Senioren Ratgeber

Ein Betrieb mit Mitarbeitern aus 95 Nationen? Es gab Zeiten, da konnte es sich nur um einen Großkonzern handeln. Doch die Zahl steht für Münchenstift, den kommunalen Anbieter von Altenpflege in der bayerischen Hauptstadt. Multikulti beim Personalmix ist in der Pflegebranche heute der Normalfall – und soll künftig noch mehr Teil der Lösung der Personalnot sein.

14433027_02de9b2a85.IRWUBPROD_5C4K.jpg

#RettetDiePflege

Schon vor der Corona-Pandemie waren die Arbeitsbedingungen für Pflegende in Deutschland schlecht. Das alles hat sich in den vergangenen zwei Jahren noch deutlich verschärft.

Nicht mehr ohne

Deutschland sucht händeringend Pflegeprofis. Experten rechnen vor, dass in den nächsten Jahren Hunderttausende von Fachkräften fehlen. So hat Münchenstift einen Bedarf von 150 bis 200 Pflegenden pro Jahr. „Die bekommt man nicht alle auf dem deutschen Arbeitsmarkt“, weiß Sprecher Christian Liesenhoff. Wie viele Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen wirbt der Münchner Heimträger verstärkt um Personal aus dem Ausland – über Kandidatensuche vor Ort, Vermittlungsagenturen oder ein Pflege-Anwerbeprogramm wie„Triple Win“, das 2013 von der Bundesregierung angestoßen wurde.

Wie gut klappt das? Daten für Deutschland gibt es kaum, zumal das Statistische Bundesamt Pflegekräfte nicht nach Herkunft erfasst. Immerhin: Allein die Zahl der ausländischen Pflegeprofis, deren Examen von den deutschen Behörden anerkannt wurden, stieg seit 2016 um das Dreifache.

Damit die Neuen in der deutschen Pflegelandschaft klarkommen, brauchen sie nicht nur gute Sprachkenntnisse. In manchen Ländern ist die Pflege darauf angelegt, den Ärzten zur Seite zu stehen, weiß Annemarie Fajardo vom Deutschen Pflegerat. Man kennt Röntgen und EKG aus dem Effeff, ist aber vielleicht nicht so vertraut mit der Pflege am Patientenbett. Oft durchlaufen ausländische Fachkräfte Anerkennungskurse, um für die Arbeit in Deutschland fit zu sein.

Fachwissen ist das eine. Ankommen im Team und in Deutschland das andere. Klar, dass die Eingewöhnung den ausländischen Pflegekräften viel abverlangt. Doch auch die andere Seite sei gefordert, betont Fajardo. „Wichtig ist, nicht nur die Arbeitskraft zu sehen. Das Haus und die Kollegen sollten offen sein, bereit für Veränderungen.“ Daran, so die Pflegemanagerin, hapere es mitunter.

Eine weitere Frage ist: Kann man anderen Ländern guten Gewissens das Pflegepersonal abwerben? Das Programm „Triple Win“ und viele Kliniken und Heime betonen, sich am Kodex der Weltgesundheitsorganisation WHO zu orientieren: Fachkräfte nur aus solchen Staaten zu holen, die keinen Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal kennen. Dazu gehören zum Beispiel die Philippinen oder Tunesien: Länder mit einer jungen Bevölkerung, in denen der Pflegebedarf geringer ist als bei uns. Anders sieht es aus bei Ländern, die einen ähnlichen Altersschnitt haben wie Deutschland, etwa Bulgarien. „Hier aktiv Fachkräfte abzuwerben, finde ich ethisch fragwürdig“, so Fajardo. „Diese Länder haben das gleiche Problem wie wir.“

20360821_8db34e4b07.IRWUBPROD_5D0T.jpg

Kommentar: Verhinderter Traumberuf

Pflege-Boni, Prämien für Rückkehrer in den Beruf: Mit solchen Vorschlägen zeigt die Politik, dass sie die Sorgen und Nöte der Pflegekräfte nicht verstanden hat. Ein Kommentar von Kai Klindt

Respekt vor Älteren

Ohnehin: „Es werden ab 2030 rund 250 000 Stellen unbesetzt sein. Diese Zahlen können nicht durch ausländische Pflegekräfte gedeckt werden“, sagt Pflege-Professorin Miriam Tabira Richter von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg. „Wir müssen den Pflegeberuf zusätzlich auch bei uns attraktiver machen.“

Als kleine Erfolgsgeschichte in der Pflege entpuppt sich das Werben um Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland geflüchtet sind. Derzeit bietet Münchenstift pro Jahr 20 Plätze in einem Vorbereitungskurs für die Pflegeausbildung an. Der Andrang sei groß, freut sich die Sozialarbeiterin Christina Schnabl, die das Projekt managt: „Wir können bei Weitem nicht alle unterbringen, die sich bewerben.“

Wer im Mangelberuf Pflege arbeite, habe bessere Aussichten, auf Dauer in Deutschland bleiben zu können, erklärt Schnabl. Doch „dies ist nicht die ausschlaggebende Motivation – darauf achten wir“. Viele geflüchtete Menschen kämen aus einer Kultur, in der das Alter großen Respekt genießt. „Man möchte ein Lächeln auf dem Gesicht eines Älteren sehen“, sagt Schnabl.

So sehr Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln in der Pflege zum Alltag gehören, „sie stoßen dabei auch auf Diskriminierung“, weiß Pflegewissenschaftlerin Richter, die sich mit Migration in der Pflege befasst. Sei es, dass eine schwarze Pflegerin für eine Reinigungskraft gehalten wird oder Patienten Sätze sagen wie: „Ich möchte aber von einer richtigen Krankenschwester versorgt werden.“ „Ausländisch“ aussehenden Pflegekräften werde oft nicht die gleiche Kompetenz zugetraut wie dem „deutsch“ aussehenden Personal.

Es bleibt also noch viel zu tun. Die Pflege, findet Christina Schnabl, sei eigentlich ein gutes Feld, um Vorurteile abzubauen: „Man arbeitet gemeinsam an einer schönen Aufgabe: sich um hilfebedürftige Menschen zu kümmern.“

-