Wilhelm Schüßler war ein Meister des So-tun-als-Ob. So tun, als hätte er die Hochschule oder ein Medizinstudium abgeschlossen, so tun, als wäre er promoviert. Die von ihm entwickelten Schüßlersalze passen gut in diese Reihe: Schüßler gab vor, diese wären Salze und könnten Krankheiten heilen. Doch von vorne.

Woher kommen Schüßlersalze?

Abitur und Approbation holte Schüßler nach. Um 1870 hörte er während einer Vorlesung in Prag von der Homöopathie. Sie gefiel ihm, war aber für seinen Geschmack zu kompliziert. Daher entwarf er seine „Abgekürzte homöopathische Therapie“ mit nur zwölf verschiedenen Substanzen. Die „Biochemische Heilweise“, wie er das Konzept später nannte, hat wenige, dafür strenge und kuriose Regeln.

Erste Regel: Alle Krankheiten lassen sich auf einen Mineralstoffmangel zurückführen. Welches Mineral, also Salz, genau fehlt, wird mittels „Antlitz-Analyse“ (Auswertung von Gesichtsfarbe und -falten der Betroffenen) diagnostiziert. Zweite Regel: Nur durch Zufuhr der fehlenden Mineralstoffe tritt die Heilung ein. So weit, so logisch.

Die dritte Regel verwundert dann aber: Die fehlenden Salze dürfen dem Körper nur in allergeringsten Mengen angeboten werden. Nur dann gleichen sie den Mangel aus. Übliche Verdünnungen für Schüßlersalze sind D6 (eins zu einer Million) oder D12 (eins zu einer Billion). Die Wirkung trotz massiver Verdünnung begründete Schüßler mit der „feinstofflichen Schwingung“. Wer oder was da wo schwingt, erklärte er nicht. Aufgrund der starken Verdünnung bestehen die Tabletten nicht aus Salz, sondern vor allem aus Zucker.

Schüßler verfügte, dass nach seinem Tod die Regeln keinesfalls geändert oder angepasst werden dürfen. Neue Erkenntnisse der Forschung, etwa dass Viren Krankheiten auslösen, konnten daher nicht einfließen. Bis heute ist keine anerkannte wissenschaftliche Studie erschienen, die eine Wirkung der Schüßlersalze nachweisen konnte.

Vorgeschlagene Anwendungen...

Sucht man nach Anwendungsgebieten der Salze, so schlagen manche Internetseiten „Duseligkeit“ oder juckende Fußsohlen vor (nur zwei der vielen Einsatzmöglichkeiten des Salzes Nummer 7). Auch Schlaganfall oder Angina pectoris stehen auf diesen inoffiziellen Listen. Und das ist das wirklich Gefährliche. Lässt man sich bei einem Schlaganfall erst mal eine Schüßler-Tablette auf der Zunge zergehen, statt den Notruf zu wählen, kann das böse enden.

Man kann also getrost seinen Kaffee mit Schüßlersalzen süßen – eine Heilung sollte man sich von ihnen aber nicht versprechen. Und bei Beschwerden immer ärztlichen Rat suchen.

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