Ein Fernsehwerbespot im Jahr 2022: Beschwingt dreht die junge Eiskunstläuferin Pirouetten. Während sie elegant über die Eisfläche gleitet, erzählt sie aus dem Off: „Ob ich meine ­Tage habe oder nicht, ich brauche nur den richtigen Schutz!“ Sie wolle sich einfach „frei fühlen“. Anschließend berichtet eine weitere Stimme von verbesserter Saugkraft und dreimal mehr Trockenheit, während Hände rote Flüssigkeit auf Damenbinden schütten. Worum es geht – die Menstrua­tion –, erwähnt der Spot explizit nicht.

Der Menstruationszyklus

Täglich menstruieren weltweit zwischen 300 und 800 Millionen Menschen mit Uterus. Das heißt, Frauen und Mädchen, ebenso Menschen, die sich ihrem biologischen, weiblichen Geschlecht nicht zugehörig fühlen. Weil diese Blutung in den meisten Fällen sehr regelmäßig kommt, spricht man auch vom Zyklus.

Frau liegt auf Bett

So funktioniert der weibliche Zyklus

Einmal im Monat haben Frauen normalerweise ihre Menstruation – das ist kein Geheimnis. Aber was in ihrem Körper sonst noch passiert, häufig schon. Wie der weibliche Zyklus funktioniert, zeigt diese

Einmal im Monat reift in den Eierstöcken eine Eizelle heran, die Schleimhaut der Gebärmutter baut sich auf, um alles für eine Befruchtung vorzubereiten. Klappt das – wenn eine Frau und ein Mann zum richtigen Zeitpunkt Sex haben und sich Eizelle und Spermium treffen –, kommt es wahrscheinlich zu einer Schwangerschaft. Wenn nicht – zum Beispiel weil Geschlechtsverkehr gar nicht stattgefunden hat –, wird der Körper die Eizelle wieder los: Das unbefruchtete Ei wird mit Schleimhaut und Vaginalsekret über die Vagina nach draußen transportiert. Mit der Menstruationsblutung beginnt ein ­neuer Zyklus.

Mystifiziert, verdammt, problematisiert

Dass dieser natürliche Vorgang ein Tabu ist, hat Franka Frei erkannt, als sie ihre Bachelor-Arbeit darüber schreiben wollte – und das Thema erst einmal abgelehnt wurde. Sie blieb hartnäckig, hat die Arbeit trotzdem geschrieben und auch ein Buch („Periode ist politisch“, Heyne) veröffentlicht. „Anders als bei Verboten oder Gesetzen sind wir uns der meisten Tabus gar nicht bewusst. Das macht es schwer, sie zu begreifen, zu bekämpfen und abzubauen“, so Frei. „Wir lernen: Darüber spricht man nicht. Oder: Darüber haben wir doch schon alles gesagt, das ist nicht der Rede wert.“

Solange Frauen menstruieren, so lange wird ihr Zyklus schon mystifiziert, verdammt oder problematisiert. Die monatliche Blutung wurde einerseits als Krankheit oder Übel angesehen. Bis in die frühe Neuzeit hielt sich die Theorie aus der Antike, der weibliche Körper sei anfälliger und fehlerhafter als der männliche – und müsse aufgrund dieser „Fehler“ Monat für Monat bluten.

Das Blut galt als schädlich oder gar giftig. Andererseits war schon vor den Anfängen der modernen Medizin klar, dass eine fehlende oder ausbleibende Blutung entweder ein Zeichen für eine Schwangerschaft oder für Unfruchtbarkeit war. Manche Mythen um die Periode gibt es heute noch: zum Beispiel dass man nicht schwimmen gehen oder keinen Sex haben sollte, wenn man gerade menstruiert.

Schluss mit „Erdbeerwoche“ oder „Besuch von Tante Rosa“

Im Alltag wird die Menstruation heute häufig noch genauso verborgen wie in der Werbung: Mädchen und Frauen haben ihre „Tage“, „Erdbeerwoche“ oder bekommen „Besuch von Tante Rosa“. Das beobachten auch Danii Arendt und Zsuzsa Sándor vom Projekt amanda, die für Mädchen, junge Frauen und menstruierende Personen Workshops in München anbieten.

Die beiden Sozial- und Sexualpädagoginnen klären auf: über die erste Periode, den weib­lichen Zyklus, welche Produkte es außer Binden und Tampons gibt – und warum es wichtig ist, offen über die Menstruation zu sprechen. „Wir erleben oft, dass die Mens­truation als Problem gesehen wird: Die armen Mädchen bluten jeden Monat – Jungs dagegen haben Glück gehabt“, sagt Arendt.

Scham hemmt Auseinandersetzung mit eigenem Körper

Gerade für junge Mädchen sei das Thema noch immer schambehaftet. Weil es mit Blut zu tun hat, mit Intimität, auch mit Sex. Die Scham und das Tabu verhindern aber nicht nur das offene Gespräch. Sie verhindern auch, wirklich Bescheid zu wissen über den eigenen Körper – und damit über die eigene Gesundheit. Auch Chella Quint möchte das nicht länger hinnehmen. Die US-Amerikanerin, die im englischen Sheffield lebt, hat ein Aufklärungsbuch für junge Menschen geschrieben, das 2021 auch auf Deutsch erschienen ist („Mut zum Blut“, Zuckersüß Verlag).

Quint hat mit Kunst-Projekten zur Menstruation begonnen, ist mit einem Stand-up-Programm zur Periode aufgetreten und unterrichtet Sexualkunde an Schulen. Sie sagt: „Die meisten Hersteller von Periodenprodukten verstärken das Tabu und die Scham, zum Beispiel über negative Sprache.“ Begriffe wie „Damenhygiene“ oder „Diskretion“ verbreiteten die alte Botschaft nur in anderem Gewand: Die Mens­truation sei ein Fehler im System und es sei wichtig, sie zu verschleiern. Oder, noch wichtiger: sich „frei“ zu fühlen und zu funktionieren. Unabhängig von Bauchkrämpfen, Rückenschmerzen und anderen Beschwerden, die für viele zur Menstruation dazugehören.

Starke Schmerzen können auf Endometriose hindeuten

Und über die viele nicht sprechen. „Regelschmerzen werden oft nicht ernst genommen“, sagt Professorin Sylvia Mechsner, Leiterin des Endometriose-Zentrums an der Berliner Charité. „Es wird suggeriert: Das gehört nun mal dazu, das musst du eben aushalten.“ Dabei können sehr starke Schmerzen und Blutungen ein Zeichen für Endometriose sein – Gewebe, das dem der Gebärmutterschleimhaut ähnelt und etwa an einem untypischen Ort im Bauchraum wächst. Es breitet sich vor allem im Bauchfell aus, kann aber auch in Organe wie den Darm oder die Blase einwachsen.

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Mysterium Endometriose

Bis zur Diagnose einer Endometriose vergehen oft viele Jahre. Warum ist so wenig über die Erkrankung bekannt?

Die Folgen sind nicht nur starke Schmerzen, sondern auch Arbeitsunfähigkeit oder Unfruchtbarkeit. „Auch Ärzte nehmen die Symptome oft nicht ernst, daher dauert es im Durchschnitt zehn Jahre, bis eine Frau die richtige Diagnose erhält“, sagt Mechsner. Aufklärung sei auch deshalb so wichtig, sagt Zsuzsa Sándor von amanda: „Wenn ich weiß, wie mein Körper funktioniert, verstehe ich nicht nur die Menstruation, sondern kann auch besser mit den Schmerzen umgehen – und darüber sprechen, zum Beispiel wenn die Beschwerden sehr stark oder ungewöhnlich sind.“

Im Leistungssport ist Periode kaum ein Thema

Auch im Leistungssport wurde die Frauengesundheit lange Zeit nicht ausreichend beachtet. Elisabeth Kirschbaum und Katharina Fischer forschen am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig in der Themengruppe „Frau im Leistungssport“ und haben festgestellt: „Bei deutschen Athletinnen mit einem natürlichen Menstruationszyklus ist jede vierte von Zyklusstörungen betroffen.“

Trotzdem ist in vielen Fällen die ­Periode weiterhin kein Thema. „Die Sportlerinnen haben oft keine Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner und für die meist männlichen Trainer ist es unangenehm, darüber zu sprechen. Viele wissen auch zu wenig über den weiblichen Zyklus“, sagt Katharina Fischer. Dieses Unwissen kann zum Problem werden. „In der Sportwelt wird es teilweise immer noch als normal angesehen, dass durch den Leistungssport die Menstruation ausbleibt – doch das ist immer ein absolutes Warnzeichen und eine Gefahr für die Gesundheit“, so Kirschbaum.

Erste Sportvereine und -verbände integrieren das Thema schon in Trainingspläne und Fortbildungen und sprechen mit den Athletinnen darüber. So nutzen zum Beispiel die Spielerinnen der US-Fußball-Nationalmannschaft eine Zy­klus-App. Und auch in Deutschland ent­wickelt die Bochumer Sportmedizinerin Prof. Petra Platen mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband gerade ein Mens­truationszyklus-Monitoring für Athletinnen. „Noch sind das Einzelfälle, aber wir sehen eine Entwicklung, die gerade beginnt“, so Katharina Fischer. Aber was wissen Sportlerinnen, Trainerinnen und Trainer überhaupt über den Menstruationszyklus? Und welche Rolle spielen hormonelle Verhütungsmittel im Leistungssport? Das wollen Kirschbaum und Fischer nun mit einem von ihnen erstellten Fragebogen herausfinden.

Mehr Aufklärung in der Schule gefordert

Das Tabu bricht. Chella Quint setzt sich mit ihren Büchern und Vorträgen für mehr „Periodenpositivität“ ein. Sie sagt: „Wir müssen offen über die Menstruation reden.“ Und damit meint sie nicht nur Frauen. „Jeder, jede von uns war einmal in einem Uterus, einer Gebärmutter. Also sollte auch jeder und jede darüber Bescheid wissen, wie der Uterus funktioniert.“ Ein paar Minuten im Biologie-Unterricht reichen dafür nicht aus. Daher arbeitet Quint hartnäckig daran, dass ihr Aufklärungsansatz in den Lehrplan britischer Schulen aufgenommen wird. Demnächst stellt sie ihn im Parlament vor.

Menstruierende in Spanien bekommen seit diesem Jahr bezahlte Krankheitstage, wenn sie zum Beispiel wegen starker Bauchkrämpfe zu Hause bleiben müssen. In Deutschland wurde im Januar 2020 die „Tamponsteuer“ gesenkt. Bis dahin wurden Tampons oder Binden mit dem höheren Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent besteuert, nach einer erfolgreichen Petition beschloss der Bundestag die Senkung auf sieben Prozent. „Langsam kommt das Thema Menstruation in der Politik an – und das ist wichtig“, sagt Periodenaktivistin Franka Frei.

Shitstorm für Periodenprodukt in TV-Show

Auch das Angebot der Periodenprodukte wird größer, sichtbarer und nachhaltiger: Immer mehr Menstruierende benutzen Menstruationstassen oder -schwämme oder Perioden-Unterwäsche, die das Blut aufsaugt und vor dem Auslaufen schützt. Viele möchten auf den Müll verzichten, den Einweg-Binden und Tampons in Massen produzieren.

Davon schienen die beiden Kandidaten der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ nichts gehört zu haben, als sie dort im April 2021 einen „Perioden-Handschuh“ vorstellten. Der pinkfarbene Plastik-Handschuh sollte Frauen ermöglichen, einen Tampon „diskret“ zu entfernen und zu entsorgen. Die Investoren waren begeistert – zwei Jahre vorher hatten sie die Herstellerinnen nachhaltiger Perioden-Unterwäsche noch abblitzen lassen. Ein Beleg dafür, wie groß das Tabu und die Unwissenheit rund um die Menstruation noch immer sind?

Nicht unbedingt. Denn die Herren hatten die Rechnung ohne die sozialen Medien gemacht. Nach einem gewaltigen Shitstorm zogen sie ihre Idee zurück. „Daran sieht man nicht nur, was für eine Sprengkraft die sozialen Medien für ein solches Tabu haben“, sagt Franka Frei. „Sondern auch, wie stark sich unsere Gesellschaft schon gewandelt hat. Das stimmt mich sehr optimistisch.“ Vielleicht schwärmt die Eiskunstläuferin in der Werbung bald von ihrem Perioden-Slip oder ihrer Menstru­ationstasse. Wäre es nicht an der Zeit?

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Quellen:

  • Plan International: Menstruation im Fokus, Erfahrungen von Mädchen und Frauen in Deutschland und weltweit.. Online: https://www.plan.de/... (Abgerufen am 26.07.2022)
  • Kirschbaum, E et al: Prevalence of menstrual disorders among German female elite athletes. British Journal of Sports Medicine: https://bjsm.bmj.com/... (Abgerufen am 31.08.2022)
  • Read, S: Thy righteousness is but a menstrual clout: sanitary practices and prejudice in early modern England. Online: https://www.jstor.org/... (Abgerufen am 31.08.2022)
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