Zunächst einmal: Von „Menstruationsurlaub“ zu sprechen, wenn man über das neue Gesetz in Spanien zur Freistellung bei starken Periodenschmerzen redet, ist unpassend. Genauso unpassend als spräche man von „Vasektomie-Ferien“, wenn Männer nach der Sterilisation noch ein paar Tage krankgeschrieben sind.

Bei starken Periodenschmerzen sitzen Menschen mit Gebärmutter nicht unbedingt mit einem Eis auf dem Balkon und sonnen sich. Viele von ihnen liegen mit Schmerzmitteln im Bett und sind dankbar, wenn ihnen jemand die nächste Wärmflasche heiß macht.

Anderes System in Spanien

Menschen in Spanien, die eine besonders schmerzhafte Periode haben, können nun bis zu fünf Tage eine Krankschreibung hierfür bekommen. Das ist eine Sonderregel, denn eigentlich erhält man in Spanien erst nach dem fünften Krankentag einen Lohnausgleich.

Dr. Laura Weisenburger ist Ärztin und Redakteurin

Dr. Laura Weisenburger ist Ärztin und Redakteurin

Diese neue, bezahlte Freistellung bei besonders schmerzhaften Perioden ist auch ein wichtiger Schritt, um Menschen mit Monatsblutungen nicht noch mehr finanziell zu benachteiligen. Das sind sie oft bereits durch Gender-Pay-Gap und Hygieneartikel, die deutlich über dem Durchschnitt besteuert sind.

In Deutschland ist die Situation aber eine etwas andere: Man erhält in der Regel ab dem ersten Tag eine Lohnfortzahlung, wenn man sich krank und aufgebläht fühlt und sich mit Ibuprofen und Wärmflasche in die Bettdecke einrollt. Und trotzdem muss sich etwas ändern. Auch hier brauchen wir ein neues Bewusstsein für die Einschränkungen, die viele Menstruierende erleben.

Patientin in der Sprechstunde

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Blutung mit Nebenwirkungen

Denn knapp drei Viertel (72 Prozent)* der Menschen mit Monatsblutungen haben starke Unterleibsschmerzen und Krämpfe. Die Hälfte fühlt sich aufgebläht, kraftlos, schlapp. Die Psyche leidet. Auch starke Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit und Traurigkeit betreffen viele.

Aber auf Verständnis dafür darf man leider nicht überall hoffen. Wenn Frauen der Arbeit oder Schule aufgrund ihrer Periode fernbleiben, halten das 20 Prozent der Männer für „übertrieben und nicht hinnehmbar“. Das ist jeder Fünfte! Das ist nicht hinnehmbar? Würde man über jemanden, der gerade mit Hexenschuss oder Grippe im Bett liegt, genauso urteilen?

Wenn man bedenkt, wie viele Männer in Chefetagen sitzen (70 Prozent aller Führungspersonen sind immer noch Männer[1]), dann verwundert es nicht, dass sich nur sehr wenige Frauen mit Periodenbeschwerden tatsächlich in der Schule (zwölf Prozent) oder bei der Arbeit (acht Prozent) krankmelden. Obwohl jede vierte Betroffene es gern täte. Aber sie haben Angst vor negativen Reaktionen und Unverständnis. Eine berechtigte Angst: Jede zweite Frau durfte sich an Schule, Universität oder Arbeitsplatz schon negative Kommentare zu ihrer Periode anhören.

Frau liegt auf Bett

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Die Scham überwinden

All dieses Unverständnis, die Scham, Schmerzen und Einschränkungen, die mit der Periode in unserer Gesellschaft immer noch verbunden sind, zeigen: Auch in Deutschland braucht es dringend einen anderen Umgang mit dem Thema. Es braucht Aufklärungskampagnen in den Schulen für alle Geschlechter, unkomplizierte Krankschreibungen in den Praxen und Verständnis bei den Vorgesetzten.

Dass mit einem offenen Umgang die negativen Aspekte der Menstruation gegenüber den Arbeitgebern noch mehr hervorgehoben und die Vorurteile gegenüber Frauen weiter befeuert werden, darf kein Argument sein. Denn dann wird das Stigma, das die Blutung auf uns Menstruierenden hinterlässt, sich nie auflösen. Es ist wichtig, dass die Hälfte der Bevölkerung offen über ihre Schmerzen, über psychische Belastung und ihre Schwäche während der Periode sprechen darf und dabei ernst genommen wird. Denn diese Beschwerden sind da, sie sind real. Und sie sind für uns alle der Ursprung unseres Daseins. Ohne Periode keine Kinder, kein Leben. Also gehen wir doch bitte offener und respektvoller damit um!

*Alle Zahlen stammen aus der Ende Mai 2022 veröffentlichten repräsentativen Umfrage von Plan Internation und WASH United (zwei gemeinnützige Organisationen, die sich weltweit für bessere Bildung und Hygiene – insbesondere Menstruationshygiene – bei Kindern und Jugendlichen einsetzen). Es nahmen insgesamt 2000 Mädchen und Frauen – aber auch Männer und Jungen aus Deutschland teil.

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Quellen:

  • Plan International Deutschland e.V. (Hrsg.), WASH United: Menstruation im Fokus, ERFAHRUNGEN VON MÄDCHEN UND FRAUEN IN DEUTSCHLAND UND WELTWEIT.. https://www.plan.de/... (Abgerufen am 02.06.2022)
  • [1] DeStatis Statistisches Bundesamt: Frauen in Führungspositionen. https://www.destatis.de/... (Abgerufen am 02.06.2022)