Elf Wochen haben die Pflegekräfte der Unikliniken in Nordrhein-Westfalen gestreikt. Damit geht der Arbeitskampf als der bisher längste im Gesundheitswesen in dem Bundesland wohl in die Geschichte ein. Ziel waren bessere Arbeitsbedingungen. Bis Anfang August sollen die Pflegekräfte nun entscheiden, ob sie den verhandelten Entlastungsvertrag annehmen. Der soll eine Mindestbesetzung garantieren – oder als Ausgleich mehr Freizeit für das Personal.

Doch ganz gleich, ob die Pflegerinnen und Pfleger den Bedingungen zustimmen. Ganz gleich, ob die Unikliniken die geforderten Punkte umsetzen. Eines sollte jedem klar sein: Dass solche Streiks immer wieder stattfinden müssen, damit Menschen im Gesundheitssystem faire Arbeitsbedingungen bekommen, ist eine Schande für Deutschland. Der Streik zeigt, dass weder die Politik noch die Bürgerinnen und Bürger die Konsequenzen des Pflegemangels begriffen zu haben scheinen. Weder unterstützen wir die Pflegekräfte genug, noch geben wir ihnen die Wertschätzung, die sie verdienen.

Seit Jahren hat sich nichts geändert

Das beweist unter anderem die Tatsache, dass Pflegekräfte seit Jahren über zu viel Arbeitsbelastung klagen – es sich aber so gut wie nichts zu ändern scheint. Darum sehen sich manchmal Pflegekräfte und andere Menschen im Gesundheitswesen gezwungen, auf die Straße zu gehen, um nicht nur für sich, sondern auch das Wohl ihrer Patientinnen und Patienten zu kämpfen.

Die Pflege leidet unter Fachkräftemangel. Und weil Personal fehlt, ist es nicht ungewöhnlich, dass sich etwa in der Altenpflege eine Pflegekraft um 15 Bewohnerinnen und Bewohner gleichzeitig kümmern muss. Die Folge: So mancher Pflegebedürftige muss in seinen Exkrementen liegen, weil sich keiner um ihn kümmern kann. Und wer in der Notaufnahme lange warten muss, sollte nicht wütend auf die Person am Empfang sein. Sondern wissen, dass wegen Personalmangels vermutlich gerade nur eine Ärztin sowie ein oder zwei Pflegekräfte anwesend sind.

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„Für manche sind wir der einzige Besuch am Tag“

In unserem Pflegesystem läuft vieles schief. An dieser Stelle berichten Pflegekräfte anonym aus ihrem Berufsalltag. Diesmal: eine Altenpflegerin und Fachkraft für Palliativpflege aus dem ambulanten Dienst.

Weder Politik noch Bevölkerung verstehen die Bedeutung der Pflege

Wie wenig die Bevölkerung die Situation versteht, zeigen auch so manche Reaktionen. Streikende Pflegekräfte berichten immer wieder von Anfeindungen durch Angehörige oder Patienten. Eine Zeitung warf in einem Kommentar zum aktuellen Streik in NRW den Pflegekräften sogar vor, sie würden die Patientinnen und Patienten durch ihren Arbeitskampf „in Geiselhaft“ nehmen. Und ein Uniklinik-Chef warnte in der Presse vor einer „akut bedrohlichen Situation“ durch den Streik. Dass die Lage bereits seit Jahren angespannt ist, scheinen manche vergessen zu haben.

Zudem zeigt auch die Politik immer wieder, dass sie die Bedeutung von Pflegefachkräften für eine gute, medizinische Versorgung nicht verstanden hat. Ansonsten würden Politikerinnen und Politiker nicht immer wieder mit Vorschlägen kommen, wie Arbeitslose in der Pflege einzusetzen.

Eine Pflegeausbildung dauert mindestens drei Jahre. Eine Ausbildung zur Intensivpflegefachkraft fünf Jahre. Gut ausgebildete Fachkräfte sind mehr als Essensbringer oder „Arschabwischer“, wie Pflegekräfte manchmal abfällig genannt werden. Gut ausgebildete Fachkräfte übernehmen auch medizinisch relevante Aufgaben, können gesundheitliche Probleme frühzeitig erkennen und so auch Ärztinnen und Ärzte unterstützen und entlasten.

Was wir tun können und sollten

Wer bessere Bedingungen in der Pflege will, sollte aktiv werden: Jeder von uns kann kurz- oder langfristig vom Pflegemangel und den katastrophalen Bedingungen betroffen sein. Wenn Sie das nächste Mal erleben, dass Ihre Lieben im Krankenhaus schlecht versorgt sind, überlegen Sie, ob Sie wirklich Ihre Wut an dem vermutlich unterbesetzten und überarbeiteten Personal auslassen wollen.

Schreiben Sie lieber Ihrem Abgeordneten und verlangen Sie bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. Oder schauen Sie bei der nächsten Wahl vorher in die Wahlprogramme der Parteien, ob die sich für bessere Bedingungen in der Pflege einsetzen. Vielleicht gehen Sie beim nächsten Streik auch mit auf die Straße? Die Menschen in der Pflege würden es Ihnen danken.