Zwei Schritte vor, einer zurück: Im Umgang mit knappen Arzneimitteln ist Deutschland zuletzt einen recht guten Weg gegangen. Apotheken können derzeit einfacher Alternativen organisieren, wenn ein Medikament vorübergehend nicht verfügbar ist. Das hat 2020 die damals amtierende Große Koalition im Zuge der Pandemie so festgelegt. Zugleich aber hat sie diese Regel mit einem Ablaufdatum versehen. Schon bald könnte damit wieder mehr Ärger auf Patientinnen und Patienten zukommen.

Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmakonzernen

Wie so oft im Gesundheitswesen geht es auch in dieser Angelegenheit vor allem ums Geld. Krankenkassen sparen große Summen, indem sie Rabattverträge mit Pharmaunternehmen eingehen. Darin sichern sie den Herstellern exklusive Rechte für die Versorgung ihrer Versicherten zu. Im Gegenzug bekommt die Kasse einen guten Preis. Profitieren kann sie davon allerdings nur, wenn am Ende auch wirklich das im Vertrag vereinbarte Arzneimittel und keine Alternative bei den Patientinnen und Patienten ankommt. Mit ihrem Entscheidungsfreiraum könnten die Apotheken die Rabattverträge torpedieren, fürchten die Kassen.

Tatsächlich scheint diese Sorge unbegründet zu sein. So wurden die Verträge 2020 trotz der Sonderregeln nahezu vollständig erfüllt. Das geht aus einer Analyse des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts hervor. Zugleich konnten die Kassen mit satten fünf Milliarden Euro einen neuen Rekordwert über die Rabattvereinbarungen sparen. Auf der anderen Seite sind Patientinnen und Patienten oft deutlich schneller an das passende Arzneimittel gekommen. Die Fälle, in denen sie erst auf ein Medikament warten mussten, haben sich halbiert.

Lieferengpässe als neues Zukunftszenario

Damit sorgt der Spielraum der Apotheken für Entlastung im Gesundheitssystem. Das hat eigentlich auch die Bundesregierung längst erkannt. Schon einmal hat die Ampel die Sonderregeln in die Verlängerung geschickt. Doch nur mit einer dauerhaften Lösung ließen sich die Probleme auch nachhaltig in den Griff bekommen.

Fest steht: Auch in Zukunft werden Engpässe zum Alltag in der Arzneimittelversorgung gehören – ganz unabhängig von der Pandemie. Wirkstoffe kommen heute zu einem Großteil aus Asien und dort oft nur aus wenigen Produktionen. All das setzt die globalen Liefer­ketten gehörig unter Druck. Bereits kleinste Störungen werden damit schnell zu einem handfesten Problem.

Wenig Rückhalt aus der Politik

Knapp 17 Millionen Packungen Rabattarzneimittel fehlten allein im Jahr 2020. Natürlich können Apotheken auch ohne die pandemiebedingten ­Regeln Alternativen organisieren. Das allerdings setzt Rücksprachen und ­eine Menge Dokumentation voraus. So gehen wichtige Ressourcen in der Arzneimittelversorgung verloren.

Die Politik hat diesem Einsatz zuletzt nur wenig Beachtung geschenkt. Stattdessen will sie auch bei den Apotheken Gelder einziehen, um so die Finanzen der Gesetzlichen Krankenversicherung zu sanieren. In Zukunft sollen Apotheken den Kassen erhöhte Rabatte einräumen. Das sorgt zu Recht für Unmut bei den Pharmazeuten.

Volle fünf Stunden pro Woche hat ein Apothekenteam im Schnitt allein mit dem Management der Lieferengpässe zu tun. Diese Zeit wäre dauerhaft sinnvoller in die pharmazeutische Betreuung investiert. Das jedenfalls wären dann mindestens zwei Schritte nach vorn – und kein einziger zurück.

-