besser zurechtkommt. Der Alltag, der aus Homeoffice, Lockdown und wenig sozialen Kontakten besteht.

Das finde ich wichtig, als niederschwelliges Angebot. Etwas, was jeder machen kann. Wo man keine Angst vor der Diagnose haben muss. Man kann sich anonym anmelden und das mitmachen.

Dass so was wahrgenommen wird, weil es vielleicht ein bisschen die Unterstützung gibt, die es braucht, damit man noch länger durchhält. Die Situation weiter aushält. Und daraus kommt, ohne großen Schaden zu nehmen.

Darum geht es in „Nachgefragt!“

„Nachgefragt!“ befasst sich mit allen Aspekten rund um die Corona-Pandemie: Wir sprechen mit Expert*innen aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch mit Menschen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Dabei kommt ein breites Spektrum von Menschen in den unterschiedlichsten Positionen zu Wort, von der Soziologin bis zum Labormediziner, vom Hautarzt bis zur pflegenden Angehörigen.

„Nachgefragt!“ ist ein Videopodcast, der seit 24. März 2020 an jedem Werktag erscheint. Sie können die Folgen über verschiedene Plattformen sehen und abonnieren beispielsweise bei:

Alle Folgen im Überblick

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Nachgefragt! | Der Corona-Video-Podcast

In unserem Video-Podcast „Nachgefragt!“ unterhalten wir uns mit Menschen, die uns von den täglichen...