Wann kommt eine Prophylaxe mit Medikamenten infrage?

„Bei vier oder mehr Migräne­tagen im Monat ist eine medikamentöse Prophylaxe möglich“, sagt Robert Fleischmann, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Greifswald. Ob die Medikamente wirken, lässt sich erst nach etwa drei bis vier Monaten feststellen. Nehmen Sie die Medikamente auf jeden Fall weiter und ­führen Sie in dieser Zeit Ihr Schmerztagebuch. Sollten Sie Nebenwirkungen haben(z. B. Müdigkeit), sprechen Sie dies bei Ärztin oder Arzt an.

Niedrig dosiert: Antidepressiva

Bestimmte Mittel gegen Depression, sogenannte trizyklische Antidepres­siva, werden schon lange zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt. „Wir kennen diese Medikamente schon seit Jahrzehnten und wissen, dass sie sehr sicher sind“, sagt Dagny ­Holle-Lee.

Sie helfen auch bei Schlafstörungen und anderen Schmerz­erkrankungen. Der Unterschied zur Therapie von Depressionen: In der Migräne-Prophylaxe werden die Mittel sehr viel niedriger dosiert eingesetzt.

Dagny Holle-Lee ist Leiterin des Westdeustchen Kopfschmerzzentrums in Essen.

Dagny Holle-Lee ist Leiterin des Westdeustchen Kopfschmerzzentrums in Essen.

Krampflösend: Antiepileptika

Diese Wirkstoffe kommen aus der Epilepsie-Behandlung. Auch sie werden schon seit Längerem zur Vorbeugung von Migräne verschrieben und sind auch für Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen gut verträglich.

Wichtig: Frauen, die Anti­epileptika einnehmen, müssen sicher ­ver­hüten. Denn während einer Schwangerschaft können die Mittel zu Fehlbildungen beim Ungebo­renen führen.

Beruhigend: Betablocker

Die Blutdrucksenker werden hauptsächlich bei Herz- und Kreislauferkrankungen angewandt. Ihre vorbeugende Wirkung bei Migräne war ein Zufallsfund. Unter den Herzmedikamenten kommen außerdem Kalziumantagonisten bei der Migräne-Prophylaxe zum Einsatz.

Nur bei chronischer Migräne: Botox

Das Nervengift Botulinumtoxin (kurz: Botox) wird in die Muskulatur von Stirn, Kopf und Nacken gespritzt und hemmt dort die Schmerzweiterleitung. Zugelassen ist es seit 2011 nur zur Prophylaxe der chronischen Migräne – bei mehr als 15 Kopfschmerztagen im Monat. Die Behandlung muss alle drei Monate wiederholt werden.

Wenn sonst nichts hilft: Antikörpertherapie

Bei einer Migräne-Attacke wird das Eiweiß CGRP in großen Mengen an den Hirnnerven ausgeschüttet. Die Antikörper-Prophylaxe wurde gezielt für diesen Mechanismus entwickelt: Sogenannte monoklonale Antikörper blockieren entweder die Stelle am Hirnnerv, an die das Eiweiß andocken will, oder machen es unschädlich. „So konnte auch bewiesen werden, dass es sich bei Migräne um eine neurologische, keine im Ursprung psychosomatische Erkrankung handelt“, sagt Robert Fleischmann von der Universität Greifswald.

Wie funktioniert diese Prophylaxe?

Antikörper werden im Abstand von vier Wochen unter die Haut gespritzt oder als Infusion verabreicht. Vier verschiedene Wirkstoffe sind derzeit im Einsatz. Ihr Vorteil: Sie wirken gezielt gegen die Migräne, die Abbruchraten unter den Betroffenen sind geringer als bei anderen medikamentösen Prophylaxen.

Aber: Bei bis zu einem Drittel der stark Betroffenen wirken sie nicht ­aus­reichend. Viele Patientinnen und Pa­tienten profitieren zudem von den bewährten Prophylaxen. Die gesetz­lichen Kassen übernehmen die Kosten für die teure Antikörper-Therapie nur, wenn Migräne-Betroffene es vorher mit allen anderen ­Prophylaxen versucht haben.

Was hat sich bei den Antikörpern geändert?

Neuere Studien zeigen, dass Antikörper genauso wirksam und verträglich sind wie bewährte Prophylaxen – oder sogar besser abschneiden können. So ist der Antikörper Erenumab dem Wirkstoff Topiramat, einem Antiepileptikum, überlegen. Das hat eine Bewertung des Gemeinsamen Bundesausschusses gezeigt. Für Patientinnen und Patienten ergibt sich mit Erenumab eine zusätz­liche Prophylaxe-Möglichkeit. Ob diese für Sie infrage kommt, kann Ihre Neurologin oder Ihr Neurologe beantworten.

Nichtmedikamentöse Maßnahmen

  • Schmerztage verringern mit Sport: Studien zeigen, dass regelmäßiger, modera­ter Ausdauersport wie Walken, Joggen oder Radfahren die Häufig­ keit der Schmerztage verringern kann. Daher: Sport genauso wichtig nehmen wie einen Arzttermin oder die medikamentöse Prophylaxe.
  • Attacken vorbeugen durch Entspannung: Methoden wie Yoga, Meditation oder Progressive Muskelentspannung können helfen, Attacken zu verhindern.
  • Schmerzen kontrollieren mittels Biofeedback: Bei der Biofeedback-Therapie lernen Patienten, Körperfunktionen zu beeinflussen – etwa gezielt Muskeln zu entspannen oder ein durch die Attacke geweitetes Gefäß zu verengen.

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Kopfschmerz: Piks gegen Migräne

Seit drei Jahren ist in Deutschland eine neue Migräne-Behandlung zugelassen. Die Antikörper-Therapie ist gut wirksam, kommt aber nicht für jeden infrage.


Quellen:

  • Gemeinsamer Bundesausschuss: Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses über eine Änderung der Arzneimittel-Richtlinie: Anlage XII – Nutzenbewertung von Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen nach § 35a SGB V Erenumab (Neubewertung aufgrund neuer Wissenschaftlicher Erkenntnisse (Migräne-Prophylaxe)). Online: https://www.g-ba.de/... (Abgerufen am 09.12.2022)
  • Gemeinsamer Bundesausschuss: Fremanezumab. Online: https://www.g-ba.de/... (Abgerufen am 09.12.2022)
  • Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft: Ein PACAP-Rezeptorantikörper zur Prophylaxe der Migräne. In: Online: 04.02.2021, https://doi.org/...
  • Diener, Holle-Lee, Gaul: Migräneprophylaxe: Neue Antikörper – wann und wie einsetzen?. Ärzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/... (Abgerufen am 09.12.2022)
  • Großrau, G. et al: Konsensusstatement der Migräne- und Kopfschmerz- gesellschaften (DMKG, ÖKSG & SKG) zur Therapiedauer der medikamentösen Migräneprophylaxe. In: Online: 23.08.2022, https://doi.org/...
  • Overath, C et al: Does an aerobic endurance programme have an influence on information processing in migraineurs?. Online: https://link.springer.com/... (Abgerufen am 09.12.2022)
  • Jackson, J et al: Beta-blockers for the prevention of headache in adults, a systematic review and meta-analysis. In: Online: 20.03.2019, https://doi.org/...
  • Ruscheweyh, R et al: Therapie der chronischen Migräne mit Botulinumneurotoxin A. In: Online: 08.06.2018, https://doi.org/...
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