Ansteckender geht es wohl kaum – so der Eindruck bei manchen vor wenigen Wochen, als sich die Untervariante BA.2 der Omikron-Variante ausbreitete und die bis dahin dominierende Untervariante BA.1 ablöste. Doch es geht vermutlich noch ansteckender. Dieser Eindruck drängt sich nun angesichts der neuesten Entwicklungen auf.

XE heißt eine neu entdeckte Untervariante von Omikron. Entdeckt wurde sie bereits am 19. Januar in Großbritannien, wo besonders viele SARS-CoV-2-Proben sequenziert werden. Das heißt, sie werden auf ihr genetisches Profil hin analysiert. Und es gibt Hinweise, dass sie sich vergleichsweise schnell ausbreitet.

Ursachen für schnellere Ausbreitung

So schätzte am 5. April die Epidemiologin Maria Van Kerkhove von der Weltgesundheitsorganisation den Wachstumsvorteil von Omikron XE gegenüber der dominierenden BA.2-Variante auf etwa 10 Prozent[1]. Laut dem jüngsten Virusvarianten-Bericht der britischen Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA) vom 8. April breitet sich Omikron XE sogar mehr als 12 Prozent schneller aus[2].

In der Regel führen vor allem zwei Ursachen zu einer höheren Ausbreitungsgeschwindigkeit: Erstens eine höhere Ansteckungsfähigkeit. Es werden zum Beispiel weniger Viren benötigt, um eine Infektion hervorzurufen. Zweitens eine bessere Fähigkeit, dem menschlichen Immunsystem beziehungsweise dem Impfschutz auszuweichen. Beide Faktoren bestimmen am Ende mit, wie wahrscheinlich es ist, dass man sich als Gesunder infiziert.

Weitere Untervarianten entdeckt

Neben XE wurden verschiedene weitere Untervarianten von Omikron entdeckt, die unter Beobachtung stehen, etwa XF und XD. Dabei handelt es sich um sogenannte Rekombinanten: Sie können entstehen, wenn ein Mensch – und damit einige seiner Zellen – mit zwei Varianten gleichzeitig infiziert ist. Hier kann es gewissermaßen zu einem Austausch des Erbguts der verschiedenen Varianten kommen.

Die Rekombinante XD, die gelegentlich auch als auch Deltakron bezeichnet wird, ist eine Mischung der Varianten Omikron und Delta, sie wurde bislang vor allem in Belgien und Frankreich gefunden.[3] Die Rekombinante XE ist eine Mischung der bestehenden, bekannten Subtypen Omikron BA.1 und Omikron BA.2[1].

XF ist ebenfalls eine Kombination der Omikron-Variante BA.1 mit der Delta-Variante. Auf XE liegt das Hauptaugenmerk, weil sich diese Variante am schnellsten verbreitet. Bis zum 5. April konnten in Großbritannien bereits 1179 Fälle der XE-Variante nachgewiesen werden.

Kann sich Omikron XE durchsetzen?

Bedeutet das, Omikron XE verdrängt nun allmählich Omikron BA.2? Professor Jürgen Durner, Facharzt für Labormedizin und Chief Medical Officer der Laborgemeinschaft Becker & Kollegen, hat bereits die Ausbreitung der Delta-Variante und der BA.2-Variante mit eigenen Analysen besonders zeitnah begleitet. Er hält es für möglich, dass die vorherrschende Variante BA.2 in den nächsten Wochen durch Omikron XE ersetzt wird – genauso gut könne es aber sein, dass BA.2 bestehen bleibe und XE wieder verschwinde.

„Es wurden schon viele Varianten entdeckt, die wieder verschwunden sind, bevor sie sich in Deutschland ausgebreitet haben, man nehme nur die Varianten Lambda und Mu. Es ist zu früh zu sagen, ob Omikron XE auch dazu gehört, noch haben wir zu wenige Daten“, sagt Durner. In seiner Laborgemeinschaft beginnt man bereits, die Testungen so anzupassen, dass Omikron XE zügig erkannt wird – wenn die Untervariante denn einmal auftaucht.

„Bei uns haben wir bislang noch keinen Fall von Omikron XE identifiziert“, sagt Durner. Auch dem Robert Koch-Institut ist noch kein Fall von Omikron XE in Deutschland gemeldet worden.[4] In anderen Ländern außerhalb Großbritanniens ist die Variante hingegen inzwischen schon identifiziert worden, unter anderem wohl in Thailand[5] und in Indien[6].

Derzeit keine Hinweise auf schwerere Verläufe

Fraglich ist allerdings, ob es überhaupt große Konsequenzen hätte für den weiteren Verlauf der Pandemie, wenn Omikron XE tatsächlich BA.2 verdrängt. Entscheidend wird sein, ob Omikron XE häufiger zu schwereren Verläufen führt. Bislang hat man noch keine Hinweise gefunden, dass Omikron XE sich in dieser Hinsicht von BA.2 unterscheidet.

Allerdings wurde XE bisher erst bei einer kleinen Zahl von Patienten gefunden. Mit jedem Tag, der ohne auffällige Befunde vergeht, wird es aber wahrscheinlicher, dass Omikron XE nicht häufiger zu schwereren Verläufen führt. Denn wenn sich die Variante weiter ausbreitet, ist davon auszugehen, dass große Unterschiede auffallen, etwa wenn die neue Variante vor allem bei Patienten auf Intensivstationen nachgewiesen wird.

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